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StartseiteCorso"Es gibt nur noch schlechte Songtexte!"18.07.2020

"Unfollow The Rules" von Rufus Wainwright"Es gibt nur noch schlechte Songtexte!"

Mit "Unfollow The Rules" veröffentlicht Rufus Wainwright nach acht Jahren Pause wieder ein Pop-Album. An erster Stelle steht für ihn diesmal allerdings nicht die Musik, sondern der Text. Denn wie Wainwright im Corsogespräch beklagt: "Es gibt nur noch schlechte Songtexte!"

Rufus Wainwright im Corsogespräch mit Christoph Reimann

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Zwischen dem letzten Pop-Album von Rufus Wainwright und seiner neuen Platte "Unfollow The Rules" liegen acht Jahre. In der Zwischenzeit war Wainwright aber nicht untätig - er hat viel getourt, hat Opern-Musik geschrieben und Shakespeare-Sonette vertont. Dieser Ausbruch aus dem Pop hat Wainwright gut getan, wie er im Gespräch erzählt: "Meine Abstecher in die Welt der Oper haben dazu geführt, dass ich mich vom Pop-Mainstream habe befreien können." 

Diese neue Perspektive hat allerdings auch zu einer Unzufriedenheit mit dem Zustand der aktuellen Popmusik geführt. "Ob wir uns da jetzt Taylor Swift rauspicken oder Bruno Mars - die sind schon irgendwie interessant, die wissen, wie man tanzt und wie man sich anzieht. Die Songs sind super produziert. Aber die Texte? Wir brauchen wirklich bessere Texte!" 

Wainwright hat deshalb auf "Unfollow The Rules" einen stärkeren Fokus auf die Texte gelegt - die Musik und die Arrangement seien erst an zweiter Stelle gekommen. Thematisch geht es auf dem neuen Album um sensible Themen wie Hass oder Sucht - aber auch die Hoffnung und Trost sollen nicht zu kurz kommen, denn: "Wir alle werden für die Seele unserer Erde kämpfen müssen", so Wainwright, der mit seiner Musik die Hörerinnen und Hörer wappnen möchte für bevorstehende Kämpfe.


Hier lesen Sie das Interview in voller Länge:

Christoph Reimann: Acht Jahre liegen zwischen dem letzten und dem neuen Pop-Album von Ihnen. Natürlich waren Sie zwischendurch gut beschäftigt: Sie sind viel auf Tour gegangen, haben da auch viele Song aus Ihrem Katalog gespielt. Viele dieser Songs zeigen eine Person, die instabil ist, die drogenabhängig ist, die promiskuitiv ist, immerzu ist Ihr Herz gebrochen. Jetzt klingen Sie ganz anders. Darf man annehmen, dass es Ihnen im Moment rundherum bestens geht?

Rufus Wainwright: Was ich festgestellt habe, als ich solange weg war - also, ich habe ja gearbeitet, ich habe Opern geschrieben, Shakespeare-Sonette vertont - aber was ich festgestellt habe, ist, dass mich mein Publikum wahnsinnig vermisst hat. Denn die Welt ist sehr viel düsterer geworden, wir stehen vor großen Herausforderungen. Es gibt viel, vor dem man zurzeit Angst haben kann. Und deshalb brauchen wir Musik. Das neue Album soll ein Begleiter sein. Wir alle werden für die Seele unserer Erde kämpfen müssen. Es tauchen viele sensible Themen auf, darunter Hass, und auch Sucht im Song "Early Morning Madness". Trotz dieser Themen möchte ich aber Hoffnung spenden, damit Sie, meine Hörer und Hörerinnen, gewappnet sind für die bevorstehenden Kämpfe.

Reimann: Ich habe schon das Gefühl, dass Sie auf diesem Album in die Zukunft schauen. Trotzdem gehen Sie auch immer wieder zurück in Ihre Vergangenheit. In dem Song, den Sie gerade erwähnt haben, in "Early Morning Madness", da klingt das Klavier am Anfang doch ziemlich nach "Cigarettes And Chocolate Milk" aus dem Jahr 2001. Sollte das so sein?

Wainwright: In den letzten 20 Jahre habe ich meine eigene musikalische Sprache entwickelt. Ein bestimmter Sound, bestimmte Empfindungen - beides zwischen Tragödie und Komödie. Und manchmal nehme ich mir raus, darauf zurückzugreifen. Das bedeutet aber nicht, dass ich mich auf meinen Lorbeeren ausruhen möchte. Ich habe immer noch Spaß daran, mich weiterzuentwickeln, mich zu fordern. Mich und meine Zuhörer. Auch bei dem neuen Album war das so.

"Habe mich vom Pop-Mainstream befreien können"

Reimann: Und warum dreht sich dieser Song um Sucht?

Wainwright: Einmal süchtig, immer süchtig. Das geht nie mehr weg. Und dann hat die Sucht meines Erachtens auch etwas Schönes, etwas Hilfreiches.

Reimann: Was meinen Sie?

Wainwright: Da ist diese Verzweiflung. Diese Suche nach der Dunkelheit, nach Abgründen. Das Verlangen nach einer Flucht aus der Enge deiner Umgebung. Das kann einem sehr große Angst machen, wenn Drogen involviert sind. Aber wenn keine Drogen dabei sind, kann das zu ganz neuen Erkenntnissen führen.

Reimann: Und es hilft Ihnen vielleicht, Songs zu schreiben. Denn das habe ich mich schon gefragt: Jetzt, wo Sie einen Ehemann und eine Tochter haben, also ein relativ konventionelles Leben führen - brauchen Sie da länger fürs Songwriting?

Wainwright: Die Songs entstehen so schnell oder langsam wie sonst auch. Was ich aber festgestellt habe: Meine Abstecher in die Opernwelt - und da kommt auch noch was, ich habe noch mindestens ein Oper in mir - meine Abstecher in die Welt der Oper haben dazu geführt, dass ich mich vom Pop-Mainstream habe befreien können. Ich schreibe ständig Songs. Und machen wir uns nichts vor: Life is a bitch! Als meine Mutter gestorben ist, hat mich das in die dunkelsten Ecken meiner Seele geführt. Und das hat mir viele Songs geschenkt. Die Songs werden immer einen Weg finden, auch die großartigen. Aber wenn man mal seinen gewohnten Job als Popmusiker hinter sich lässt und dann nach einer Weile zurückkehrt, dann hat man ein viel größeres Repertoire, aus dem man dann das Beste rausziehen kann.

"Ich bin kein besonders guter Lehrer"

Reimann: Tochter und Ehemann haben wir schon angesprochen. Sie singen auf dem Album über beide. Hätte sich der junge Rufus dieses Familienleben erträumen lassen?

Wainwright: Ich glaube nicht, dass er sich das hätte vorstellen können, ganz und gar nicht. Gerade der Rufus in der "Poses"-Phase um das Jahr 2001 herum war doch sehr entschlossen, seine Fantasien als dekadenter Zerstörer zur Jahrhundertwende voll auszukosten.

Reimann: Kinder, besonders wenn sie so um die acht Jahre alt sind, tendieren dazu, sehr radikale Meinungen zu haben. Mag ihre Tochter denn das Lied, das Sie für sie geschrieben haben?

Wainwright: Sie liebt das Lied. Sie wünschte nur, es wäre ein bisschen länger.

Reimann: Es ist das kürzeste Lied auf der ganzen Platte.

Wainwright: Es ist das kürzeste Lied. Ich habe versucht, meine Zuwendungen für Sie ein bisschen zu zügeln. Ich kann ihr nicht immerzu irgendwelchen Schmuck schenken, ich kann ihr kein Pony kaufen. Ich glaube, für eine Achtjährige ist es ganz angemessen, einen Song von unter zwei Minuten zu haben. Irgendwann wird sie mehr Aufmerksamkeit brauchen. Aber jetzt will ich sie nicht zu sehr verhätscheln.

Reimann: Und bringen Sie ihr Klavier bei?

Wainwright: Wir spielen ein bisschen und wir singen manchmal zusammen. Aber ich würde nicht sagen, dass ich ein besonders guter Lehrer bin.

"Traditionelles Songwriting wird total vernachlässigt"

Reimann: Mir würde die Geduld fehlen.

Wainwright: Ja, da bin ich bei mir auch unsicher. Als ich so alt war wie sie, sogar jünger, da war ich wirklich ziemlich frühreif. Ich wollte alles wissen, alles spielen, ich habe einfach alles verschlungen. Zum Glück stieß das bei meiner Mutter Kate McGarrigle auf Verständnis. Sie hatte es sich daher zur Aufgabe gemacht, mich zu dem Künstler zu machen, der ich heute bin. Das Verhältnis zwischen meiner Tochter und mir ist anders. Meine Mutter hat damals ihre Karriere für ihre Kinder aufgegeben, ich nicht. Und die Beziehung zwischen einem Vater und seiner Tochter ist sowieso noch mal etwas ganz anderes. Ich sehe meine Aufgabe darin, für meine Tochter da zu sein. Mich zu freuen, wenn es ihr gut geht.

Reimann: In der Vergangenheit haben Sie immer mal wieder aus dem Fundus des großen schwulen Geschichtsbuches geschöpft. Ein Beispiel wäre der schon etwas ältere Titel "Grey Gardens", der auf den Klassiker "Tod in Venedig" anspielt. Im Video zur Single "Trouble in Paradise" zeigen Sie sich jetzt als eine Art Drag-Version der Vogue-Chefin Anna Wintour.

Wainwright: Ja, aber es gibt einen kleinen Unterschied: Ich werde in dem Video nicht zur Drag Queen, sondern ich ziehe mir die Drag-Klamotten aus.

Reimann: Ja, stimmt. Sie fangen als Drag Queen an.

Wainwright: Genau. Ich lege dieses Kostüm, wenn man so will, eher ab. Denn es sollte auf diesem Album nicht darum gehen, dass ich schwul bin. Ich wollte mich dieses Mal nicht als Dandy präsentieren. Ich bin ein verheirateter Vater, der eben auch ein Songwriter ist. Ein Mann. Und schwul.

Reimann: Worum sollte es dann gehen?

Wainwright: Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin immer noch super gerne schwul. Vielleicht liegt es an meinem neuen Wohnort Laurel Canyon, aber ich musste oft an diese Liste lebender und kürzlich verstorbener Songwriter denken: Paul Simon, Randy Newman oder Leonard Cohen. Und was ich gerne machen würde: Ich würde gerne da weitermachen, wo sie aufgehört haben. Irgendwie diese Tradition fortführen, aber auf meine Art. Ich glaube nicht, dass ich auch nur im Geringsten in einer Liga mit ihnen spiele. Aber wenn ich mir die Musik heutzutage angucke, dann habe ich das Gefühl, dass da das traditionelle Songwriting total vernachlässigt wird.

"Taylor Swift? Bruno Mars? Wir brauchen bessere Texte!"

Reimann: Inwiefern?

Wainwright: Das Problem Nummer eins sind die Songtexte. Es gibt nur noch schlechte Songtexte!

Reimann: Nennen Sie ein paar Namen. Sie sind ja nicht schüchtern.

Wainwright: Nennen Sie mir einen, der gute Texte schreibt. Ehrlich. Und die schlechten...ob wir uns da jetzt Taylor Swift rauspicken oder Bruno Mars - die sind schon irgendwie interessant, die wissen, wie man tanzt und wie man sich anzieht. Die Songs sind super produziert. Aber die Texte? Wir brauchen wirklich bessere Texte! Deshalb ging es mir bei diesem Album auch zuerst um die Texte. Die Musik und die Arrangements kamen an zweiter Stelle.

Reimann: Reden wir noch über einen Songtext. Im letzten Song "Alone Time" singen Sie, wie wichtig es Ihnen ist, auch mal ein bisschen Zeit für sich zu haben. Würden Sie uns verraten, wo Sie diese Zeit am liebsten verbringen?

Wainwright: Ich gehe viel spazieren.

Reimann: Das machen Sie immer noch? Die Spaziergänge durch die Parks dieser Welt?

Wainwright: Oh ja. Ich laufe durch jeden Park, den ich finde. Und in LA gehe ich ins Fitnessstudio. Ich arbeite gerade am perfekten Körper. Was soll man sonst schon in LA machen? Und ich lese viel. Zuletzt viel von Stefan Zweig. Und ich versuche immer noch rauszufinden, was ich mit meinem Bart machen soll.

Reimann: Sieht doch ganz gut aus.

Wainwright: Danke, Ihrer auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 
 

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