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Unfreiwillige Gifttransporter

Dass Pflanzensamen mit dem Wind sehr weite Strecken zurücklegen können, liegt in der Natur der Sache. Auch Sandkörner können große Entfernungen überwinden, wie viele Autofahrer wissen, wenn sie mal wieder Staub aus der Sahara abwischen dürfen. Darüber hinaus gibt es aber auch andere Transportmöglichkeiten von Mikroorganismen und Chemikalien, die nicht so offensichtlich sind, Wege, über die Forscher der kanadischen Universität Ottawa heute im Fach-Journal "Science" berichten. Es geht dabei um giftige Schadstoffe, die in Regionen zu finden sind, wo sie eigentlich niemand erwartet.

Von Michael Stang |
    Auf der größten unbewohnten Insel der Erde - auf Devon Island in Kanada an der atlantischen Küste - nisten sie zu zehntausenden, die Fulmare. Diese nördlichen Eissturmvögel brüten dort in Cape Vera in großen Kolonien auf halben Weg zwischen Grönland und Nordamerika. Ende Mai bis Anfang Juli lassen sich die Vögel nieder und verbringen dort auf engem Raum die Brutsaison.

    " Die Vögel sammeln ihre Nahrung aus dem Meer, mit der sie ihre Brut füttern. Mit der Zeit werden allmählich alle Nahrungsreste und Abfälle unterhalb ihrer Nester von den Klippen gewaschen. Diese Komponenten zusammen ergeben einen konzentrierten Mix aus der Nahrungskette des Meeres."

    Jules Blais und seine Kollegen von der Universität in Ottawa wunderten sich schon lange, warum die Insel so hoch im eigentlich kargem Norden über eine üppige Vegetation verfügt. Unterhalb der Klippen wachsen dichte Algen, durch die angesammelten Nährstoffe gibt es viele Insekten und sogar kleine Jäger wie Füchse haben sich dort etabliert.

    " Dieses Gebiet ist eine Art Brennpunkt für biologische Produktivität. Dort gibt es eine große Anzahl an Fremdstoffen, die über unterschiedliche Wege dort hingelangten. Ein Weg ist der weite Transport über Staub- oder Sandkörner."

    Der andere Weg, wie verschiedene Fremdstoffe auf die Insel und ihre Umgebung gelangen, ist der über die Nahrungskette. Diese Fremdstoffe allerdings sind keineswegs nur harmlose Substanzen, sondern oft genug- durch die zunehmende Verschmutzung der Meere - hochgiftige Schadstoffe. Diese Giftstoffe wie etwa Quecksilber, Insektizide oder auch Pestizide nehmen kleinste Meeresbewohner wie Plankton oder Krebse auf. Die kleinen Tiere werden dann von größeren gefressen, die wiederum Opfer noch größerer Tiere werden, die der Vögel. Jules Blais:

    " Die Vögel nehmen dann die Chemikalien auf, die sich über die Nahrungskette angesammelt haben, da sie sich von Plankton, Fisch, Tintenfischen oder auch Aas ernähren. Und diese gesammelten Giftstoffe bringen sie dann zu einem relativ kleinen Gebiet, ihrem Nestplatz. Diese hohe Konzentration an verschiedenen Chemikalien war doch sehr überraschend. "


    Über den Kot scheiden die Tiere die Giftstoffe wieder aus und geben sie an ihre Umwelt ab. Der Regen spült die Chemikalien dann in die Sedimente, von wo aus sie sich allmählich über die Klippen entlang bis ins Wasser verteilen. Anhand von Sediment- und Wasserproben maßen die Forscher die Giftkonzentrationen und sahen, dass sich dadurch allmählich das gesamte Ökosystem verändert.

    " Einer der Lektionen, die uns diese Arbeit aufweist ist die, dass diese Chemikalien sich in bestimmten Gebieten ansammeln können, wo wir es am wenigsten erwarten. Und in manchen Fällen entstehen dadurch neue Probleme, wie etwa bei den dort lebenden Ureinwohnern."


    Denn diese ernähren sich hauptsächlich von Fischen und nehmen damit Schwermetalle und andere toxische Substanzen zu sich. Auch wenn diese Menschen wissen, dass sie damit ein Risiko eingehen, werden sie ihre Essgewohnheiten nicht ändern, da sie auf das Nahrungsangebot des Meeres angewiesen sind. Jules Blais sieht nur einen Ausweg:

    " Wir müssen unsere Umwelt säubern und unseren Gebrauch von Chemikalien drosseln, die zum Teil lange in einer hohen Konzentration bestehen, sich in der Nahrungskette ansammeln und schon in einer geringen Dosis hochgiftig sind."