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UngarnGedenken an den Volksaufstand von 1956

An diesem Sonntag feiert Ungarn den 60. Jahrestag des Volksaufstandes gegen die sowjetische Besatzung. Rund 180.000 ungarische Flüchtlinge wurden damals in anderen europäischen Ländern solidarisch aufgenommen. Daran musste sich auch Regierungschef Viktor Orban in letzter Zeit oft erinnern lassen. Doch das wird bei den Feierlichkeiten an diesem Wochenende kein Thema sein.

Von Stephan Ozsváth | 21.10.2016

Erinnerung an den Aufstand in Ungarn vor 60 Jahren.
Erinnerung an den Aufstand in Ungarn vor 60 Jahren. (dpa/ picture alliance/ Noemi Bruzak)
Am 23. Oktober 1956 erheben sich die Ungarn gegen die Sowjets. Der Aufstand beginnt mit Demonstrationen, er mündet in Straßenkampf und Lynchjustiz. Am Ende scheitert die Erhebung, denn der Westen will keinen Weltkrieg riskieren. Mindestens 2500 Aufständische und mehr als 700 sowjetische Soldaten sterben bei den Kämpfen.
Zum 60. Jubiläum gedenken die Ungarn des Aufstandes von damals. Eine Regierungskommission wurde eigens dafür eingesetzt. Mit Wandmalereien, Historikerkonferenzen, Multimedia-Projekten, Lehrerfortbildungen, Ausstellungen und einem Festakt im Oktober will die Regierung erinnern. Ziel, so die Regierungsbeauftragte Mária Schmidt.
"Die, die '56 erlebt haben, erinnern sich an eine Art Wunder, an eine glückliche Zeit, ein Gefühl der Freiheit zurück. Und an das Gefühl, wenn eine Nation gemeinsam für ihre Freiheit und Unabhängigkeit kämpft. Und unser Ziel ist, dieses Gefühl an die weiter zu geben, die nicht persönlich an diesem Freiheitskampf teilnehmen konnten."
Mit Popmusik die Jugend erreichen
Das passt zu den Zielen der Regierung. Ungarn sei eine Nation der Freiheitskämpfer, hat Premier Orbán einmal gesagt. Er selbst inszeniert sich immer wieder als solcher, im Kampf gegen die EU müsse er Ungarns Unabhängigkeit schützen. Seine Strategie laut seiner Hofhistorikerin Mária Schmidt.
"Hinzufügen möchte ich noch etwas. Der Ministerpräsident hat auf einer Parteiversammlung in Kötcse einen Auftrag erteilt: Wir müssen die Jugend erreichen, ihre Sprache sprechen. Sie erwarten von uns, dass wir fancy, trendy, sexy sind."
Popmusik passt zu den Adjektiven. Und gemeinsames Singen stärkt laut Mária Schmidt das Gemeinschaftsgefühl, deshalb hat die ungarische Regierung von dem ungarisch-stämmigen US-Künstler Desmond Child ein Lied gekauft. Für mehr als 165.000 Euro, wird in ungarischen Medien kolportiert.
"Ungarn, hör unsere Worte", heißt es im Text. Wer nicht genau hinhört, versteht "Ungarn stinkt nach Fisch". Und prompt kursiert eine Parodie im Netz.
Die Regierung ist empört, der Künstler auch – zumal heraus kam, dass er das Lied recycelt hat: Es untermalte vor Jahren einen Image-Film der Universität Miami, der mittlerweile vom Netz genommen wurde. Der Historiker dagegen János Rainer kann die Aufregung nicht verstehen.
"Ungarn 1956, die Aufständischen, rochen in der Tat nach Fisch. Die Leute in der Danziger Werft, der Fabrik von Poznan, in Ost-Berlin, in Leipzig. 1953, 1956, 1981 haben sie sich gegen ein Regime sowjetischen Typs aufgelehnt. Und auf den Fabrikhöfen haben sie billige Fischkonserven zu Mittag gegessen. Die riechen nach Fisch, nach Leben."