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Ungeliebte Krücke

Umwelt. - Am Betrieb von fossil befeuerten Kraftwerken führt auf absehbare Zeit noch kein Weg vorbei, wenn industrialisierte Staaten wie Deutschland ausreichend Strom zur Verfügung haben wollen. Eine Möglichkeit, das damit verbundene Treibhausgas Kohlendioxid unschädlich zu machen ist seine Abscheidung und Deponierung, im Fachjargon CCS genannt.

Von Volker Mrasek | 04.11.2011

    Mit umgerechnet über 23 Milliarden US-Dollar werden Regierungen in diesem Jahr CCS weltweit fördern. So steht es im neuen Statusreport für 2011, den das Globale CCS-Institut jetzt veröffentlichte. Ziel dieser Einrichtung ist es, die Entwicklung von Technologien zur Abscheidung und Deponierung von Kohlendioxid zu beschleunigen. Zahlreiche Regierungen sind Mitglied des Instituts, auch die deutsche, sowie viele große Energie- und Industriekonzerne. Der Australier Bob Pegler leitet das Europa-Büro mit Sitz in Paris:

    "Wir tragen sämtliche Projekte zusammen, die uns bekannt werden. Acht laufen heute schon, sechs sind derzeit im Bau. Und wir rechnen damit, daß sechs bis zehn weitere Vorhaben innerhalb der nächsten zwölf Monate dazukommen. Nach unseren Recherchen gibt es derzeit 74 schon umgesetzte oder noch geplante CCS-Großprojekte mit CO2-Abscheidung und –Einlagerung."

    Die CCS-Vorhaben konzentrieren sich dem Report zufolge auf Nordamerika, Europa, Australien und China. Wobei die Akzeptanz für die Technologie in Kanada und den USA offensichtlich größer ist als etwa in Ländern wie Dänemark oder Deutschland. In Nordamerika wird das Kraftwerks-Kohlendioxid überwiegend in Erdöl-Lagerstätten gepumpt. Wenn man CO2 unter hohem Druck in die Reservoire presst, schafft man es mehr Öl aus ihnen herausholen. Das Ganze nennt sich Enhanced Oil Recovery, also gesteigerte Öl-Ausbeute. Viele der Lagerstätten liegen überdies vor der Küste und nicht an Land. Pegler:

    "Wegen der erhöhten Öl-Ausbeute wird CCS von den Gemeinden meistens begrüßt. Ich denke, die Akzeptanz der Bevölkerung ist eine der größten Herausforderungen für alle Projekte. Hier kann man sagen, daß CO2-Deponien vor der Küste viel eher akzeptiert werden als an Land. Länder mit Speicherraum offshore haben weniger Probleme als Länder mit Deponien an Land."

    Jüngst hat die britische Regierung beschlossen, ein CCS-Projekt im schottischen Kohlekraftwerk Longannet nicht mehr zu fördern. Wegen zu hoher Kosten für den Transport von CO2 zur Deponie. Womit wir bei einem weiteren Dilemma von CCS wären: Die Technologie ist ausgesprochen teuer. In Europa stehen die Entwickler zudem auch zeitlich unter Druck. Die EU-Kommission hat Fristen gesetzt, die Bob Pegler natürlich bekannt sind:

    "Die EU-Kommission hat gesagt, daß sie nur CCS-Anlagen fördert, die spätestens 2015 in Betrieb gehen. Vielleicht auch 2016, da sich die Beschlüsse im Moment verzögern. In Brüssel selbst rechnet man mit 15 Demonstrationsprojekten. Unser Statusreport listet sogar 21 für Europa auf. Zwei Drittel sind ziemlich weit fortgeschritten. Ich würde also sagen, dass die EU-Fristen zu schaffen sind."

    Unter diesen 21 Projekten ist nur ein deutsches: Der Energieversorger Vattenfall plant CCS für ein Braunkohlekraftwerk im brandenburgischen Jänschwalde. Viele wünschen sich einen schnellen Abschied von den CO2-intensiven fossilen Energieträgern. Doch selbst der Weltklimarat betont, daß der Umstieg auf Erneuerbare Zeit brauche und wir noch für Jahrzehnte auf Öl, Gas und Kohle angewiesen blieben. An der CO2-Abscheidung und -speicherung werde kein Weg vorbeiführen, meint man deshalb auch beim Globalen CCS-Institut – und kritisiert die Stahl-, Eisen- und Zementindustrie. Trotz hoher CO2-Emissionen seien diese Branchen bisher weitgehend untätig:

    "Es gibt keine laufenden Projekte in diesen Branchen. Und es sind auch nur wenige geplant. Dabei ist der Industriesektor sehr wichtig. Denn hier sind die CO2-Emissionen oft prozessbedingt und lassen sich nicht vermeiden – höchstens durch CCS! Es ist wichtig, daß wir dieses Problem anpacken."

    Einen Schub könnte CCS im Dezember bekommen. Auf dem Weltklimagipfel in Südafrika steht die Entscheidung an, ob die umstrittene Technologie als Klimaschutzmaßnahme anerkannt wird. Industriestaaten könnten dann Anlagen in Entwicklungsländern bauen und sich das auf dem eigenen Emissionskonto gutschreiben lassen. Für CCS brächte das neue finanzielle Anreize. Ob die Technologie aber jemals bezahlbar sein wird, kann weiterhin niemand sagen.