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"Unglaublich viel werben"

Nach dem neuen, noch unveröffentlichten "Europäischen Studentenreport" ist es im EU-Vergleich in Deutschland besonders schwer, ohne Abitur ein Studium aufzunehmen. Der Präsident der Humboldt-Uni in Berlin, Christoph Markschies, befürwortet dagegen ausdrücklich diese Möglichkeit. Solche Studierende seien ihm "sehr willkommen", auch weil sie zielstrebiger studierten und aufgrund ihrer Berufserfahrung wüssten, wovon sie reden.

Moderation: Kate Maleike |
    Kate Maleike: Die Begegnung Deutschland - Schweden, die würde, wenn es um das Studium ohne Abitur ging, 36 zu fünf ausgehen. In Schweden nämlich haben 36 Prozent aller Studierenden kein Abitur, in Deutschland sind es nur die genannten fünf. Zu diesem Ergebnis kommt der neue, noch unveröffentlichte Europäische Studentenreport, der vom Hochschulinformationssystem mit Mitteln der EU und des Bundesbildungsministeriums erstellt worden ist. Angestrengt worden war ein Vergleich innerhalb von 22 EU-Staaten, und noch schlechtere Studienchancen für Fachkräfte ohne Abitur als in Deutschland bescheinigt der Report übrigens Frankreich und Italien. Interessiert aufgenommen haben wird diese Neuigkeiten wohl auch der Präsident der Humboldt-Uni in Berlin, Christoph Markschies, denn seine Uni hat die Problematik schon länger erkannt und sich deshalb mit den beiden anderen großen Hochschulen in der Stadt in dieser Sache zusammengetan. Herr Markschies, kann man das so sagen?

    Christoph Markschies: Ja, natürlich. Alle Berliner Hochschulen können nicht immer nur für sich selber arbeiten, sondern müssen auch bei so einem Thema - und das wird ja jetzt plötzlich sehr deutlich. Es sind ja immer Wellen, es sind immer Berichte, bei denen das deutlich wird, weil man dann die Zahlen vorgeführt bekommt und merkt, dass wir ein ganzes Potenzial einfach verschenken.

    Maleike: Was tun Sie denn, um die Fachkräfte, die Talente, auch ohne Abitur an die Uni zu holen?

    Markschies: Unglaublich viel werben. Weil eine Universität natürlich für jemand, der eine andere Karriere als die klassische Gymnasial- und Abiturkarriere hat, wie ein verschlossener Kasten dasteht und die Leute zum Teil das überhaupt nicht wissen. Man kann in Berlin ohne Abitur studieren, ist aber ganz wenig bekannt, und wir werben, wo ich gehe und stehe, versuche ich das deutlich zu machen, weil mir vor so ungefähr anderthalb Jahren das am Beispiel meiner Frau deutlich geworden ist. Die macht Fachabitur und bildet dafür aus, und da rufen ständig die Leute bei der Schulsekretärin an und fragen, kann ich eigentlich auch ohne Abitur studieren. Und so eine Schulsekretärin weiß das nicht. Also wir versuchen ganz fleißig zu werben.

    Maleike: Können denn die Studierenden dann ohne Abitur bei Ihnen auch tatsächlich alles studieren?

    Markschies: Die können tatsächlich alles studieren, ja, wenn sie eine Berufspraxis in diesem Studienfach nachweisen können, die erwarten lässt, dass sie das mit Erfolg studieren werden.

    Maleike: Können Sie uns Zahlen nennen, Herr Markschies?

    Markschies: Also wir haben pro Semester bislang immer so etwa 100 Leute zugelassen, und das Problem ist, dass man jetzt bei der letzten Zulassung, das war ja jetzt fürs Sommersemester 2008, noch keine sonderlich große. Da sind so etwa 50, 60 mehr. Aber nun muss man sagen, die eigentliche Zulassung ist immer die zum Herbst. Da hoffe ich schon, dass es uns gelingt, das mindestens zu verdreifachen.

    Maleike: Wie bewerten Sie denn den Report, den wir jetzt vorliegen haben, und auch vor allen Dingen natürlich die deutsche Platzierung?

    Markschies: Die macht noch mal sehr klar deutlich, wo bei uns die Probleme liegen. Was ich sehr schön finde, ist, dass in der Kommentierung der Zahlen, das ist ja fast entscheidender, inzwischen deutlich wird, es gibt da keine Gegensätze mehr zwischen SPD und CDU. Wir haben ja über lange Zeit tiefe ideologische Gräben in der Bildungspolitik gehabt, und das erkennen alle. Das wäre ja vermutlich früher ein klassisches sozialdemokratisches Thema gewesen, jetzt ist es aber ein Thema aller. Und das ist, glaube ich, das Allerbeste, was passieren kann. Das Phänomen selber ist natürlich dramatisch. Bildung ist der zentrale Rohstoff, das zentrale Kapital des Landes, und es wäre dramatisch, wenn man davon Menschen ausschließt.

    Maleike: Lassen Sie uns noch mal kurz darüber reden, was die Ursachen dafür sind, dass wir so wenig Studierende ohne Abitur an den deutschen Hochschulen haben. Sie haben vorhin gesagt, es ist zu wenig Werbung gemacht worden, hiermit zum Beispiel auch mit diesem Interview haben wir ja wieder Werbung gemacht. Auf der anderen Seite haben Sie gesagt, dass es bei den Studierenden, also bei den Fachkräften nicht unbedingt auf der Agenda steht. Ist es nicht auch so, dass es viele Hochschulen gibt, die vielleicht nicht unbedingt diese Zielgruppe gerne an ihrem Campus haben?

    Markschies: Na, ganz gewiss. Wir haben, glaube ich, in Deutschland die Grundvorstellung, dass nur eine bestimmte Klientel fürs Gymnasium und für die Universität reif ist. Ich sage mal zwei Dinge: Das eine ist, glaube ich, es hat sich so merkwürdig eingebildet, dass die Humboldt'sche Universität in Deutschland nichts mit Berufsausbildung zu tun hätte. Das können Sie immer wieder lesen, dass dann Leute sagen, das hat nichts mit Ausbildung und Beruf zu tun. Als Präsident der Humboldt-Universität weiß man, das stimmt nicht, die ist 1810 auch zum Zwecke der Berufsausbildung gegründet worden. Und das zweite Problem ist sicher, dass trotz 68 sich an der sozialen Zusammensetzung der Studierendenschaft nicht furchtbar viel geändert hat. Sie haben, wenn Sie aus bildungsfernen Schichten kommen, es in Deutschland unglaublich schwer, und sagen wir mal, das stellt natürlich auch didaktische Anforderungen, also sie müssen sich im Studium mehr Mühe geben. Auf der anderen Seite haben wir mit der Bologna-Reform, mit Bachelor und Master jetzt ein wesentlich betreuungsintensiveres Studium, die Professoren kümmern sich mehr um die Studierenden, und insofern sind wir auch besser vorbereitet für Menschen, die keine sehr lange Schulkarriere hatten.

    Maleike: Jetzt bringen aber diejenigen, die kein Abitur haben, dafür aber eine Menge Erfahrung, vielleicht aus dem Berufsbereich, ganz schön was mit an die Hochschule und sind vielleicht auch ein Student oder eine Studentin, die eben ganz zielbewusst und ganz konkret und konzentriert studiert. Also eigentlich ist das doch eine tolle Zielgruppe?

    Markschies: Meiner Ansicht nach ja. Sie haben ja auch schon gemerkt, da ich selber immer für die Berufsorientierung des Studiums werbe und darin keinen Gegensatz zur Wissenschaftlichkeit der Universitätsausbildung suche, sind die mir natürlich sehr, sehr willkommen, weil man dann eben doch sehr deutlich und klar sagen kann, die wissen, wovon sie reden. Und genau, wie Sie sagen, studieren zielstrebiger, fragen klarer, weil die natürlich häufig auch älter sind, wird hier nicht die Zeit vertändelt. Nein, nein, im Grunde könnten wir uns riesig darüber freuen. Aber natürlich sind auch Universitäten manchmal etwas schwerfällig und begreifen nicht sofort, was eigentlich vor Augen liegen könnte.