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StartseiteCampus & KarriereMit Hightech gegen Diebe und Käfer25.07.2015

Uni GreifswaldMit Hightech gegen Diebe und Käfer

"Begeben Sie sich auf Schatzsuche" - so wirbt die Universität Greifswald. Viele Objekte der Wissenschaftssammlung können Interessierte sogar online angucken. Und das hat auch einen Grund: Durch die Digitalisierung bleiben zahlreiche Gegenstände wenigstens virtuell der Nachwelt erhalten. Denn viele Sammlungen leiden unter Diebstahl und Insektenbefall.

Von Leonore Lötsch

Eine Hand bedient eine Computermaus. (AFP / Robyn Beck)
In Greifswald gibt es seit fünf Jahren ein Digitalisierungsprojekt für die dortige wissenschaftliche Sammlung. (AFP / Robyn Beck)
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"Der erste große Versuch, virtuelle Realität herzustellen", sagt der Botanikprofessor Martin Schnittler und hält einen Apfel in der Hand. Nicht irgendeinen: Woltmanns Schlotterapfel. Und eigentlich ist es auch kein Apfel, sondern ein mehr als 120 Jahre altes bemaltes Porzellanmodell. Doch seit die Greifswalder Obstmodelle fotografiert wurden und im Internet verfügbar sind, erleben sie eine neue Blütezeit.
"Ja wir kriegen immer wieder Anfragen, die genau darauf zielen, solche historischen Sorten zu erhalten und oftmals ist dann die Zuordnung verloren gegangen."

Der Kampf mit den Insekten

Nichts in der botanischen Sammlung erinnert auf den ersten Blick an Jahrhunderte alte Historie. Doch zwischen weißen Wänden und grauen Rollschränken mit Kurbeln weist Prof. Martin Schnittler auf einen alten orangenen Schrank:

"Das ist das älteste Sammlungsmöbel überhaupt von 1792. Der älteste Schrank, den wir haben."

Und er ist leer, denn zu viele Ritzen waren Einfallstor für die Feinde der getrockneten Pflanzen, Moose und Pilze.

"Museumskäfer sind zum Beispiel ein großes Problem, die immer wieder Bestandteile von Blütenpflanzen auffressen, wir haben immer mal wieder auch mit anderem Insektenbefall zu kämpfen, vor allem in Herbarbelegen ist das ein großes Problem. Sie sehen im Hintergrund die ganzen Schränke mit diesen Kisten, die müssen also immer regelmäßig wieder ins Tiefkühlfach, um möglichen Befall vorzubeugen."

Seit einem Jahr haben die Botaniker mit ihrer Sammlung das neue Gebäude in Greifswald bezogen und die große zwei Meter breite Kühltruhe ist gewissermaßen die Quarantäne-Schleuse für jedes Objekt, erzählt der Kustos Doktor Peter König.

"Die Kühltruhe dient eben dazu, wenn wir Schädlingsbefall haben, dann kommt das hier hinein, wird in eine Plastikfolie eingepackt, damit es nicht Feuchtigkeit zieht, muss mindestens drei Tage bei minus 18 Grad tiefgefroren werden, gerne auch noch tiefer, um eben eine Infektion unseres wertvollen Bestandes zu verhindern."

Sammlungen im Wandel der Zeit

Während heute auf Kälte gesetzt wird im Kampf gegen die Schädlinge, waren es früher Insektizide, erinnert sich Prof. Martin Schnittler. Und die Wahl der Waffen veränderte auch den Geruch der Sammlungen.

"Es ist dieser Geruch nach Mottenpulver, der lang in der Luft schwebt und ich weiß, dass ich manchmal auf alten Herbarbögen eine ganze Handvoll eines weißen Pulvers zusammenkratzen konnte, und später wussten wir dann: Das ist DDT.

Da hat man damals für völlig ungefährlich gehalten und das hat man mit einer Streusandbüchse über die Belege gestreut und dann war natürlich kein Befall mehr zu befürchten."

Auch die zoologischen Sammlungen sind in Greifswald gerade umgezogen. Und der Botaniker Schnittler schaut seinem Kollegen Doktor Peter Michalik beim Einräumen über die Schulter.

"Hier sehen Sie schon, die pelzigen Larven des Museumskäfers."

Es ist nur eine Abbildung auf einem Warnschild, das mahnt, die Fenster und Türen des zoologischen Instituts und Museums ständig geschlossen zu halten. Auf einem Umzugskarton steht ein digitales Thermometer und zeigt an: 21,2 Grad Celsius und 60 Prozent Luftfeuchtigkeit.

"Ja, ist gut. Wir sind zufrieden!"

Der Botaniker dagegen wiegt bedenklich den Kopf.

"Wir möchten gerne runter mit der Luftfeuchtigkeit, weil unter 40 Prozent werden die Museumskäfer nicht mehr so aktiv und unter 30 Prozent sind sie nicht mehr lebensfähig. Das ist für zoologische Präparate, glaub ich, etwas anders, oder?"
"Das ist definitiv anders. Zu trockene Luft führt zum Reißen, führt zu Rissen in Knochen. Es ist das Problem natürlich auch, wenn man zu geringe Luftfeuchtigkeit hat, dass der Kleber dann auch stark trocknet und dann auch die Etiketten abfallen. Geringe Luftfeuchtigkeit bei uns – ist nicht erwünscht."

Viel Sisyphusarbeit

Peter Michalek schätzt, dass es noch bis Ende dieses Jahres dauert, bis alle Exponate eingeräumt sind in den neuen gläsernen Präsentationsschränken. Auf 3,5 Millionen Exemplare wird die Sammlung geschätzt. Im Keller zieht er ein Schubfach auf mit Hunderten handgeblasener Flakons. Auf dem Korkverschluss pappt jeweils ein brüchiger Zettel mit altdeutscher Schrift, auch diese sogenannte Nasssammlung soll später digital erfasst werden.

"Viel Sisyphusarbeit. Hier zum Beispiel nehme ich mal das raus: Da sieht man das Problem: Das ist jetzt leider trockengefallen das Präparat, ist kein Alkohol mehr drin. Das ist 1858 und da hat der Kork nicht dichtgehalten."

Rita Sauer leitet das Digitalisierungsprojekt an der Greifswalder Universität: Von den 17 Sammlungen mit mehr als 5 Millionen Einzelobjekten wurden in den letzten fünf Jahren 14 Sammlungen im Internet präsentiert.

"Ich fang gleich mit dem Schatz an. Der Croyteppich ist ein Gobbelin ein gewebter und geknüpfter Teppich mit den Reformatoren Martin Luther."

Rita Sauer klickt das Foto an. In einem Textfeld erfährt der Besucher, dass der Teppich 80 Kilo wiegt und am 3. Juni 1689 nach Greifswald kam. Doch es gibt auch etwas, dass nicht vermerkt wird:

"Wenn man weiß, was ein Objekt wert ist, das würde man jetzt nicht online stellen und auch die Standortbezeichnung, denn sobald jemand Interesse daran hat, ist auch die Gefahr, dass das abhandenkommt."

Ein weiterer Feind der Sammlungen

Denn auch Diebstahl bedroht schon immer die universitären Sammlungen, längst ist nicht mehr alles, was in den Inventurlisten steht, auch wirklich zu finden. Doch die Gefahren für Sammlungen sind vielfältig:

"Wenn es keine personelle Betreuung gibt, das ist ein großer Feind. Wenn der Raum nicht entsprechend für das Sammlungsobjekt zur Verfügung steht und wenn auch kein Forschungsinteresse dran ist. Und das wäre sehr schade, denn wir wissen nicht, was morgen für Fragen sind, die uns die Sammlungsobjekte beantworten können."

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