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Unicef-Studie
"Kinder bleiben Kinder - auch auf der Flucht"

Flüchtlingskinder werden in Deutschland laut Unicef benachteiligt. "Bei Flüchtlingskindern steht das Kindeswohl nicht an erster Stelle", lautet das Fazit einer Studie des Kinderhilfswerks. Sie würden medizinisch nur notdürftig versorgt und lebten mit ihren Familien oft jahrelang in Gemeinschaftsunterkünften ohne Privatsphäre.

09.09.2014
    Ein Flüchtlingskind in Eisenhüttenstadt (2011)
    Ein Flüchtlingskind in Eisenhüttenstadt (2011) (dpa / picture-alliance / Patrick Pleul)
    Zudem erschwerten bürokratische Hindernisse ihren Zugang zur Bildung, berichtet Unicef. "Kinder bleiben Kinder, auch wenn sie auf der Flucht sind", sagte Anne Lütkes, Vorstand bei Unicef Deutschland. "Sie haben ihr Zuhause verloren und brauchen besondere Förderung." Mädchen und Jungen, die in Deutschland Zuflucht suchten, erführen aber in allen Lebensbereichen Zurücksetzung.
    "In erster Linie Kinder": Neue #UNICEF-Studie beleuchtet Lebenssituation der #Flüchtlingskinder in Deutschland http://t.co/Zo5ORgU1Ca— UNICEF Deutschland (@UNICEFgermany) 9. September 2014
    Hobbys können die Kinder kaum nachgehen, weil sie in oft abgelegenen Unterkünften lebten. Privatsphäre haben sie laut der Studie dort trotzdem kaum: Sie leben meist auf engem Raum mit lauter Fremden zusammen. Das sei vor allem für Jugendliche in der Pubertät schwierig, wenn diese eigentlich unabhängiger werden wollen. Auch zum Arzt gehen können Flüchtlingskinder nicht ohne weiteres: Für jede Untersuchung brauchen sie eine Genehmigung.
    "In erster Linie Kinder - Flüchtlingskinder in Deutschland"

    Die Studie von Unicef beleuchtet die Lage von Flüchtlingskindern, die mit ihren Eltern in Deutschland Zuflucht suchen. Für die Studie wurden 30 Experten und Betroffene in langen, persönlichen Interviews befragt. In Deutschland leben nach Unicef-Schätzungen rund 65.000 Kinder und Jugendliche, die entweder geduldet wurden oder einen Asylantrag gestellt hatten. Etwa 36.300 Flüchtlingskinder - das sind 90 bis 95 Prozent aller Flüchtlinge unter 18 Jahren - kamen im vergangenen Jahr in Begleitung ihrer Eltern nach Deutschland.
    Deutsche Behörden "missachten UN-Kinderrechtskonvention"
    Das Handeln der deutschen Behörden widerspreche häufig den Prinzipien der UN-Kinderrechtskonvention, kritisierte Lütkes. So würden nach deutschem Asylrecht Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren bereits als Erwachsene behandelt. Laut der auch von Deutschland ratifizierten UN-Kinderrechtskonvention gelten Jugendliche bis 18 Jahren aber als Kinder. Das deutsche Asylrecht ignoriere den gesetzlichen Vorrang des Kindeswohls, sagte Lütkes.
    Auch bei den Entscheidungen über das Aufenthaltsrecht von Familien werde das Kindeswohl von Gesetzgeber und Behörden oft komplett ignoriert, sagte der Autor der Studie, Thomas Berthold. Dies sei fatal, denn oft sei es die Lebenssituation der Kinder, die Familien zur Flucht bewege. Viele Familien flüchteten aus Angst vor Beschneidungen oder Zwangsverheiratungen ihrer Kinder, wegen verschlossener Bildungswege oder der Gefahr, Opfer von Kinderhandel zu werden.
    (nch/ach)