Archiv


Unrechtmäßige Fördermillionen?

Es sind schwerwiegende Vorwürfe, die gegen die Universität Göttingen öffentlich geworden sind. Wissenschaftler eines Sonderforschungsbereichs sollen versucht haben, sich mehrere Millionen Euro an Fördergeldern von der Deutschen Forschergemeinschaft zu erschleichen - durch gefälschte oder unvollständige Belege ihrer Forschungsleistung.

Von Christian Kusel |
    Wer als Wissenschaftler hieb- und stichfeste Forschungsergebnisse erzielt und diese dann veröffentlicht, genießt ein hohes Ansehen bei seinen Kollegen. Doch nicht nur das: Wer gute Forschungsergebnisse erzielt, kann auch auf stattliche Fördergelder hoffen. Im Kampf um solche Fördergelder sind 16 Göttinger Wissenschaftler nun aber offenbar zu weit gegangen. Dazu der Präsident der Universität Göttingen, Kurt von Figura:

    "Der konkrete Vorwurf lautet, dass wissenschaftliches Fehlverhalten vorliegt - auf der Basis von Falschangaben zu Publikationen. Publikationen, die bei Fachjournalen eingereicht worden sind, aber noch nicht zur Veröffentlichung angenommen worden sind."

    Das heißt: Die Arbeiten waren noch gar nicht publiziert und wurden unter falschem Datum als "veröffentlicht" aufgeführt. Bei wieder anderen Arbeiten wurde so getan, als seien sie bei Fachjournalen eingereicht worden - ohne dass es überhaupt ein Manuskript gegeben habe. Freierfunde Publikationen also.

    Im Visier steht der Sonderforschungsbereich 552. Seit etwa neun Jahren erforschen die Wissenschaftler hier den indonesischen Regenwald. Im Lore-Lindu-Nationalpark wollen sie herausfinden, wie sich der Regenwald verändert hat. Und das in den Augen der DFG bislang immer zu Recht. Deshalb wurden sie laut Uni-Angaben bisher auch immer gefördert. Wäre alles mit rechten Dingen zugegangen, hätte die DFG den Forschungsbereich wohl auch diesmal weitergefördert. Doch die Gutachter hatten den neuen Antrag noch einmal geprüft. Dabei flog der Schwindel auf. Es geht um etliche Millionen Euro, so Unipräsident von Figura:

    "Der Antrag umfasste eine Summe von 8,6 Millionen Euro. Es handelte sich um Anträge, die von Antragstellern für Teilprojekte gemacht werden. Das waren der wissenschaftliche Nachwuchs und auch Professoren."

    Nun ermittelt ein Untersuchungsausschuss der Universität gegen die 16 Wissenschaftler. Eins steht schon jetzt fest: Der Ruf der Elite-Universität ist beschädigt. Das sehen auch Göttinger Studenten so:

    "Ich war sehr erstaunt, dass so was überhaupt durchkommt. Für mich ist das eine Sauerei. Denn da wird mit Geldern umgegangen, mit denen man auch andere Sachen machen kann."

    "Das finde ich schon krass. Dass so was probiert wird, finde ich schon hart."

    "Also Publikationen zu fälschen oder Ergebnisse zu fälschen, das geht gar nicht."

    "Natürlich ist das eine Sauerei und sollte geahndet werden."

    Unipräsident Kurt von Figura sieht in der Affäre seiner Kollegen ein wissenschaftliches Fehlverhalten, die eine ganze Uni in Verruf bringt:

    "Unser Ruf, unsere Reputation, wird durch einen solchen Vorfall natürlich beschädigt. Wissenschaftliches Fehlverhalten ist etwas, was wir versuchen zu vermeiden. Hier ist es nun aber dazu gekommen. Und ein jeder solcher Fall schadet der Universität."

    Zumal die Spur noch weiter führt - hin zu einem Graduiertenkolleg, der sich mit der Biodiversität in Laubwäldern befasst. Das Kolleg steht dem Sonderforschungsbereich thematisch nahe. Hier prüft derzeit eine Kommission einen Anfangsverdacht.

    Um solche Fälle künftig zu vermeiden, werde die Uni ihre Prüfmechanismen verbessern, so von Figura. Unter anderem sollen bei der Antragstellung in Zukunft nur noch bereits veröffentlichte oder zur Veröffentlichung angenommene Manuskripte zulässig sein.

    Und auch aus dem aktuellen Fall hat die Universität bereits Konsequenzen gezogen. Der Antrag auf Forschungsgelder in Höhe von 8,6 Millionen Euro wurde sofort zurückgezogen. Zudem wird der Sonderforschungsbereich 552 Ende Juni dicht gemacht. Den beteiligten Forschern droht ein Disziplinarverfahren.