Mittwoch, 01. Februar 2023

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Unruhen in Ferguson
"Obama kann die Probleme gar nicht lösen"

Die Probleme in Ferguson müssten auf der Ebene des Bundesstaates Missouri gelöst werden, sagte die Politikwissenschaftlerin Joyce Mushaben im DLF. Die sozialen Unterschiede hingen auch mit der Finanzierung der Schulen zusammen, für die die Bundesstaaten zuständig seien. Obama könne die Probleme daher gar nicht lösen.

Joyce Mushaben im Gespräch mit Friedbert Meurer | 22.08.2014

    Unruhen in Ferguson am 19. August 2014
    Unruhen in Ferguson am 19. August 2014 (afp / Michael B. Thomas)
    "Der Zwischenfall wird von oben nach unten untersucht und dann wieder von unten nach oben", sagte Mushaben von der Universität Missouri-St. Louis. "Aber die längerfristigen Probleme werden damit nicht gelöst. Wir haben das Problem mit der Schulfinanzierung, die ganz anders abläuft als in Deutschland." Die Schulen würden in Missouri von örtlichen Grundsteuern finanziert. "Wer in eine schlechte Nachbarschaft geboren wird, besucht deshalb oft eine schlechtere Schule und hat damit schlechtere Chancen im Berufsleben." US-Präsident Barack Obama könne die Probleme daher gar nicht lösen, denn Bildungsfinanzierung sei Ländersache.
    Ein weiteres Problem seien die Waffengesetze: "Wir sind wirklich froh, wenn überhaupt gestattet wird, dass man zum Beispiel sein Schießgewehr oder seine Pistole nicht direkt mit ins Gericht nehmen kann, in die Kirchen, ins Krankenhaus". Daraus würden sich Vorverurteilungen ergeben: "Das Problem ist, dass jeder Polizist und auch viele normal sterbliche Bürgerinnen und Bürger davon ausgehen, dass jeder schwarze Jugendliche eine Waffe mit sich herumträgt und ihnen was Schlechtes oder was Böses antun will."

    Das Interview in voller Länge:
    Friedbert Meurer: Nur wenige Kilometer von Ferguson entfernt liegt der Campus der Universität von St. Louis. Die Amerikanerin Joyce Mushaben ist dort Politikprofessorin, eine weiße Wissenschaftlerin, sie hat viel in Deutschland geforscht, auch über deutsche Politik, deswegen spricht sie sehr gut Deutsch. Und ich habe sie heute Morgen gefragt, wie sehr denn ihre Studenten, die ja zum Teil sogar aus Ferguson kommen, jetzt Anteil an der Geschichte nehmen!
    Joyce Mushaben: Ja, das ist im Moment ein bisschen schwer zu beurteilen, weil wir erst am Montag mit dem neuen Semester anfangen. Aber ich kann Ihnen sagen, dass zwei Studenten schon bei mir aufgetaucht sind, die mir ein bisschen erzählt haben, dass sie selber da hingegangen sind, und in dem einen Fall hat die eine sich gleich angemeldet, um beim Aufräumen behilflich zu sein. Insofern haben wir Studenten, die natürlich auch nicht so privilegiert sind wie an anderen Privatuniversitäten, und die stellen fest, dass das tatsächlich ihre eigene Nachbarschaft ist, und deswegen müssen sie langsam anfangen, da anzupacken.
    "Viele sind auch mit kleinen Kindern beschäftigt"
    Meurer: Sind Ihre Studentinnen und Studenten schwarz und weiß, beides?
    Mushaben: Die sind gemischt. Wir haben etwa 30 Prozent schwarze Studenten, die bei uns anfangen, und manche springen dann relativ schnell ab, weil sie nebenbei verdienen müssen, die finanziellen Verhältnisse sind nicht immer die besten. Und viele sind auch mit kleinen Kindern beschäftigt und so weiter und so fort. Und das sieht man auch ein bisschen in diesen Fernsehbildern widergespiegelt in Ferguson.
    Meurer: Die beiden Studentinnen, von denen Sie sprachen, und vielleicht auch andere, nehmen die an den Demonstrationen teil?
    Mushaben: Das glaube ich nicht. In dem einen Fall, das ist ein Doktorand von mir, der tatsächlich in Ferguson unterrichtet, und seine Studenten sind an dem Abend nicht in seine Vorlesung oder in sein Seminar gekommen, weil sie Angst hatten, aus dem Haus rauszugehen, weil das auch ein paar ältere Studenten gewesen sind.
    Meurer: Es wird jetzt ermittelt, der US-Justizminister will die besten Ermittler hinschicken, aufklären, was da wirklich passiert ist. Was ist im Moment Ihre Meinung?
    Mushaben: Ich meine, dieser Zwischenfall wird natürlich von oben bis unten untersucht und dann noch mal von unten wieder nach oben. Also, da kann man sicher sein, das, was dabei herauskommt, wird natürlich von vielen Seiten bestätigt werden. Schwieriger ist, dass die längerfristigen Probleme damit keineswegs gelöst werden, die werden so ein bisschen übersehen, indem man sich nur auf diese Demonstration konzentriert. Wir haben nach wie vor das Problem mit der Schulfinanzierung, die bei uns ganz anders abläuft als bei Ihnen in Deutschland.
    "Die Schulen sind sehr segregiert"
    Meurer: Inwiefern hängt die Schulfinanzierung mit dieser Geschichte zusammen?
    Mushaben: Ja, die Schulfinanzierung trägt natürlich dazu bei, die Schulen sind sehr segregiert, vor allem die Primarschulen, die Sekundärschulen, und die werden hauptsächlich von den örtlichen Grundsteuern finanziert. Das heißt, wenn man in eine schlechte Nachbarschaft hineingeboren ist, besucht man die schlechten Schulen und hat dann schlechtere Chancen, da später entweder zu studieren oder einen besseren Arbeitsplatz zu bekommen.
    Meurer: Das heißt, wer in Ferguson lebt, seine Kinder da zur Schule schickt, da ist schon fast klar, die haben später keine Chance im Berufsleben?
    Mushaben: Ich würde nicht sagen, keine Chance, aber sie haben natürlich nicht große Chancen. Das Durchschnittseinkommen zum Beispiel in Ferguson liegt bei etwa 37.000 Dollar. In dem St. Louis-Kreis als solchem liegt das Durchschnittseinkommen bei 58.000 Dollar. Die Arbeitslosigkeit ist doppelt so hoch, etwa 14 Prozent zurzeit, 22 Prozent arbeiten und kommen trotzdem nicht über die Armutsschwelle hinaus. Das heißt, nicht nur die schlechte Schulfinanzierung, sondern sie kriegen dann die schlechteren Jobs, und bei diesen schlechteren Jobs kriegen sie auch einen Mindestlohn, von dem die meisten auch nicht unbedingt leben können.
    Meurer: Haben Sie eine Idee, Frau Mushaben, was man da machen kann, um die Situation in den Schulen zu verbessern, was Washington da tun könnte, der Präsident Obama?
    Mushaben: Ja, das Problem ist, dass die Erwartungen, die wir an Obama gestellt haben, viel zu groß, viel zu hoch waren, und die Kompromissbereitschaft der Republikaner viel zu klein war. In meinem Fall würde ich als Erstes vorschlagen, wir schmeißen den ganzen Missouri-Landtag raus und wählen uns einen neuen. Denn das Problem ist, St. Louis und Kansas City sind die einzigen Großstädte in diesem Bundesland und der Rest sind ja auf dem Land und haben ganz andere Themen als die Probleme, die uns in der Großstadt beschäftigen. Und das würde dann auch heißen, dass unser Landtag wenig Verständnis hat auch für das Waffenproblem in den Großstädten, „it's the guns, stupid!" - Und insofern kann Obama diese Probleme gar nicht lösen, weil das Ländersache ist, Bildungsfinanzierung und auch diese Waffenkontrollgesetze.
    Meurer: Ist Missouri ein Bundesstaat, in dem es besonders einfach ist, an Waffen heranzukommen?
    Mushaben: Es ist sehr einfach. Wir haben sogar eine Volksbefragung durchgeführt, wo 75 Prozent der Bevölkerung eigentlich dagegen waren, dass Leute geheim Waffen mit sich herumtragen können. Und unser Landtag hat dies über Bord geworfen und wir sind glücklich, wir sind wirklich froh, wenn überhaupt gestattet wird, dass man zum Beispiel sein Schießgewehr oder seine Pistole nicht direkt mit ins Gericht nehmen kann, in die Kirchen, ins Krankenhaus. Und wir an der Uni haben zwei Kliniken, wo wir mit misshandelten Frauen und Kindern zu tun haben, und wir haben es auch sehr schwer gehabt, uns da durchzusetzen, keine Waffen auf dem Campus.
    "Die Vorurteile, die gehen auf Jahrhunderte zurück"
    Meurer: Jetzt hat Michael Brown, dieser erschossene Teenager, ja selbst gar keine Waffe getragen, jedenfalls in der Situation nicht. Besteht die Situation mit den Waffen darin, dass es eine hohe Kriminalität mit Waffen in Ferguson gibt?
    Mushaben: Die Kriminalität ist vielleicht ein bisschen höher als im Durchschnitt da im St. Louis County, in dem großen Kreis, aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass jeder Polizist und auch viele normal sterbliche Bürgerinnen und Bürger davon ausgehen, dass jeder schwarze Jugendliche eine Waffe mit sich herumträgt und ihnen was Schlechtes oder was Böses antun will. Das ist unser Hauptproblem, die Vorurteile, die gehen auf Jahrhunderte zurück und die werden immer stärker anhand von Mediendarstellungen und so weiter.
    Meurer: Eine Frage möchte ich Ihnen noch gerne stellen, Frau Mushaben: Es gibt ja in den USA die Meinung, die Asiaten haben es doch geschafft, den sozialen Aufstieg, die Latinos streben nach oben, bei den Schwarzen aber gibt es große Probleme, die verschanzen sich in ihrer Opfermentalität. Was meinen Sie?
    Mushaben: Ja, ich finde, das ist natürlich auch ein bisschen zu kurz gefasst. Einerseits haben die Schwarzen mit einer ganz anderen Geschichte zu tun, zweitens haben die Schwarzen wegen den Jim-Crow-Gesetzen und so weiter, da waren sie auf bestimmte Viertel angewiesen. Und wie ich vorher gesagt habe, wenn man in eine schlechte Nachbarschaft hineingeboren ist, kommt man wegen der schlechten Schulen nicht so schnell wieder raus. Während die anderen, die freiwillig nach Amerika gekommen sind, die haben sich auch besser verteilen können. Bei uns in St. Louis haben sie Chinatown abgeschafft, um ein Fußballstadion zu bauen. Und dies ist das Beste, was dieser chinesischen Gemeinschaft hätte passieren können, denn die haben sich tatsächlich durch die ganze Stadt verteilt und jetzt sind sie wirklich Bildungsspitze. Aber das betrifft nicht alle asiatischen Amerikaner, sondern nur ganz bestimmte Gruppen. Bei den Vietnamesen, bei den [unverständlich] sieht das völlig anders aus, weil das Flüchtlinge gewesen sind.
    Meurer: Joyce Mushaben ist Politikprofessorin an der Universität St. Louis in Missouri, erlebt dort aus allernächster Nähe die Rassenunruhen in Ferguson mit. Frau Mushaben, schönen Dank für die Zeit, die Sie für uns hatten, Wiederhören nach St. Louis!
    Mushaben: Ja, ich bedanke mich auch!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.