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Unruhiger Schlaf

Circa jedes sechste Kind wohnt an stark belasteten Haupt- und Durchgangsstraßen. Lärm verursacht Stress und der Körper schüttet Hormone aus, das autonome Nervensystem stellt sich auf Flucht oder Kampf ein, der Blutdruck steigt. Eine gefährliche Tendenz.

Von Volkart Wildermuth | 22.12.2009

Die Stadtautobahn in Berlin. Tag und Nacht rollt der Verkehr. Links wie rechts Wohnhäuser, ständig dem Lärm ausgesetzt. Sicher ein extremes Beispiel, aber kein ungewöhnliches.

"Circa jedes sechste Kind wohnt an stark belasteten Haupt- und Durchgangsstraßen. Wir haben einen, wenn man so will, ungünstigen Effekt festgestellt: Je lauter die Straße ist, an der sich die Wohnung befindet, desto häufiger sind die Kinderzimmer auch zur Straße nach vorn ausgerichtet."

Diese Kinder müssen also jeden Abend mit dem Lärm der Autos einschlafen, so Dr. Wolfgang Babisch, im Umweltbundesamt zuständig für das Thema Lärm beim Kinder-Umwelt-Survey. Er hat die Familien befragt und jeweils für kurze Zeit die Schallpegel vermessen. Kinder aus sozial schwachen Familien haben besonders unter Lärm zu leiden. Wer Geld hat, zieht weg von den Durchgangsstraßen. Ein wichtiger Grund: Eine laute Straße stört den Schlaf. Das gilt tendenziell auch für Kinder, allerdings war der Einfluss der Lärmbelastung auf das Durchschlafen in dieser Untersuchung eher gering. Überraschend dagegen, dass sich die Kinder deutlich seltener, als ihre Eltern über den Krach beschweren.

"Insgesamt ist es so, dass Kinder subjektiv, sag ich mal, Lärm toleranter sind. Sie berichten also weniger häufiger, als Erwachsenes, dass sie der Lärm stört. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht auch körperlich genauso reagieren wie Erwachsene."

Lärm verursacht Stress. Der Körper schüttet Hormone aus, das autonome Nervensystem stellt sich auf Flucht oder Kampf ein, der Blutdruck steigt, das Herz klopft schneller. Kurzfristig ist das sinnvoll. Auf Dauer wird aber die Gesundheit in Mitleidenschaft gezogen. Lärmgeplagte Erwachsene erleiden häufiger einen Herzinfarkt. Und auch bei den Kindern fanden sich erste Veränderungen.

"Kinder, die an stark befahrenen Haupt und Durchgangsstraßen wohnten, zeigten im Gruppenmittel einen höheren Blutdruck, als Kinder, vor deren Fenster eine gering befahren Straße sich befand. Die Veränderungen beim Blutdruck im Mittel waren vergleichsweise gering. Sodass für die Kinder in dieser akuten Lebensphase kein unmittelbares Gesundheitsrisiko daraus entsteht. Was diese geringen Blutdruckerhöhungen langfristig für die Gesundheit der Kinder bedeutet, können wir nicht sagen."

Andere Untersuchungen zeigen aber, dass ein hoher Blutdruck in der Kindheit häufig in einen hohen Blutdruck im Erwachsenenalter übergeht. Und der ist ein Risiko für viele Krankheiten, vom Herzinfarkt bis zum Schlaganfall. Der Lärm im Kinderzimmer ist also ein ernstes Problem. Zumal Kinder länger schlafen und vor allem früher schlafen, also zu Zeiten, zu denen der Verkehr noch rollt.

Die Weltgesundheitsorganisation hat Empfehlungen für die nächtliche Lärmbelastung aufgestellt. Idealerweise sollten vor dem Schlafzimmerfenster nicht mehr als 40 Dezibel herrschen, wenn sich der Verkehr nicht vermeiden lässt 55 Dezibel. Das ist nur etwas lauter als das Brummen eines Kühlschranks und mehr Wunsch als Wirklichkeit, meint Wolfgang Babsich.

"Ein Großteil der Bevölkerung wohnt in Umweltsituationen, wo die nächtliche Lärmbelastung weit höher ist, als das, was die WHO idealerweise vorschlägt. Hier besteht also Handlungsbedarf."

Vielleicht sollte man abends an den Schlaf der Kinder denken und öfter mal das Auto stehen lassen. Städte und Gemeinden können Flüsterasphalt verwenden, Tempo-30-Zonen ausweisen oder Umgehungsstraßen bauen. Entlang der Berliner Stadtautobahn hilft aber wohl nur eines: Schallschutzfester um den Verkehrslärm aus den Kinderzimmern zu halten.