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Unterricht aus 1000 Zungen

Die Plashet-Mädchenschule im Osten Londons hat einen sehr hohen Migrantenanteil: Die Kinder sprechen über 45 Sprachen, teilweise gehen sie - unterteilt in Christen, Hindus und Muslime - zu konfessionell getrennten Versammlungen. Und dennoch: Im landesweiten Vergleich zählt die Plashet Community School zu einer der zwölf besten Schulen.

Von Ruth Rach | 08.02.2010

    Morgenversammlung in der Plashet Community School, eine staatliche Sekundarschule für Mädchen in Newham, Ostlondon. Im Saal sitzen Hunderte von Schülerinnen im Alter von 11-16.

    Newham ist ein Migrantenviertel in Ostlondon. Ein Drittel der Mädchen hat Wurzeln in Pakistan, ein Drittel in Bangladesh, die übrigen Schülerinnen in Indien, der Karibik, in Afrika und in Osteuropa. Weiße Britinnen sind hier eine verschwindende Minderheit.

    Wie in den meisten staatlichen Schulen beginnt der Tag mit einer kurzen Versammlung. Zumeist geht es um besinnliche, bisweilen aber auch um aktuelle Themen. Die Gastsprecherin trägt Kopftuch. Sie fragt: Wie sollte sich unser Glauben auf unser Verhalten auswirken? Der Koran sagt, wir sollen unsere Nachbarn lieben. Im Nebenraum eine Parallelveranstaltung: dort erzählt ein Hindu eine heilige Legende und will wissen: Welche Lehren daraus sind heute noch gültig?

    Donnerstags und freitags gehen die Mädchen zu konfessionell getrennten Versammlungen: Christen, Hindus, Muslime. An den übrigen Tagen treffen sie sich gemeinsam in einem Saal, sagt Bahana Ahmed, sie koordiniert die Klassen. Die Gastredner sind in der Nachbarschaft verwurzelt: aktive Gemeindemitglieder, aber niemals Geistliche oder Imame. Die gehörten – so Bahana Ahmed - nicht in staatliche Schulen, sondern in Kirchen, Tempel, Moscheen.

    Im landesweiten Vergleich zählt die Plashet Community School zu einer der zwölf besten Schulen. Schon seit Jahren. Trotz schwierigster Bedingungen. Newham ist ein sozial schwaches Viertel. Die Kinder sprechen über 45 Sprachen. Die langjährige Leiterin Bushra Nasir kam mit acht Jahren aus Bangladesh nach London. Eine Frau mit Herz - und einer mächtigen Ausstrahlung. Ihr Erfolgsrezept: hohe Erwartungen an die Schülerinnen, beste Lehrer, Fairness, Disziplin.

    "20 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer stammen aus dem Ausland: aus Dänemark, Frankreich, Kamerun, Pakistan, Indien. Sie sind wichtige Vorbilder, denn sie zeigen den Mädchen, wie man es in Großbritannien unabhängig von der Herkunft zu etwas bringen kann."

    Der landesweit vorgegebene Lehrplan gilt auch für die Plashet Community School, aber ob im Englischunterricht, in Staatsbürgerkunde, Kunst oder Geschichte – die Lehrer heben stets auch die Beiträge anderer Kulturen zur britischen Gesellschaft hervor.

    "Manche Eltern befürchten, ihre Kinder könnten ihre Identität und traditionellen Werte verlieren. Wir zeigen ihnen, wie man auch als guter Muslim eine erfolgreiche Rolle in der westlichen Gesellschaft spielen kann."

    Der Religionsunterricht ist in staatlichen britischen Schulen Pflichtfach und soll Schülern Gelegenheit geben, ihr Wissen über die verschiedenen Religionen und Weltanschauungen zu vertiefen. Wobei allerdings – so die offiziellen Richtlinien - der zentrale Stellenwert des Christentums nicht vergessen werden darf. Eine Art komparativer Religionsunterricht also, der auch Atheismus und Humanismus miteinbezieht und von eigens dafür ausgebildeten Religionslehrern erteilt wird.

    "Was sagen die Religionen zum Thema Ehe?", fragt die Lehrerin Ann George in der heutigen Stunde. Die Schülerinnen kommen auf arrangierte Ehen zu sprechen, diskutieren über Zwangsheiraten, Scheidungen. An der Wand hängen die unterschiedlichsten Poster: islamische Schriften, Hindu-Götter, ein Porträt von Martin Luther King. Besonders gerne veranstaltet Ann George auch Debatten oder schickt ihre Schülerinnen zu Interviews los, um herauszufinden, was die Leute in ihrer Gemeinde denken.

    Für Debatten über muslimische Kleidung hat Bushra Nasir wenig Zeit. In Plashet gebe es eine liberale Schuluniform, Kleider, lange Röcke, Hosen, Kopftuch, alles erlaubt, außer dem Nikab: Die Lehrer müssten das Gesicht ihrer Schülerinnen sehen können. Auch Freistunden für muslimische Gebete würden nicht erteilt. Die Gebete könnten in der Mittagspause oder abends nachgeholt werden. Und weil die Kommune Newham bereits drei zusätzliche religiöse Feiertage eingeführt hat - Eid, Diwali und Guru Nanak –, werden in Plashet nun eben die Schulferien verkürzt.

    "Man kann ein Kind nicht von seiner Religion trennen. Wenn staatliche Schulen keinen adäquaten Religionsunterricht anbieten, werden sich Eltern ausklinken und ihre Kinder in Konfessionsschulen stecken. Das ist schade, denn ich glaube, sie entwickeln sich viel besser, wenn sie in multikonfessionellen staatlichen Schulen bleiben und dort ein viel tieferes Verständnis für Andersdenkende entwickeln können."