Montag, 01.03.2021
 
Seit 09:00 Uhr Nachrichten
StartseiteSonntagsspaziergangIm "fliegenden Pilz" nach Estland 15.05.2016

Unterwegs im AWACS-Flugzeug Im "fliegenden Pilz" nach Estland

Sie sehen eigentlich aus wie normale Passagierflugzeuge - wäre da nicht das komische pilzförmige Gebilde auf dem Dach. Die sogenannten AWACS-Maschinen der NATO absolvieren Überwachungsflüge, zum Beispiel über dem baltischen Luftraum. Deutschlandfunk-Autor Rudi Schneider durfte mitfliegen: von Geilenkirchen nach Estland.

Von Rudi Schneider

Die AWACS-Maschine nach der Landung in der Ämari AirBase. (Rudi und Rita Schneider)
Die AWACS-Maschine nach der Landung in der Ämari AirBase. (Rudi und Rita Schneider)

Morgendunst liegt über dem Vorfeld der NATO-Airbase in Geilenkirchen. Mehrere AWACS Flugzeuge mit dem signifikanten Radar-Dom auf dem Dach stehen aufgereiht auf ihren Parkpositionen und warten auf ihren Einsatz. Die Crewmitglieder eines Einsatzfluges nach Estland mit dem Rufzeichen "Nato 41" finden sich am frühen Morgen in einem Briefing-Raum unterhalb des Towers ein. Den genauen Wetterdetails folgt für die Piloten die Einweisung in den Flugplan, der für den bevorstehenden Flug von Geilenkirchen über definierte Wegpunkte und Luftstraßen nach Ämari in Estland führt.

Nach dem Briefing begibt sich die gesamte Crew zum Flugzeug. Unser Flug ist heute keine Mission, sondern ein Besuch im Rahmen der Ramstein Alloy in Estland. Die AWACS E-3A basiert auf einer Legende der zivilen Luftfahrt, einer vierstrahligen Boeing 707, dem ersten in Großserie gebauten Düsenverkehrsflugzeug der Luftfahrtgeschichte, und dieser Flieger hat auch wie damals noch vier Arbeitsplätze im Cockpit. Neben dem Kapitän und Copilot gibt es den Flugingenieur und den Navigator.

Die CREW vor dem Flugzeug  (Rudi und Rita Schneider)Die CREW vor dem Flugzeug (Rudi und Rita Schneider)

Nachdem dann die Triebwerke angelassen sind, rollen wir zur Startbahn und der Tower gibt uns die Startfreigabe. Nach der Startfreigabe des Towers für die "Nato 41" beschleunigt die AWACS, hebt ab und fliegt in einer weiten Rechtskurve in Richtung Nordost. Normalerweise führt der Flugweg immer relativ gerade zum Ziel. Da auf unserem Weg nach Estland die russische Exklave Kaliningrad, das frühere Königsberg, liegt, müssen wir sie umfliegen. Es geht also zunächst südlich von Bremen und Berlin über Polen bis zur östlichsten Ecke der Exklave. Dort an der Grenze zu Litauen fliegen wir eine starke Linkskurve und nehmen Kurs auf Riga und Tallinn erläutert Major Franceso Rocco, unser Navigator, und erklärt uns auch seine Aufgabe im Cockpit.

"Meine wichtigste Aufgabe ist es, die Flugroute zu kontrollieren und entsprechende Freigaben bei den jeweiligen Luftraumkontrollen einzuholen. Wenn wir in der Luft auftanken, führe ich unser Flugzeug zum Tanker. Sobald die Piloten den Tanker dann optisch sehen können, übernehmen sie die weitere Annäherung."

Francesco ist Italiener und kommt aus Neapel. Die Crews der NATO-Flugzeuge sind multinational und kommen immer aus den Ländern, die zur NATO gehören. Insofern gibt es an Bord eine perfekte mulinationale Zusammenarbeit. Kurz vor Tallinn leiten wir den Sinkflug ein, von hier aus kann man fast bis St. Petersburg in Russland sehen. Dann beginnen wir unseren Anflug auf die Ämari AirBase, die 35 Kilometer südöstlich von Tallin liegt. Unsere Crew nutzt die Gelegenheit, um einige Anflüge zu üben. Brigade General Karsten Stoye ist Kommandeur des NATO-AWACS-Verbands. Er sitzt heute auf dem Kopilotensitz und vergleicht seine Anflugübung auf Ämari mit seinen Erfahrungen im Simlator.

"Im Simulator werden auch zum Beispiel Winde eingespielt, die aber nicht so schnell wechseln, wie das in der Realität ist. Man kann auch nicht die Thermik, die ein Flugzeug fühlt, im Simulator einspielen. Insofern ist das etwas akademischer, sag ich mal... gleichwohl die Bedienung des Flugzeuges eigentlich gleich ist. Aber heute war es ein ganz interessanter Anflug, den ich gemacht habe. Das Flugzeug hat vier Triebwerke. Ich habe einen Drei-Triebwerk-Anflug gemacht, also eines auf Null gestellt. Dann hat man natürlich sehr große Belastungen, bei denen man das Ruder benutzen muss um das Flugzeug gerade zu halten, es ist dann auch windanfälliger, man muss mehr Leistung für die übrigen drei Triebwerke nutzen, es ist also ein großer Unterschied, ob man das im im Simulator übt oder ob man das eben im richtigen Flugzeug macht."

Brigade General Karsten Stoye  (Rudi und Rita Schneider)Brigade General Karsten Stoye (Rudi und Rita Schneider)

Marcus Klatt-Kallenberg ist unser Kapitän und gleichzeitig Instruktor Pilot, der das Anflugtraining überwacht.

"Es war ein Übungsanflug, es war alles in allem 'ne runde Sache, sehr zuvorkommende Flugverkehrskontrollstellen, und auch die Towerkontrolle war sehr nett und haben und das gegeben, was wir erwartet oder erfragt haben.

Nach der Übung erhalten wir dann die endgültige Landeerlaubnis in Ämari. Unser Flieger setzt auf estnischem Boden auf, ein Follow-Me-Fahrzeug empfängt uns am Ende der Landebahn und geleitet uns zu unserer Parkposition auf dem Vorfeld. Die Kabinentür wird geöffnet, die Bodencrew hat inzwischen die GangWay herangerollt. Der Kommandeur der estnischen Luftwaffe, Colonel Jaak Tarien, begrüßt uns mit einem freundlichen Handschlag. Für unsere heutigen Crewmitglieder war es die erste Landung in Estland, und deshalb erzählt uns Jaak Tarien einiges über die Geschichte des Platzes.

"Diese AirBase wurde in den frühen 50er-Jahren von der Sowjet Union errichtet. In zehn Kilometern Entfernung hatten sie an der Küste eine Training-Basis für Atom U-Boote. Der letzte Nuklear-Reaktor wurde 1994 von hier ausgeflogen, bevor die Sowjets diesen Flugplatz verließen. Wir haben ihn 1997 übernommen und 2006 auch mithilfe der NATO renoviert und in den modernen und perfekten Zustand gebracht, wie Sie ihn heute hier sehen."

Colonel Tarien hat eine ganze Schar estnischer Journalisten und Fernsehteams mitgebracht, die über unseren Besuch berichten. Keili Sükijainen produziert eine Reportage für den Fernsehsender TV3 in Estland, und nachdem sie alles aufgezeichnet hat, erzählt sie uns über ihr Land und ihre Heimatstadt, und das ist Tallin, dessen Altstadt wir im Anflug wunderbar sehen konnten.

"Die Altstadt ist ein UNESCO-Kulturerbe. Man kann in Tallinn moderne Wolkenkratzer sehen und ein paar Meter daneben befindet man sich in einer völlig anderen Welt, mit all ihren typischen Gebäuden, Winkeln, Kirchen und malerischen Gassen, man fühlt sich wie im Mittelalter."

Reporterin Keili Sükijainen (Rudi und Rita Schneider)Reporterin Keili Sükijainen (Rudi und Rita Schneider)

Die wechselhafte Geschichte des Domberges und der Unterstadt kann man an jeder Ecke hautnah erleben, erzählt Keili und nimmt uns ein wenig mit in die Stimmung der romantischen Gassen und Straßen, wo das estnische Leben pulsiert. Straßenmusikanten unterhalten die Besucher und leckere Düfte verraten Köstlichkeiten für den Gaumen, sagt Keili

"Du musst unsere gebrannten Mandeln probieren, die mit Karamell überzogen sind. Alles, was man hier in der Altstadt an heimischen Spezialitäten essen kann, ist meistens ein Ausflug in die Vergangenheit. Viele unserer Besucher kommen wegen dieser Köstlichkeiten nach Tallinn."

Keili lacht vielsagend und dann erzählt sie von Ihrem Besuch in solch mittelalterlichen Häusern.

"Ich bin 1,82 Meter groß. Für mich ist das sehr witzig, diese alten Gebäude zu besuchen. Die Türen sind so niedrig, auch die Räume. Vor 100 Jahren waren die Leute in Estland offensichtlich viel kleiner. Der größte Mann war vielleicht so groß wie ich."

Offensichtlich war das früher so, sagt Colonel Tarien schmunzelnd, denn er ist wirklich von hochgewachsener Statur. Aber auch er gerät über die vielen historischen Sehenswürdigkeiten seines Landes ins Schwärmen.

"In Estland gibt es eine Vielzahl von Jahrhunderte alten Herrenhäusern und Burgen. Das beste Beispiel ist Tallinn mit seiner wunderbaren Altstadt im mittelalterlichen Flair. Auf unseren Inseln oder den Städten wie Tartu oder Pärnu findet man ebenso interessante Gebäude und Schlösser mit reicher Geschichte und Kultur."

Die reiche Geschichte zeigt unter anderem auch viele Verknüpfungen mit der deutschen Vergangenheit. Für Keili als Journalistin hat das Wort "Verknüpfung" eine aktuelle und besondere Bedeutung.

"Ich glaube, wir sind wirklich glücklich darüber, zu Europa zu gehören. Ich erinnere mich noch daran, als der Euro kam. Zuerst waren die Leute hier skeptisch. Aber, wenn man heute die Leute auf der Straße hört, ist jeder froh, dass wir Europäer sind, und auch, dass wir Teil der Nato sind. Wir hatten hier auch keine Diskussion über die Frage eines EU-Ausstieges, wie sie gerade in anderen Ländern stattfindet."

Siim Teder gesellt sich zu uns. Er ist Bildjournalist der estnischen AirForce. Sim erzählt von seinen Ausflügen aufs Land, aber auch zu den anderen baltischen Staaten.

"Lettland und Litauen sind ein wunderbares Ziel für einen Wochenendtrip. Von Süd-Estland fährt man eine Stunde bis Riga. Das kulturelle Leben ist dort sehr vielfältig und lebendig. Ich liebe die Tatsache, dass die baltischen Staaten unterschiedlich und doch gleich sind. Wir verstehen uns sehr gut und halten zusammen."

Das ist ein Fingerzeig. Auf unserem Flug nach Hause, der über Lettland und Litauen führt, werden wir aufmerksam nach unten zu schauen und damit beginnen die Vorbereitungen für unseren Rückflug. Während unser Jet für den Heimflug noch mit 30.000 Liter Kerosin betankt wird, schraubt sich eine Lerche über das Flugfeld in den estnischen Himmel und zwitschert aus voller Kehle. Wir verabschieden uns von unseren estnischen Freunden. Die Triebwerke werden angelassen und unsere Maschine rollt langsam zur Startbahn 24.

Als unser Jet in den estnischen Himmel steigt, zieht ein Regenschauer über uns hinweg, als würde Estland uns eine Abschiedsträne nachsenden. Über Lettland und Litauen verweilen wir noch auf niedriger Flughöhe und üben über dem litauischen Flugplatz Siauliai noch ein - zwei Anflüge, dann aber gehts mit einem Gruß an die litauischen Aircontroller nach Hause. In der untergehenden Sonne von Geilenkirchen, kommt die Landebahn in Sicht.

Das Fahrwerk berührt den Boden und während unser Jet langsam ausrollt, erinnern wir uns an die letzten Worte von Keili, die uns in den Abend dieser interessanten Mitreisegelegenheit begleiten.

"Jeder in Europa sollte wirklich kommen und sich Estland anschauen. Wir sind das kleinste Land in Europa, aber in unseren Herzen sind wir die größten. Kommen Sie einfach und erleben Sie es selbst."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk