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StartseiteSonntagsspaziergangLeichen an Ostfrieslands schönsten Orten25.08.2019

Unterwegs mit Krimiautor Klaus-Peter WolfLeichen an Ostfrieslands schönsten Orten

Reale Orte, reale Personen. Klaus-Peter Wolfs Kriminalromane orientieren sich am echten Ostfriesland und könnten auch als Reiseführer dienen. Der einzige Unterschied zur wahren Umgebung: Wolf legt, so formuliert er, „Leichen an die schönsten Orte“.

Von Paul Stänner

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Der Krimiautor Klaus-Peter Wolf, geboren in Gelsenkirchen und wohnhaft in ostfriesischen Norden (Deutschlandradio / Paul Stänner)
Klaus-Peter Wolf blickt auf eine Auflage von elf Millionen Exemplaren seiner Ostsee-Krimis (Deutschlandradio / Paul Stänner)
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Mit Klaus-Peter Wolf stehe ich auf dem Deich von Norddeich. Früh in der Saison erproben ahnungslose Touristen das Strandleben:

"Wenn wir jetzt hier durch Sand gehen, quer durch die Dünen, dann kommen wir direkt zum Meer und hier habe ich dann auch eine Leiche hingelegt. Und das wurde auch bei der Verfilmung so gemacht, dann lag die Leiche auch da, und man hat dort ein Schild hingestellt: Hier starb das erste Opfer im 'Ostfriesenkiller'."

In der betulichen Stadt Norden lebt Klaus-Peter Wolf seit fünfzehn Jahren. Hier schreibt er Kriminalromane und so kam die Leiche an den Strand von Norddeich:

"Das Schild müsste dort jetzt stehen, es steht nicht da, es liegt da. Es ist umgeweht worden."

Insgesamt blickt Klaus-Peter Wolf auf eine Auflage von elf Millionen Exemplaren, dazu kommen noch mehrere Verfilmungen. Diese Popularität hat zur Folge, dass Ostfriesland und insbesondere die Stadt Norden eine Gegend ist, in der Menschen mit Kriminalromanen in der Hand nach Indizien und Überlebenden suchen:

"Manche Orte haben so eine Magie, dass man das Gefühl hat, hier ist es gerade richtig. Und dann habe ich ja das Versprechen gegeben, dass ich an die schönsten Orte Ostfrieslands Leichen legen werde. Da arbeite ich mich gerade noch dran ab."

Ortswechsel. Raus aus dem Wind, rein in die Stadt. Im Hotel Smutje, in der Fußgängerzone von Norden, hat Klaus-Peter Wolf kaum Zeit, die Jacke auszuziehen. Schon springt ein Ehepaar auf, kann sein Glück kaum fassen. Klaus-Peter Wolf reagiert gelassen, er kennt das Spiel:

"Viele Gäste kommen einfach hier hin, weil sie das aus den Büchern kennen."

Die Frau prescht heran und stellt ihren Gatten als den größten Klaus-Peter Wolf-Fan vor. Wolf gibt ihm artig die Hand als stünde er vor dem Bürgermeister. Dürfen sie ein Selfie? Natürlich dürfen sie! Autor und Fan gehen in Positur, zwei mal klickt das Handy - der Fan ist glücklich und seine Frau auch. Urlaub gerettet:

"Es war so, dass ich schon immer gern im Smutje essen war, das hat mir gut geschmeckt. Nachdem ich hier hingezogen bin und als ich dann anfing, Romane zu schreiben, die in Ostfriesland spielen, da habe ich immer mal wieder meine Kommissarin hier hingeschickt, beziehungsweise auch mein Serienkiller Dr. Bernhard Sommerfeldt geht hier gerne essen. Im letzten Roman ist es zum Beispiel so, dass er auf der Flucht ist und er weiß, dass die Polizei ihn sucht, und er nimmt das Risiko auf sich, verhaftet zu werden, um noch einmal hier zu essen."

Romane als Reiseführer

Zum Konzept der Romane, deren Titel meist mit dem Wort Ostfriesen- beginnen, um dann mit dem Wort - wut oder -nacht oder Ostfriesen-Sünde zum Ende zu kommen , gehört, dass man sie fast auch als Reiseführer lesen kann:

"Es ist so, dass ich meine authentische Welt erzähle. Und ich wollte Romane machen, in denen das Leben so stattfindet, dass man es nachvollziehen kann, dass man es schmecken kann, riechen kann, hingehen kann. Auch die Personen meiner Romane gibt es wirklich. Und die heißen auch so."

Und die trinken auch Tee:

"So wie jeder Ostfriese auch, also morgens, mittags, nachmittags, abends wird eigentlich immer Tee getrunken."

Holger Bloem, den ich im Teemuseum von Norden treffe, ist im tatsächlichen Leben Redakteur des Ostfriesland-Magazins und gehört zum Personal von Wolfs Romanen. Nämlich:

"Als real existierender Journalist Holger Bloem."

Und wie geht es Ihnen damit? Das letzte Mal mussten Sie bei einem Serienmörder im Kofferraum bis Bamberg reisen?

"Ja, das sind die Dr. Sommerfeldt-Romane. Also es sind nicht die Ostfriesen-Krimis, aber Dr. Sommerfeldt ist ja in dem Umfeld angesiedelt und ganz bis nach Bamberg musste ich im Kofferraum nicht liegen, er hat mich vorher raus gelassen und ich habe auch überlebt. Knapp, aber ich habe überlebt."

Nachdem er überleben durfte, hat Holger Bloem mit Klaus-Peter Wolf einen wirklichen Reiseführer geschrieben unter dem Titel "Mein Ostfriesland". Reichlich mit Texten und Fotos ausgestattet zeigt das Buch die Mord- und Tatorte, erzählt von lokalen Bräuchen und kulinarischen Eigenheiten der Region wie der Zubereitung von Labskaus und Branntweinrosinen-Sud, der natürlich auch in einem Ostfriesen-Krimi seine Rolle spielt:

Es geht vorbei an der riesigen grünen Doornkaat-Flasche, einem der Wahrzeichen von Norden. Früher wurde der berühmte Schnaps noch hier gebrannt. Aber dann wurde die Brennerei verkauft und so blieb Norden nur noch die große, grüne Erinnerung. Holger Bloem hat erzählt, dass die Friesen früher so viel Tee tranken, um ein Gegengewicht zum Schnapskonsum zu haben. Nun ist der Schnaps weggezogen und nur noch der Tee ist geblieben. Weiter geht es vorbei am Café ten Cate, wo man Kuchen bekommt und die Krimis von Klaus-Peter Wolf, denn auch das Café ist ein Schauplatz.

Dann stehen wir auf dem Markt: Die Polizeiwache ist ein dreigeschossiges Haus aus Klinkern, mal heller, mal dunkler, lustig und bunt zusammengemauert mit dem, was an Backsteinen gerade vorrätig war. Über den Fenstern aber wurde verschwenderisch mit Schmuckziegeln und Ziersteinen gearbeitet. Am Giebel steht der Name R. Rahusen zusammen mit der Jahreszahl 1836. Am Erdgeschoss steht ein Schild, das besagt: "Fahrradständer nur für Besucher der Polizei".  Hier arbeitet Wolfs Kommissarin Ann Kathrin Klaasen:

"Ja, das ist eine wunderschöne alte Polizeiinspektion und in meinem Roman ‚Ostfriesenwut‘ sagt dann ein Mädchen, als sie darauf zugeht: Die Polizei sieht aus wie die Knusperhäuschen, die mir meine Omi früher zu Weihnachten gebacken hat. Und ich finde, genauso sieht es auch aus."

Vielleicht kommt daher der Reiz dieser Landschaft: Dass sie wirkt, wie aus einer idyllischen Weihnachtsgeschichte, aus der jedoch, wenn man dem Blick des Klaus-Peter Wolf folgt, Blut trieft. 

Buchempfehlung: Klaus-Peter Wolf mit Holger Bloem: "Mein Ostfriesland" S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.. 254 Seiten, 18 Euro.

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