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StartseiteGesichter EuropasUnverstanden und vergessen03.12.2011

Unverstanden und vergessen

Tessin, das Stiefkind der Schweiz?

Sie hießen "Verdingkinder". Jungen und Mädchen, die Schweizer Behörden armen Familien in den 50er- und 60er-Jahren wegnahmen, um ihnen angeblich ein besseres Leben zu ermöglichen. In Wahrheit wurden die meisten von ihnen auf Bauernhöfen als billige Arbeitskräfte ausgebeutet.

Mit Reportagen von Kirstin Hausen

Das Gebiet Centovalli im Tessin, Südschweiz
Das Gebiet Centovalli im Tessin, Südschweiz
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Tessin, das Stiefkind der Schweiz?

Gegen Kost und Logis mussten sie Kühe melken, Ziegen hüten und auf dem Feld schuften. Auch die "Schornsteinfegerkinder" aus den bitterarmen Tälern des Tessins mussten schwer arbeiten, um sich ihr Brot zu verdienen.

Ihre Familien verkauften sie nach Mailand, wo sie unter Einsatz ihres Lebens meterhohe Fabrikschlote putzten. Das Leid der Betroffenen rückt erst allmählich ins öffentliche Bewusstsein, aber die Rolle der Stiefkinder haben die Tessiner bis heute verinnerlicht.

Als sprachliche Minderheit steckt ihnen die Angst, von den Deutschschweizern nicht ernst genommen oder einfach vergessen zu werden, tief in den Knochen. Dabei hat der südlichste Kanton der Schweiz dank Tourismus und Banken heute einen hohen Lebensstandard.

Doch die Grenze zu Italien schafft neue Konflikte. Mehr als 50000 Italiener kommen jeden Tag zum Arbeiten ins Tessin. Sie verlangen nicht viel, sind mit geringen Löhnen zufrieden und werden als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt von den Einheimischen zunehmend angefeindet.

Das Dilemma: Die Tessiner fühlen sich kulturell Italien verbunden, politisch der Schweiz zugehörig und von niemandem wirklich verstanden.


Am Mikrofon: Katrin Michaelsen

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