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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Nie in überflutete Bereiche gehen"15.07.2021

Unwetter in Deutschland"Nie in überflutete Bereiche gehen"

Wassermassen würden von vielen Menschen einfach unterschätzt, mahnt Jutta Lenz vom Hochwasserkompetenzzentrum mahnt. Man könne Türen nicht mehr öffnen, wenn das Wasser 50 Zentimeter an der Tür steht. Nicht nur deshalb empfiehlt Lenz eine Elementarschadenversicherung.

Jutta Lenz im Gespräch mit Susanne Kuhlmann

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Die mit einer Drohne gefertigte Aufnahme zeigt die Verwüstungen die das Hochwasser der Ahr in dem Eifel-Ort angerichtet hat.  (TNN/Christoph Reichwein)
Luftbild vom Eifelort Schuld machen das Ausmaß der Katastrophe sichtbar. (TNN/Christoph Reichwein)
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Starker Regen hat in Westdeutschland zu schweren Hochwasserschäden geführt. Besonders stark betroffen sind Teile der Eifel. Im rheinland-pfälzischen Schuld waren mehrere Häuser eingestürzt, zahlreiche weitere sind einsturzgefährdet. Luftbilder zeigen das Ausmaß der Katastrophe. 

Nach dem Abklingen des Starkregens kämpfen Feuerwehr und andere Einsatzkräfte an vielen Orten mit einer sich verschärfenden Hochwasserlage. Vielerorts liefen die Keller von Häusern und Wohnung voll. 

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Was tun, wenn der Keller vollgelaufen ist?

Auf keinen Fall in die überfluteten Bereiche hineingehen, mahnt Jutta Lenz, stellvertretende Geschäftsführerin vom deutschlandweit agierenden Hochwasserkompetenzzentrum. "Gehen Sie niemals in die Bereiche hinein, wenn Wasser im Keller steht. Türen, wir haben das berechnet, kann man nicht mehr öffnen, wenn das Wasser 50 Zentimeter an der Tür steht - auch der stärkste Mann kriegt dann einfach die Tür nicht mehr auf", sagte Lenz im Dlf. Die Wassermassen würden von vielen Menschen einfach unterschätzt - und das könne tödlich sein.

Elementarschadenversicherung hilft bei Schäden

Welche enorme Kraft sich angesichts des Dauerregens entwickeln und welchen Schaden sie anrichten, zeigen die Bilder aus Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, wo ganze Straßenzüge und Stadtteile betroffen sind.

Hagen - Wassermassen fließen eine Straße hinunter. (www.imago-images.de/Marius Schwarz)Hagen - Wassermassen fließen eine Straße hinunter. (www.imago-images.de/Marius Schwarz)

Kleine Bäche wurden zu reißenden Flüssen, die Autos mitrissen, Straßen zerstörten und Gärten mit Massen von Schlamm überzogen. In Deutschland seien nur wenige Menschen gegen solche Katastrophen versichert; staatliche Hilfe sei an strenge Regeln gebunden. "Man tut gut, sich da um eine Elementarschadenversicherung zu kümmern", sagte Lenz im Dlf.

Auch vorbeugend könne einiges getan werden, um sich selbst und das Eigentum vor künftigen Starkregen zu schützen. Hilfreich seien beispielsweise Rückstauklappen und druckdichte Fenster. Auch sollte die Dachrinne immer frei von Laub sein.


Das Interview im Wortlaut:

Susanne Kuhlmann: Wer hilft, wenn Wasser im Haus steht, Wände eingedrückt werden, ein Baum auf den Wagen gestürzt ist? Sind Feuerwehr und Technisches Hilfswerk die Retter in der Not?

Jutta Lenz: Ja, auf jeden Fall. Wählen Sie erst mal, wenn etwas passiert, die Notrufnummern, die bekannten 110 oder 112. Polizei und Feuerwehr koordinieren die Hilfe und holen auch Hilfe von benachbarten Feuerwehren oder fordern auch das Technische Hilfswerk an und – wie gestern schon erlebt und auch in den Medien bekannt gemacht – bis zur Bundeswehr wird Hilfe angefordert. Aber die Menschen sollen sich erst mal an die bekannten Notrufnummern dann wenden.

Schutzmaßnahmen schon vor dem Hochwasser ergreifen

Kuhlmann: Bis Hilfe tatsächlich kommt, dauert es dann ja womöglich eine ganze Weile. Was kann man selber tun, wenn Räume unter Wasser stehen oder Schlamm gegen die Hauswand drückt?

Lenz: Wenn das Wasser schon im Keller steht, kann man herzlich wenig tun. Man kann vielleicht einen Zufluss verhindern, wenn es nicht allzu heftig ist, mit Sandsäcken oder kleinen Wällen, mit denen man versucht, den Zulauf ein bisschen einzudämmen. Was wichtig ist, dass man sich vorher schützt, bevor es zu diesem großen Starkregen kommt, da kann man einiges tun. Aber wenn es dann so weit ist, dann gibt es wenig, was man machen kann.

"Nie im Haus in überflutete Bereiche gehen"

Kuhlmann: Was sollte man denn auf keinen Fall machen?

Lenz: Man sollte auf keinen Fall in die überfluteten Bereiche hineingehen, auch in den Medien gab es ja schon Berichte von Todesopfern, die auch bei dem Ereignis gestern zu beklagen sind. Gehen Sie niemals in die Bereiche hinein, wenn Wasser im Keller steht, Türen kann man nicht mehr öffnen, wenn das Wasser 50 Zentimeter an der Tür steht, auch der stärkste Mann kriegt dann die Tür nicht mehr auf. Und Wassermassen werden einfach unterschätzt. Das geht superschnell, dass die Räume volllaufen. Also bitte, nie in überflutete Bereiche gehen im Haus.

"Ich empfehle jedem die Gebäudeversicherung zu überprüfen"

Kuhlmann: Die Panik ist ja groß in solchen Momenten. Muss trotzdem an Beweise für die Versicherung gedacht werden, so man eine hat?

Lenz: Das ist ein bisschen schwierig, ich habe neulich noch eine Auswertung gesehen, es gibt in der Tat nur 45 Prozent der Menschen, die eine solche Elementarschadenversicherung, die dann greifen würde, wenn solche Überschwemmungskatastrophen passieren. Das heißt, mehr als 50 Prozent der Leute würden jetzt auch auf ihren Schäden sitzen bleiben. Die staatlichen Hilfen sind auch an sehr strenge Auflagen geknüpft, man tut also gut, sich da um eine Elementarschadenversicherung zu kümmern.

Im Moment ist es sogar so, dass Sie in den neuen Gebäudeversicherungen inkludiert sind, aber in älteren Policen ist das noch nicht so der Fall. Da würde ich jedem empfehlen, das erst mal zu überprüfen. Und Beweise zu finden, ist natürlich immer gut, aber in der Regel sind ja ganze Straßenzüge oder Stadtteile von so etwas betroffen, da können die Versicherungen den Fall auch nicht mehr leugnen, das muss man also nicht so beweisen in diesem Fall.

Kuhlmann: Wetterphänomen oder Auswirkung des Klimawandels – Kommunen versuchen ja inzwischen, sich gegen Unwetter aller Art zu wappnen. Wie geht das im Falle von Starkregen?

Lenz: Kommunen machen jetzt schon viel, aber die Infrastruktur, die vor Jahrzehnten ja schon geplant worden ist, ist gegenüber diesen Wetterphänomenen gar nicht ausgelegt. Das können die Infrastrukturen auch gar nicht schaffen. Was jetzt im Moment in den Städten geplant wird, gebaut wird, sind Wasserwege und oberflächliche Speicher, die in Plätzen oder in Parks große Speichervolumen aktivieren können, wenn neue Straßen gebaut werden, werden entsprechende Speicher in den Straßen vorgesehen oder können vorgesehen werden.

Nach starken Regenfällen in der Nacht zum 14.07.2021 stehen grosse Teile von Hagen unter Wasser. Das Erdgeschoss und die Keller des Martha Müller Seniorenzentrum sind überflutet, das Grundstück ist mit Schutt und Geröll bedeckt. (imago / Christopher Neudorf)Der Garten eines Seniorenzentrums in Hagen ist mit Schutt und Geröll bedeckt (imago / Christopher Neudorf)

Das sind aber alles Investitionen und Zeithorizonte, die weit in die Zukunft gehen mit großem Investitionsvolumen, die nötig werden, um Klimaschutz dann zu realisieren. Und im optimalen Fall können diese Speicher dann auch, wenn es Hitzeperioden oder Dürren gibt wie in den vergangenen zwei Jahren, auch das Wasser dann wieder nutzbar machen, wenn es optimal läuft. Wir brauchen auch viel mehr grün in den Städten, was das Klima auch für die Stadtbewohner wieder ein bisschen erträglicher macht und sehr viel Wasser auch speichern kann. Das sind eigentlich Dinge, die in den Städten gemacht werden müssen in den nächsten Jahren.

Und was dann noch dazu erforderlich ist, das ist die private Schiene, die Städte können nicht jedes Gebäude schützen, da muss der Hauseigentümer auch selbst aktiv werden. Diese Kombination zwischen dem öffentlichen Reagieren auf den Klimawandel oder die Folgen des Klimawandels und dem Schutz des eigenen Eigentums in Summe würde dann eine gute Resilienz gegenüber den Folgen des Klimawandels darstellen.

Rückstauklappen, freie Dachrinnen und druckdichte Fenster helfen

Kuhlmann: Etwas zum Schutz des eigenen Eigentums und auch von sich selbst zu tun, bevor das Unwetter über einen hereinbricht, haben Sie gerade gesagt, wäre eine gute Idee. Was kann man denn tun, um sich vor künftigen Starkregen besser zu schützen?

Lenz: An vorhandenen Gebäuden kann man relativ einfach Dinge, die einem wichtig sind, nicht im Keller lagern, sondern vielleicht auf dem Dachboden. Man sollte unbedingt darauf achten, dass man eine Rückschlagklappe oder eine Rückstauklappe in der Hausentwässerung installiert hat, damit es nicht zu einem Rückstau aus dem Kanalnetz kommt. Man sollte immer gucken, dass die Dachrinne frei ist von Laub.

Das sind so die Sachen, die man mit relativ wenig Aufwand schon sofort quasi umsetzen kann. Wenn man in sehr gefährdeten Bereichen liegt, sollte man vielleicht auch über Dammbalkensysteme oder druckdichte Fenster und Türen nachdenken, man sollte auf seinem Gelände mal gucken, ob das Gelände das Wasser eher zum Haus hin leitet oder abschüssig ist, dass das Wasser quasi vom Haus weg fließt, das wäre eine gute Idee. Das sind dann aber meistens dann vielleicht schon ein bisschen größere Baumaßnahmen. Das ist sehr individuell, da muss man sich ein bisschen mit beschäftigen und vielleicht auch sich professionelle Hilfe holen, das mal zu bewerten, wie sehr das Haus gefährdet ist und was man da ganz genau tun kann.

(IMAGO / Future Image)Hochwasser am Rhein in Köln (IMAGO / Future Image)

"Nirgends wirklich hundertprozentig sicher"

!Kuhlmann:!! Sind bestimmte Regionen besonders gefährdet?

Lenz: Man kann es nicht regional festlegen. Diese Gewitterzelle, die gestern über den Westen Deutschland hinweggezogen ist, war 2012 zum Beispiel in Mitteldeutschland im Einzugsgebiet von Oder und Elbe. Regional kann man es nicht festmachen, das kann überall passieren. Das Wasser ist natürlich dann für Menschen, die in Hanglagen oder in Flusstälern wohnen, sehr viel bedrohlicher als für Menschen, die auf dem Berg oder einer Anhöhe wohnen. Die sind aber eher dann von Sturm betroffen. Man ist eigentlich nirgends wirklich hundertprozentig sicher, man muss sich schon ein bisschen darum kümmern, dass man die eigene Gefahr, das eigene Risiko einschätzen kann und sich da entsprechend vorbereitet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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