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StartseiteForschung aktuellAlarmierende Selbstmordraten in Sibirien29.07.2019

Ureinwohner der ArktisAlarmierende Selbstmordraten in Sibirien

Die Arktis zählt zu den Regionen mit den höchsten Selbstmordraten weltweit. Besonders betroffen: Ureinwohner vom Stamm der Nenzen. Untersuchungen eines russischen Forschungsteams zeigen: Bei der Prävention spielt die Beschränkung von Alkohol eine große Rolle - und die Stärkung der Muttersprache.

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Menschen warten in Naryan-Mar im Autonomen Kreis der Nenzen auf den Bus (imago images / ITAR-TASS)
Im Autonomen Kreis der Nenzen gibt es besonders viele Selbstmordfälle (imago images / ITAR-TASS)
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Vor etwas mehr als zehn Jahren ereilte den Mediziner Yury Sumarokov ein Hilferuf aus der nördlichsten Ecke des westsibirischen Tieflands.
"Die lokalen Gesundheitsbehörden dort waren besorgt über hohe Selbstmordraten im Autonomen Kreis der Nenzen. Deshalb sind wir sehr oft dorthin gereist. Das erste Treffen fand 2007, 2008 statt."

Bis zu 90 Prozent der Opfer waren betrunken

Seitdem untersuchten Yury Sumarokov und seine Kollegen von der Northern State Medical University in Archangelsk jeden einzelnen Selbstmordfall im Autonomen Kreis der Nenzen, einer russische Verwaltungseinheit. Selbstmordraten werden von der Weltgesundheitsbehörde als Fälle pro Hunderttausend Einwohner angegeben. Weltweit etwa liegt die Selbstmordrate bei 11 pro 100.000. In der Verwaltungseinheit der Nenzen dagegen sind es 70 pro 100.000. Nur in Grönland und in der Kanadischen Provinz Nunavut bringen sich noch mehr Menschen um.

"Bis zu 90 Prozent unserer Opfer waren stark angetrunken, als sie Selbstmord begingen. Bei den Männern waren es mehr als 80 Prozent und bei den Frauen mehr als 90 Prozent. Das heisst, Alkohol spielt als Auslöser eine sehr große Rolle." 

Die meisten Selbstmorde an Freitagen im Frühling

Die Dunkelheit während der langen Wintermonate scheint dagegen keinen Einfluss zu haben. Yury Sumarokovs Ergebnissen zufolge starben die meisten Menschen im Frühling, oft an Freitagen. Um die hohen Selbstmordraten zu senken, empfiehlt er, den Zugang zu Alkohol zu beschränken. 

"Es gibt ein sehr positives Beispiel aus Estland. Als dort beim Eintritt in die EU die europäischen Alkoholrestriktionen und -preise eingeführt wurden, sanken die Selbstmordraten schlagartig. Vorher hatte Estland eine sehr hohe Selbstmordrate. Das gleiche könnten wir im Autonomen Kreis der Nenzen machen, also den freien Verkauf einschränken und die Preise für Alkohol anheben. Das könnte in der ländlichen Region funktionieren. In Städten würde es nichts bringen. Dort gibt es zu viele Wege, an Alkohol zu gelangen."

Der Autonome Kreis der Nenzen ist etwa halb so groß wie Deutschland, allerdings wohnen dort gerade mal 42.000 Menschen. Die meisten von ihnen sind Ureinwohner vom Stamm der Nenzen. Unter ihnen fanden Yury Sumarokov und seine Kollegen besonders viele Selbstmordfälle.

Alkohol beschränken und die Sprache stärken

"Das ist ein globales Problem, nicht bloß ein Russisches. Deshalb arbeiten wir mit Forschern in den USA, Kanada, Grönland und Nordeuropa zusammen. Wir müssen zusammen Wege finden, die hohen Selbstmordraten unter den Ureinwohnern der Arktis zu senken. Präventionsprogramme müssen dabei in der Dorfgemeinschaft ansetzen, nah an den Familien und dem traditionellen Lebensstil." 

Von ganz entscheidender Bedeutung für die Vermeidung von Selbstmorden sei es, die Muttersprache zu stärken, sagt der Mediziner.

"Sprache ist der kürzeste Weg zum Gehirn. Und wir wissen aus der Psychologie, dass Therapien und Präventionsprogramme in der Muttersprache, also der Sprache, die man von den Eltern und Großeltern kennt, die in den Familien gesprochen wird, besser funktionieren als in jeder anderen Sprache, die man im Laufe seines Lebens lernt. Die indigenen Sprachen zu stärken, ist also der beste Schutzmechanismus."

In vielen Regionen der Arktis gehen genau diese Sprachen aber zurzeit verloren. Immer weniger junge Ureinwohner lernen die Sprachen ihrer Ahnen.

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