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Urlaub im Sanatorium

Das russische Sanatorium in Pjatigorsk ist ein Phänomen. Zu Sowjetzeiten wurden Arbeiter von den Gewerkschaften für drei bis vier Wochen dorthin geschickt. Auch heute noch entscheiden sich viele Russen freiwillig für einen Urlaub zwischen Zahnbehandlung und Massageliege.

Von Gesine Dornblüth |
    Von der Massage bis zur Zahnbehandlung: viele Russen kümmern sich im Urlaub ausschießlich um ihre Gesundheit
    Von der Massage bis zur Zahnbehandlung: viele Russen kümmern sich im Urlaub ausschießlich um ihre Gesundheit (Stock.XCHNG / Beatriz Chaim)
    Ein Pavillon am Rand einer Parkanlage in Pjatigorsk. Vor zwei Wasserhähnen hat sich eine Schlange gebildet. Eine Frau im weißen Kittel verkauft Plastikbecher und Souvenirs. Das Wasser riecht stark nach Schwefel. Marina Dmitrieva trinkt in kleinen Schlucken.

    "Das hilft bei allem, was mit Magen und Darm zu tun hat. Ob Sie Schmerzen haben oder nicht, ganz egal, trinken Sie! Das ist gesund. In diesem Wasser ist das gesamte Periodensystem enthalten."

    Zumindest reichlich Natrium, Calcium, Chlor-Anionen und Hydrogencarbonat. So steht es auf einem Schild. Das Wasser schmeckt, wie es riecht: schrecklich. Marina Dmitrieva füllt ihren Becher noch einmal auf und lächelt: Medizin, die schmeckt, hilft nicht.

    Mehr als 40 kalte und heiße mineralhaltige Quellen gibt es in Pjatigorsk. Vor allem ihretwegen entstand hier, in den Ausläufern des Kaukasus, vor mehr als 200 Jahren ein Kurbetrieb. Er hat die Sowjetzeiten überlebt und die Wirren der 90er-Jahre. Heute kommen etwa 170.000 Patienten im Jahr.
    Vor dem Sanatorium Maschuk sitzt Nadjeschda in der Sonne. Der Betonbau bröckelt ein wenig. Die meisten Kurheime in Pjatigorsk stammen aus den 60er- und 70er-Jahren, als der Kurort sich rasant entwickelte. Nadjeschda ist Mitte 30 und kommt aus Surgut in Sibirien. Sie verbringt ihren Jahresurlaub im Sanatorium und zahlt selbst.

    "Ich wollte etwas für meine Gesundheit tun und im Urlaub nicht nur am Strand herumliegen. Viele Krankheiten bemerkt man ja zunächst gar nicht. Eigentlich wollte ich meine Venen behandeln lassen, nun hat sich herausgestellt, dass meine Hormone nicht in Ordnung sind. Gut, dass das jetzt behandelt wird, das erspart mir spätere Probleme."

    "Danke schön. Aufstehen."

    Sie springt auf. Ein Bus ist vorgefahren. Er bringt sie ins Kurzentrum zum medizinischen Schlammbad. Im Sanatorium zeigt die Chefärztin Anna Schamiljowa die Behandlungsräume. Grau melierte Fliesen, einfache Liegen, viel Metall. Ein Mann sitzt in einer Plastikwanne. Eine junge Frau im Badeanzug geht unter die Dusche.

    Alle Geräte seien neu, beteuert die Chefärztin, und sehr praktisch. Auf den Wohnfluren aber blättert die Farbe von den Fensterbänken. Auch Fahrstuhl und Treppenhaus müssten dringend erneuert werden.

    "Sie sehen selbst, bei allen Versuchen, das Sanatorium schön zu machen, sind wir doch Mittelklasse, was den Preis betrifft und auch den Service."

    Umgerechnet etwa 50 Euro kostet ein Tag. Unterbringung, Verpflegung und Anwendungen inklusive. Kostenlose Kuren vergibt der Staat nur noch selten. Bedürftige müssten oft zwei bis drei Jahre warten, erzählt die Chefärztin. Immerhin kaufen reiche russische Unternehmen wie Gazprom ganze Kontingente für ihre Mitarbeiter. Etwa die Hälfte der Patienten zahlt selbst. Und es werden mehr.

    Auf dem Flur warten Viktor Nikolajewitsch und seine Frau Fraja auf eine Massage. Beide haben ein Patientenheft in der Hand. Überall sind Termine eingetragen.

    "Wir gehen alle zwei Jahre in ein Sanatorium. Faulenzen kann man auch zu Hause. Oder in der Türkei. Dort gefällt es uns auch. Aber hier wollen uns so richtig auskurieren. Wir nehmen so viele Behandlungen mit wie möglich."

    An Auswahl herrscht kein Mangel. Prophylaktische Darmspülungen sind ebenso gefragt, wie frauenärztliche Therapien oder auch der Zahnarzt. Um alles in zwei bis drei Wochen zu schaffen, sind die Tage im Sanatorium streng durchorganisiert: 7 Uhr Wecken, 8 Uhr Frühstück, dann Anwendungen. Um 12 Uhr Mittag, dann wieder Anwendungen bis zum Abendessen. Danach Disco und Billard im Gemeinschaftsraum. Am Wochenende fahren Busse zu den Sehenswürdigkeiten der Region: Zum Elbrus, dem höchsten Berg des Kaukasus, zu den Pilgerstätten des Heiligen Feodosij, zu Wasserfällen, auf den Pelzmarkt. Chefärztin Schamiljowa:

    "Die Leute haben begriffen, dass die Familie und der Staat gesunde Menschen brauchen. Und dass Gesundheit auch für sie selbst das Wichtigste ist. Man sollte mindestens alle drei Jahre ins Sanatorium gehen. Dazwischen kann man ja ruhig Strandurlaub machen."

    Es kommen sogar Gäste aus Deutschland. Russlanddeutsche. Sie schwören auf den Kururlaub sowjetischer Art.