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US-Armee will Deiche sprengen

Umwelt. - Nach dem Sturm und der noch andauernden Evakuierung der Bewohner aus dem Krisengebiet stehen die Experten jetzt vor dem nächsten Problem: die giftige Kloake, in der die Stadt versunken ist. Über Deichlücken soll das Wasser jetzt entweichen.

Arndt Reuning im Gespräch mit Volker Mrasek | 05.09.2005

Arndt Reuning: Das Becken von New Orleans ist voll gelaufen mit kontaminiertem Wasser. Chemikalien, Giftstoffe aller Art sind darin enthalten. Die Einsatzkräfte arbeiten mit Hochdruck daran, die stinkende, giftige Brühe wieder aus der Stadt zu entfernen. Mein Kollege Volker Mrasek hat mit den Experten gesprochen. Herr Mrasek, wie kommt denn das Wasser jetzt wieder aus der Stadt?

Volker Mrasek: Das Wasser soll auf anderem Wege wieder hinaus gelangen, als es hinein gelangt ist. Wir haben viel gehört von dem nördlich der Stadt gelegenen See, der Pontchartrain heißt, übergelaufen ist und das Zentrum weitgehend geflutet hat. Etwas östlich der Stadt liegt ein weiterer großer See, der Lake Borgne, der auch Anschluss an das Meer hat. Die Ingenieure vor Ort, die dafür verantwortlich sind, dass das Wasser aus der Stadt heraus gelangen soll, wollen das Wasser über diese Bahn in diesen anderen See bekommen und dann ins Meer hinaus. Das soll geschehen über ein Prinzip der so genannten Schwerkraftentwässerung. Man kann es auch anders ausdrücken: Man will ein freies Gefälle nutzen und das Wasser aus der Stadt bekommen und dabei auch Deiche, die an dieser Stelle die Stadt schützen, künstlich aufbrechen. Also man wird Deiche - die Länge ist jetzt noch nicht klar, wie lang und auf welcher Strecke man einen solchen Deich wird künstlich mit Baggern oder per Sprengung - zerstören müssen. Dann soll das Wasser bei einem niedrigen Wasserstand aus der Stadt hinaus laufen über dieses freie Gefälle und so die Stadt entwässern. Was dann in dieser Pfanne, in diesem Pool in New Orleans noch an Restwasser vorhanden ist, müsste man dann mit Hilfe von Pumpen aus dem Zentrum hinaus pumpen.

Reuning: Dämme und Deiche sprengen, das hört sich nach sehr drastischen Maßnahmen an.

Mrasek: Ja, das klingt erst einmal drastisch, aber wenn man mit Experten aus dem Bereich des Wasserbaus spricht, dann sagen die gleich "Das ist ein ganz normales Verfahren" und das ist auch schon angewendet worden. Zum Beispiel bei uns, wir hatten eine große Katastrophe 1962, das war die Sturmflut an der Nordseeküste und insbesondere in Hamburg, das ist schon eine ganze Weile her. Und da ist man auch so verfahren: Da stand Hamburg auch teilweise unter Wasser, Gebiete an der Nordsee standen unter Wasser. Wir kennen diese so genannten Polder aus den Niederlanden zum Beispiel, dass man hinter dem Deich eine Fläche hat, die tiefer liegt und mit Wasser voll steht. Diese Polder hat man auch auf diese Weise entwässert, dass man im Grunde die Deiche, die vorher vor einer Flut schützen sollten, in dem Moment aufgebrochen hat, um das Wasser im Polder ablaufen zu lassen - auch bei Niedrigwasser. Also ein durchaus gängiges Verfahren.

Reuning: Aber wenn man die Dämme öffnet, macht man sich dann nicht auch angreifbar für neue Fluten?

Mrasek: Man macht sich angreifbar und das wird von den Ingenieuren vor Ort auch diskutiert, wobei man hier sagen kann, dass verantwortlich die Ingenieure der US-Armee sind - es gibt das US Army Corps of Engineers. Das sind die Experten, die zurzeit dort vor Ort tätig sind und die kennen das Problem. Deswegen ist zurzeit noch offen, was man macht: reißt man ein großes Stück Deich weg, dann wird man natürlich die Entwässerung relativ schnell bewerkstelligen. Dann ist es aber die Frage, ob nicht ein neues Unwetter vielleicht heraufzieht. Es dauert natürlich entsprechend lange, bis man einen solchen Deich dann wieder zugeschüttet hat. Oder hat man so eine Art "Taktik der kleinen Nadelstiche", dass man also kleine Öffnungen erst einmal schafft, das Wasser dort hinaus laufen lässt. Dann dauert es vielleicht etwas länger, aber man wäre in diesem Fall nicht so verwundbar, wenn vielleicht wieder mal ein Tiefdruckgebiet, das New Orleans gefährden könnte, heraufzieht.

Reuning: Auf welchem Zeitbereich spielt sich so etwas ab?

Mrasek: Das kann man momentan sehr, sehr schwer sagen. Es gibt Aussagen der Ingenieure vor Ort, die sagen, man könnte im besten Fall, wenn alle Entwässerungspumpen unterstützend laufen, 30 Zentimeter Wasser pro Tag aus der Stadt bekommen. Aber es gibt große Probleme, überhaupt Pumpen oder Pumpwerke wieder ans Laufen zu bekommen. Wir hören Meldungen, dass versucht wird, Pumpen von außerhalb in die Stadt zu bekommen, dass mobile Generatoren in die Stadt geschafft werden sollen. Also Voraussetzung ist, dass alle Pumpen laufen, dann würde das wohl funktionieren. Man muss auch sehen, dass Gerümpel die Kanalzuleitungen natürlich verstopfen kann. Also das ist sehr offen - es wird Wochen oder Monate vermutlich dauern.

Reuning: Das Wasser ist ja hochgradig verschmutzt. Richtet man da nicht Schäden in der Umwelt an?

Mrasek: Das könnte durchaus der Fall sein. Wir haben gerade in diesen Minuten nochmals versucht, mit Experten vor Ort zu sprechen, die am Wochenende Schadensaufnahmen machen wollten, also Wasserproben genommen haben in New Orleans. Aber die Analyse der Schadstoffe, die gestaltet sich wohl sehr schwierig, so dass man im Moment noch nichts sagen kann. Aber es ist mit Sicherheit mit Schäden durch Schadstoffe in der Umwelt zu rechnen.