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StartseiteTag für TagDer Liebesbote 23.05.2018

US-Bischof Michael CurryDer Liebesbote

Die Predigt, die Michael Curry bei der royalen Hochzeit in Windsor hielt, hat viele Menschen beeindruckt. Der anglikanische Bischof von Chicago sieht die Liebe als Politikum - und eckt damit in seiner Kirche an.

Von Friedbert Meurer

Bischof Michael Curry während der Trauung der Royals (imago stock&people)
Bischof Michael Curry während der Trauung der Royals (imago stock&people)
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Michael Curry predigt auf der Kanzel der St. George's Chapel auf dem Gelände von Schloss Windsor und geschätzt eine Milliarde Menschen schauen und hören ihm live zu. Curry hat sich das nicht träumen lassen. Als ihn die Anfrage im Auftrag von Prinz Harry und Meghan Markle in Chicago erreichte, dachte er zuerst an einen Aprilscherz. "Ihr macht Witze, sagte ich. Es hat etwas gedauert, bis ich das realisierte. Das ist wirklich echt?"

Es war echt. Michael Curry, der erste Afro-Amerikaner an der Spitze der Episkopalkirche in den USA, hielt eine fulminante Predigt bei der königlichen Trauung. Er war – nach dem Brautpaar – der Star des Tages. In der eher spröden anglikanischen Kirche ist man einen solch pathetischen Auftritt eines Predigers nicht gewöhnt. Umso größer war die Überraschung für alle in der Kirche und zuhause am Bildschirm.

Sozialrevolutionäre Predigt

"Stellt es euch vor in dieser ermüdeten Welt. Die Liebe macht den Weg frei, selbstlos, opferbereit und erlösend. Wenn es auf die Liebe ankommt, dann muss kein Kind auf dieser Welt mehr hungrig zu Bett gehen und Armut wird der Vergangenheit angehören."

Noch während der Predigt gab es unzählige Tweets im Netz und große Begeisterung weltweit über diesen ungestümen Prediger, der vor der königlichen Gesellschaft und den Millionären Hollywoods eine so sozialrevolutionäre Rede hielt. Die Kamera blickte immer in  die Gesichter der geladenen Gäste, die fasziniert, belustigt oder – je nachdem – auch pikiert reagierten. Der britische Historiker Simon Schama hielt fest: "Da war nicht nur viel emotionaler Überschwang dabei. In dieser Kapelle hat man eine solche Körpersprache noch nie zuvor gesehen."

"Wir müssen die Liebe erforschen"

Curry wurde explizit von Prinz Harry und Meghan Markle als Prediger ausgewählt. Das Brautpaar wollte diesen Auftritt genauso, wie er dann ablief. Auch dass Curry den Bürgerrechtler Martin Luther King erwähnen würde, vor einem überwiegend weißen Publikum. "Dr. King hatte Recht. Wir müssen die Liebe erforschen, die erlösende Kraft der Liebe. Dann machen wir aus der alten eine neue Welt."

"Das Brautpaar hat mir explizit die zugrunde liegenden Bibelstelle genannt, das Hohelied Salomos aus dem Alten Testament", berichtete Bischof Curry nach der Predigt in einem Interview mit dem US-Radiosender NPR. Curry hat sich selbst in seiner Autobiographie als Nachfahre von Sklaven bezeichnet. Auch in seiner Predigt ging er auf das Schicksal der Sklaven in den USA ein.

Konservativer Widerstand gegen Liebe für alle

Bischof Michael Curry ist in den USA bekannt wegen seines Engagements für sozial Schwache und Einwanderer. Seit 2015 steht er der Episkopalkirche vor, die zur Anglikanischen Weltgemeinschaft gehört. 2016 standen die Anglikaner bei einem Treffen in Canterbury fast vor der Spaltung, weil die liberale US-Kirche die gleichgeschlechtliche Ehe akzeptiert – und vor allem die konservativen Kirchen in Afrika nicht. Aber auch die Kirche von England akzeptiert die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare nicht, was die Auswahl Currys als Prediger umso bemerkenswerter macht.

Currys Episkopalkirche wurde vor zwei Jahren von der anglikanischen Weltkirche mit Sanktionen belegt. Damit wurde zwar die Spaltung vermieden, aber Currys Botschaft der Liebe endete hier ziemlich schnell im Angesicht des eisernen Widerstands der Konservativen. 

Hoffnungszeichen für modernes UK

"Ich hoffe, die Botschaft meiner Predigt kam bei uns allen an. Jenseits  politischer Überzeugungen und sozialer Klassen sind wir doch alle Kinder Gottes. Wir sind Teil der menschlichen Familie Gottes.  Wir sollten uns also so behandeln, als würden wir zu einer Familie gehören."

Bischof Michael Curry aus Chicago kämpft nicht nur um die Gleichstellung von Homosexuellen. In einem Interview mit der New York Times vor zwei Jahren beklagte er, es habe früher eine weiße und eine schwarze Kirche in den USA gegeben. Der Rassismus sei lange unwidersprochen geblieben.

David Lammy ist ein schwarzer Unterhausabgeordneter aus dem Londoner Wahlkreis Kensington, dort wo sich die Brandkatastrophe am Grenfell-Hochhaus ereignete. Lammy war von der Predigt sofort begeistert. Er sei jetzt noch stolzer auf sein gemischtes ethnisches Erbe. Völlig unerwartet sei die Predigt ein Hoffnungszeichen, dass im modernen Großbritannien alles möglich sein könne.

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