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StartseiteTag für TagDie Angst vorm Grünen Drachen05.11.2019

US-Evangelikale und der Klimaschutz Die Angst vorm Grünen Drachen

Ist der Mensch für den Klimawandel verantwortlich? Die Frage spaltet die Evangelikalen in den USA. Mehr als zwei Drittel lehnen Eingriffe in den "Plan Gottes" ab und feiern Trumps Anti-Klimaschutz-Politik. Nicht der Müll oder die Autos seien das Problem, sondern ein Fantasiewesen, gegen das man sich wehren müsse.

Von Katja Ridderbusch

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Das Foto zeigt den evangelikalen Pastor Andrew Brunson. Er betet kniend neben Präsident Trump im Oval Office. (dpa-Bildfunk / AP / Jacquelyn Martin)
Die Mehrheit der Evangelikalen unterstützt Trump und seine Politik der Leugnung des Klimawandels (dpa-Bildfunk / AP / Jacquelyn Martin)
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"Radical environmentalism is striving to put America and the world under its destructive control..."

Radikale Umweltschützer wollen Amerika und die Welt unter ihr zerstörerisches Joch zwingen, heißt es in einem Propaganda-Video der fundamental-christlichen Lobbygruppe Cornwall Alliance, die 2005 von konservativen evangelikalen Kirchenführern gegründet wurde.

"The so called 'Green Dragon' is seducing your children in our classrooms …"

Mit biblischem Pathos warnt das Video vor dem sogenannten Grünen Drachen, der Kinder verführe und gegen den man sich erheben müsse.

"… its spiritual deception, the time is now to stand and resist."

"Engstirnig, konservativ und wissenschaftsfeindlich"

Das Video scheint zu bestätigen, was die Statistik über evangelikale Christen in den USA sagt. Mehr als 70 Prozent unterstützen Präsident Donald Trump, auch heute noch. Und mehr als ein Drittel aller evangelikalen Christen halten den Klimawandel für ein Gerücht, heißt es in einer Umfrage des Pew-Instituts.

David Jordan sieht das mit Bedauern. Er ist leitender Pastor der First Baptist Church of Decatur, einer evangelikalen Kirchengemeinde in einem linksliberalen Stadtteil von Atlanta, einer Insel im konservativen Bibelgürtel der USA.

"Was den Klimawandel betrifft, bestätigen leider viele evangelikale Kreise das Stereotyp, engstirnig, konservativ und wissenschaftsfeindlich zu sein. Dagegen ist unter unseren Gemeindemitgliedern die Sorge und das Bewusstsein groß, dass etwas Gefährliches mit unserem Klima geschieht."

Das Spektrum evangelikaler Positionen ist breit

Das Thema Klimaschutz spaltet die amerikanische Kirchenlandschaft, sagt Jennifer Ayres, Religionswissenschaftlerin an der Emory-Universität in Atlanta.

"Und Evangelikale bilden da keine Ausnahme. Auch sie suchen Antworten auf die drängenden Fragen des Klimawandels. Einige werden zu Vorreitern der Diskussion, andere führen theologische Argumente an, die jedes christliche Engagement für Klimaschutz im Keim ersticken."

Ayres betont: Das Spektrum der evangelikalen Positionen zum Klimawandel ist vielfältig und breit gesteckt. An einem Ende sind die konservativen Evangelikalen, die der Wissenschaft feindselig gegenüberstehen, die den sogenannten Kreationismus statt Darwins Evolutionstheorie in den Schulbüchern verankert sehen wollen.

Der Mensch: Opfer oder Verwalter der Schöpfung?

Für diese Gruppe ist der Klimawandel, wenn sie dessen Existenz überhaupt anerkennen, ein Wegweiser in Richtung Endzeit. Da gilt aktiv betriebener Umweltschutz als Störfaktor in Gottes größerem Plan. So argumentiert zum Beispiel in einer Predigt der Pastor der Northland Bible Baptist Church im US-Bundesstaat Minnesota:

"Einige Leute denken, dass wir den Planeten retten können, indem wir unseren Lebensstil ändern. Aber es wird nicht unsere Industrie sein, die uns zerstört, es werden nicht unsere Autos sein oder unsere Waffen oder unsere CO2-Emmissionen. Wer an Gott glaubt, macht sich keine Sorgen um die Erderwärmung. Denn die Zukunft dieses Planeten ist allein in Gottes Hand, nicht in eurer."

Der Bildausschnitt einer Nasa-Satellitenaufnahme zeigt einen Teil der Erde (NASA/Robert Simmon/Reto Stöckli/dpa)Das Schicksal des Planeten liege in Gottes Hand, argumentieren viele Evangelikale (NASA/Robert Simmon/Reto Stöckli/dpa)

Am anderen, am progressiven Ende des evangelikalen Spektrums stehen Kirchenvertreter wie Baptistenpastor Jordan.

"Als Christen - und insbesondere als evangelikale Christen - müssen wir endlich anerkennen, dass wir Menschen für den Klimawandel verantwortlich sind. Und dass wir als Verwalter von Gottes Schöpfung in der Pflicht stehen, etwas dagegen zu tun."

Jordan fängt bei seiner eigenen Kirche an. Das Gebäude ist alt und nicht energieeffizient gebaut. Derzeit sucht seine Gemeinde nach umweltfreundlichen Lösungen. Eine Option seien Solarpanels auf dem Dach, sagt Jordan. Aber die Finanzierung ist noch unklar.

Die Lager sind tief gespalten

Beide Lager, die konservativen und die progressiven Evangelikalen, führen die Bibel als Kronzeugen für ihre jeweilige Argumentation an. Schließlich steht die Heilige Schrift im Zentrum des evangelikalen Glaubens. David Jordan:

"Leute wie ich sagen: Ich glaube an die Bibel. Aber ich glaube auch, dass wir die Bibel interpretieren müssen. Die Bibel ist eine Sammlung von Büchern, die unter unterschiedlichen historischen Bedingungen entstanden sind. Und wir müssen diese Bücher in ihrem Kontext verstehen und in ihrer Relevanz für die Gegenwart. Aber es gibt viele andere Evangelikale, die sagen: Wir nehmen die Bibel ernst, und wir nehmen die Bibel wörtlich."

So verhärtet sind die Fronten, dass viele aus dem konservativen Lager ihren progressiven Glaubensgeschwistern vorwerfen, keine echten Evangelikalen zu sein, Verräter an der reinen Lehre. David Jordan ficht das nicht an.

Kritik an Trump kommt auch von Evangelikalen

Andere dagegen wollen nicht mehr evangelikal genannt werden. David Gushee zum Beispiel, Theologe, Buchautor und langjähriger Frontmann der progressiven Evangelikalen. Der Grund für die Spaltung der Glaubensgemeinschaft liege in der zunehmenden Überlappung von Politik und Religion in den USA, sagt Gushee im Gespräch via Skype.

David Gushee lächelt in die Kamera (Mercer University)David Gushee gilt als Vorreiter der progressiven Evangelikalen in den USA (Mercer University)

Eine Spaltung, die lange vor der Präsidentschaft von Donald Trump begann, die aber unter Trump verschärft wurde. Besonders eklatant sei das beim Thema Klimawandel.

"Trumps Weltbild ist eine bösartige Mischung aus Wissenschaftsignoranz und verrohtem Unternehmertum. Das Prinzip seiner Politik lautet: Wir sind gegen alles, wofür die Linksliberalen stehen. Umweltschutz gilt als ein liberales Anliegen, deshalb ist Umweltschutz schlecht. Viele Evangelikale übernehmen diese Position, weil Trump sie im Schwitzkasten hat."

Naturschutz war früher auch ein evangelikales Anliegen

Der Riss durch das evangelikale Lager sei nicht immer so tief gewesen wie heute, sagt Religionswissenschaftlerin Ayres. Vor allem der Umgang mit der Klimafrage verlaufe in historischen Wellen.

"In den 1970er-Jahren veröffentlichten evangelikale Kirchenführer mehrere Schriften zum Umweltschutz. Sie waren in tiefer Sorge über die Zerstörung des Planeten. Die theologischen Argumente basierten auf dem Studium der Bibeltexte, aber das führte damals zu einer reichen, interessanten und vielfältigen Debatte im Rahmen der evangelikalen Tradition."

So veröffentliche die Southern Baptist Convention, die größte evangelikale Glaubensgemeinschaft in den USA, im Jahr 1970 eine Resolution, in der es hieß:

"Die Menschen haben eine Krise geschaffen, indem sie die Luft verschmutzt, das Wasser vergiftet und die Erde verwüstet haben."

Progressive und konservative Evangelikale stritten in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren Seite an Seite für den Umweltschutz. Die bekannteste Kampagne war die Evangelikale Klimainitiative, deren Manifest David Gushee entwarf. Doch ab Mitte der 1990er-Jahre rückten die konservativen Evangelikalen vom Thema Klimaschutz ab, wetterten gegen ein neues Heidentum, das Mutter Erde über Gott stelle.

"Jeglicher Fortschritt ist im Moment lahmgelegt"

Ob demnächst wieder eine Trendwende zu erwarten ist, darüber sind sich die Experten uneins. Pastor David Jordan und Religionswissenschaftlerin Jennifer Ayres sind vorsichtig optimistisch, meinen im konservativen Lager erste leise Anzeichen von Bewegung in der Klimafrage auszumachen. David Gushee, der enttäuschte Evangelikale, zeichnet dagegen ein eher düsteres Bild.

"Das ist eine traurige Geschichte. Jegliche Art von Fortschritt ist im Moment lahmgelegt. Wenn die Folgen der Klimakrise noch dramatischer werden und wenn die Ära des politischen Chaos irgendwann vorüber ist, dann wird es vielleicht ernsthafte Versuche geben, sich dem Problem des Klimawandels zu stellen. Aber diese Aussicht scheint mir derzeit in weiter Ferne zu sein."

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