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StartseiteForschung aktuellMikroben polen Lebensmittelallergien um26.08.2014

US-ForschungMikroben polen Lebensmittelallergien um

US-Forschern ist es gelungen, das Immunsystem allergiegeplagter Mäuse mithilfe verabreichter Bakterien umzupolen. Die Tiere reagierten nach der Mikrobenkur nicht mehr allergisch auf Lebensmittel, wie zum Beispiel Erdnüsse. Schon jetzt planen die Forscher, diese freundlichen Keime auch bei Allergikern einzusetzen.

Von Christine Westerhaus

Zwei Hände fassen eine Petrischale mit Bakterienkulturen zur Genvermehrung. (dpa / picture alliance / Michael Rosenfeld)
Im nächsten Schritt wollen die Forscher untersuchen, welchen Einfluss Darmbakterien auf das Allergierisiko beim Menschen haben. (dpa / picture alliance / Michael Rosenfeld)
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Bakterien aus der Familie "Clostridia" haben bisher vor allem dadurch von sich reden gemacht, dass sie Infektionen wie Tetanus, Botulismus oder heftige Durchfallerkrankungen verursachen. Doch bestimmte Vertreter dieser Gruppe können offenbar auch anders: Sie leben als nützliche Bakterien im Darm und haben dort sogar eine wichtige Funktion. Cathryn Nagler und ihre Kollegen von der Universität von Chicago haben beobachtet, dass die Stoffwechselprodukte dieser Mikroben verhindern, dass der Körper allergisch auf Bestandteile in Lebensmitteln reagiert.

"Wir haben allergischen Mäusen, die ohne Bakterien geboren wurden, einzelne Bakterienstämme aus dem Kot von Artgenossen verabreicht, die ganz normal von Mikroben besiedelt waren. Viele Bakterienstämme zeigten keinen Effekt, doch als wir den allergischen Mäusen Mikroben aus der Gruppe der Clostridien verabreichten, (die wir aus dem Kot ihrer Artgenossen isoliert hatten), konnten wir beobachten, dass die Tiere nicht mehr allergisch auf Erdnüsse reagierten."

Mikroben schützen Mäuse vor einer Überreaktion

Dabei konnten die Forscher auch nachweisen, wie die Mikroben Mäuse vor einer Überreaktion auf Lebensmittel schützen: Die Stoffwechselprodukte dieser Clostridia-Bakterien wirken auf die Zellen der Darmwand: Sie verhindern, dass die Bestandteile von Lebensmitteln unverdaut in den Körper gelangen können und dort eine Abwehrreaktion des Immunsystems, also eine Allergie auslösen.

"Es war bereits aus anderen Studien bekannt, dass Clostridia-Bakterien bestimmte Zellen steuern, die eine regulierende Wirkung auf das Immunsystem haben. Offenbar beeinflussen diese Mikroben aber auch die Durchlässigkeit der Darmwand. Das könnte bedeuten, dass diese Bakterien womöglich auch die Symptome von chronischen Darmentzündungen beeinflussen, denn auch diese Erkrankungen entstehen dadurch, dass die Darmwand durchlässig wird und Proteine oder Bakterien in das Körperinnere gelangen."

Bekannt ist auch, dass bei Menschen mit chronischen Darmentzündungen, wie zum Beispiel Colitits ulcerosa, die Bakteriengemeinschaft im Darm gestört ist, weil bestimmte Mikroben fehlen. Das spricht ebenso dafür, dass Bakterien wie Clostridien dabei helfen können, das Gleichgewicht im Darm wieder herzustellen. Tatsächlich gibt es bereits Therapien, in denen Mikroben eingesetzt werden, beispielsweise zur Behandlung der Colitits ulcerosa. Doch in klinischen Test konnten die Symptome nur gelindert, die Störung aber nicht behoben werden. Große Hoffnungen setzten Forscher in der Vergangenheit auch auf Milchsäurebakterien, die das Miteinander der menschlichen Mikroben im Darm ausgleichen sollen. Doch der Erfolg ließ bisher auf sich warten.

"Es wurde vor allem an Lactobazillen gearbeitet, also die Art von Bakterien, die man in probiotischen Joghurts findet. Doch die Ergebnisse der durchgeführten Studien waren enttäuschend. Wahrscheinlich wirken diese Bakterien eher präventiv, wenn man sie Kinder beispielsweise über die Muttermilch verabreicht. In der Mikrobiota von Erwachsenen kommen Lactobazillen nicht so häufig vor."

Keime könnten auch bei Menschen positive Wirkung entfalten

Cathryn Nagler hofft daher, dass es den Clostridia Bakterien besser gelingen wird, Störungen der Lebensgemeinschaft im menschlichen Darm wieder auszugleichen. Sie geht davon aus, dass diese Keime im Menschen ähnlich wirken, wie in den untersuchten Mäusen.

"Eine japanische Arbeitsgruppe hat gezeigt, dass Clostridien auch in menschlichen Fäkalien vorkommen und dass diese die Bildung von regulierenden Immunzellen anregen. Überträgt man diese menschlichen Bakterien auf Mäuse, ist die Wirkung ähnlich. Das spricht dafür, dass Clostridien in der menschlichen Darmmikrobiota eine ähnliche Funktion haben, wie bei Mäusen."

Im nächsten Schritt wollen die Forscher untersuchen, welchen Einfluss die Darmbakterien auf das Allergierisiko beim Menschen haben. Dazu wollen sie die Mikrobiota allergischer Kinder in Mäuse verpflanzen, um zu sehen, ob diese Überempfindlichkeit auf die Tiere übertragen werden kann.

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