Donnerstag, 16.08.2018
 
StartseiteCorsoAppell zur Solidarität unter Frauen26.05.2018

US-Musikerin Natalie PrassAppell zur Solidarität unter Frauen

Auf ihrem Debüt sang Natalie Prass zu geschmackvoll arrangierten Streichern vom Scheitern einer langen Beziehung. Mit dem zweiten Album entdeckt die 32-Jährige politische Themen, tanzbare Grooves und ein neues Selbstbewusstsein. Ein Ansporn sei die Wahl von Donald Trump gewesen, sagte Prass im Dlf.

Natalie Prass im Interview mit Christoph Reimann

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US-Musikerin Natalie Prass kniet in einem weinroten Kostüm vor einer weinroten Wand (Tonje Thilesen)
"Ich bin einfach extrem wählerisch geworden", sagt US-Musikerin Natalie Prass (Tonje Thilesen)
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Christoph Reimann: Natalie Prass, Sie hatten Ihr Album schon fertig, aber das US-Wahlergebnis von 2016 hat Sie dazu veranlasst, alles über Bord zu werfen. Haben Sie wirklich noch mal von vorne angefangen?

Natalie Prass: Ich wollte mir diese Option zumindest offen halten. Eigentlich hätten wir das Album schon im Dezember 2016 aufnehmen wollen. Nach der US-Wahl im November habe ich den Termin aber verschoben. Das hat mir ein paar Monate Zeit gegeben, um neue Lieder zu schreiben. Meine Devise: Wenn auch nur ein Song dabei herauskommt, der gut genug ist, um einen der anderen zu ersetzen, dann hat es sich gelohnt. Letztlich sind mehr als die Hälfte der Songs aus der zweiten Phase - und dann gibt es die alten, neuen Songs, die ich für gut genug hielt.

Schockiert von Trumps Sexismus

Reimann: Es gibt ein paar Songs, in denen es so scheint, als seien Sie fast überrollt worden vom Wahlergebnis und seinen Folgen. Aber dann, wenn es um Frauen geht, werden Sie sehr direkt. In "Sisters", dem Schlüsselsong des Albums, singen Sie: "All the bad girls here / Let’s make that clear / and we’ll say it fast / we’re world wide world class". Ist das Lied von der #MeToo-Bewegung inspiriert?

Prass: Ich habe den Song geschrieben, bevor die #MeToo-Bewegung in der breiten Öffentlichkeit ankam. Bei diesem Mann, den wir zum Präsidenten gewählt haben … nun, bei seinem Verhalten gegenüber Frauen, den sexuellen Anschuldigungen … es hat mich einfach schockiert, diesen unverhohlenen Sexismus jeden Tag zu sehen - auch gegenüber seiner Konkurrentin Hillary Clinton. Der Song ist ein Appell zur Solidarität mit und unter Frauen, selbst solchen, die sozusagen gegen sich selbst gewählt haben.

Reimann: Sie meinen Frauen, die Trump gewählt haben.

Prass: Genau. Ich wusste schon vorher, dass der Song polarisieren würde. Aber das Ziel meines Albums war es, die Leute anzuregen, ihnen Kraft zu geben, ein Bewusstsein zu schaffen.

Reimann: Und funktioniert das? Gibt es Rückmeldungen zu dem Song?

Prass: Ja, die meisten äußern sich sehr positiv. Aber ein paar Männer haben den Song auch negativ kommentiert. Und da denke ich mir: Für euch habe ich ihn auch nicht geschrieben, sondern für Frauen! In der ersten Strophe geht es um Mutterschutz. Man muss wissen, dass die meisten Leute in den USA von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck leben, ohne jegliche Absicherung. Es geht darum, wie schwer das für alleinerziehende Mütter ist. In der zweiten Strophe geht es dann um häusliche Gewalt, und in der dritten um Stereotypisierungen von Frauen und darum, dass das Schulsystem und die Arbeitswelt ihnen gegenüber oft unfair sind.

"Ich bin einfach extrem wählerisch geworden"

Reimann: Es ist ein sehr kraftvoller Song. Sie selbst haben lange dafür gekämpft, dorthin zu kommen, wo Sie jetzt sind als Musikerin. Stimmt es, dass Sie ganz am Anfang, in Virginia Beach, auf Ihrer Fensterbank saßen, gesungen haben und hofften, ein Plattenboss würde vorbeikommen und Sie unter Vertrag nehmen?

Prass: Ja. Dass Sie das gefunden haben! Es ist zu 100 Prozent wahr. Ich bin in den Neunzigern aufgewachsen und habe damals schon Musik auf einem kleinen Casio-Keyboard gemacht. Meine ersten Songs habe ich geschrieben, als ich in der ersten Klasse war. Ich habe damals am Ende einer Sackgasse gewohnt, und trotzdem habe ich gehofft, dass eine Limousine vor meinem Haus stehen bleibt, mir jemand einen Vertrag anbietet und sagt, dass ich ein Star werde. Aber so laufen die Dinge natürlich nicht.

Reimann: Später sind Sie dann in die Musikmetropole Nashville gezogen, um Anschluss an die Szene zu finden. Die Stadt haben Sie aber enttäuscht verlassen. Dann haben Sie Ihr Debüt mit dem Musiker Matthew E. White aufgenommen, mit dem Sie schon zur Schule gegangen sind. Meinen Sie, Ihr langer Weg zur Musikkarriere hat auch damit zu tun, dass Sie eine Frau sind?

Der amerikanische Singer / Songwriter Matthew E. White bei einem Auftritt auf dem Roskilde Festival 2013. (imago)Der amerikanische Singer-Songwriter Matthew E. White hat auf Prass' neuer Platte weniger Spuren hinterlassen (imago)

Prass: Naja, ich habe ja immer schon Musik gemacht und aufgenommen. Womit ich Probleme hatte, war, ernst genommen zu werden. Wenn um mich herum nur Männer waren, habe ich mich oft überflüssig gefühlt. Mit der Zeit wurde ich ziemlich gut darin, die Stimmung im Raum zu analysieren, zu erkennen, was andere von mir halten. Ich kann sehr schnell sagen, wer mir mit Respekt begegnet. Ich suche sehr genau aus, mit wem ich mich zusammentue, um meine Arbeit machen zu können. Ich glaube, das habe ich immer schon gemacht. Aber ich habe auch Situationen erlebt, in denen ich nicht abhauen konnte. Meine Konsequenz ist, dass ich nie wieder mit diesen Leuten zusammenarbeiten werde. Ich bin einfach extrem wählerisch geworden.

"Mehr Vertrauen in meine eigenen Stärken"

Reimann: Auf jeden Fall scheinen Sie es zu mögen, mit Matthew E. White zu arbeiten. Das neue Album hört sich aber weniger nach White als nach Ihnen an. Dahinter könnte auch ein emanzipatorischer Akt stecken. Was meinen Sie?

Prass: Auf jeden Fall. Mit Matthew E. White habe ich zum ersten Mal in den Jahren 2012/2013 aufgenommen. Vorher hatte ich schon selbst Aufnahmen gemacht, aber in einem viel kleineren Rahmen und mit sehr geringem Budget. Das ging so weit, dass ich manchmal Möbel gegen Studiozeit eintauschen musste. Aufnahmen mit einer Band zu machen - davon hatte ich jedenfalls keine Ahnung. Also habe ich zuerst viel beobachtet. Jetzt, beim zweiten Album, hatte ich viel mehr Vertrauen in meine eigenen Stärken. Ich wusste dieses Mal von vornherein, wie meine Musik klingen sollte. Daher hatte ich das Gefühl, gleichberechtigt mitzuarbeiten. So ist eine Platte entstanden, die mehr nach mir klingt. Matt und ich verstehen uns aber immer schon super, wir haben sehr eng zusammengearbeitet.

Reimann: Sie hätten ein Album voller Wut und Enttäuschung schreiben können. Stattdessen ist der Sound locker und positiv, die Band groovt. War das eine bewusste Entscheidung?

Prass: Wahrscheinlich. Nach der Wahl habe ich aber erst mal ziemlich dunkle Songs geschrieben, die aber nicht auf der Platte gelandet sind. Einer hätte es fast drauf geschafft, aber dann habe ich mich in der letzten Minute dagegen entschieden. Diese Songs mussten geschrieben werden, denn so habe ich die Wahl verarbeitet. Aber hätte ich diese Songs auch noch aufgenommen - das hätte mich nicht weitergebracht. Direkt nach der Wahl hat mich eigentlich nur Gospelmusik angesprochen. Lieder, die von schwierigen Zeiten handeln, aber immer die positive Botschaft haben, dass das Gute im Menschen siegen wird. Und ich dachte: Genau das ist es, was ich jetzt  gerade nötig habe. Und wenn es mir so geht, dann muss es auch noch andere geben, denen es genauso geht.

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