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StartseiteCorsoEine Höllenfahrt ins Licht06.08.2014

US-Serie "True Detective"Eine Höllenfahrt ins Licht

In der gefeierten US-Serie "True Detective" spielen Matthew McConaughey und Woody Harrelson zwei Polizisten, die den Mord an einer jungen Prostituierten aufklären sollen und in eine Höllenfahrt geraten. In jeder Folge oder auch jeder Staffel eine neue Geschichte mit neuen Hauptdarstellern - das ist die neue Art des anthologischen Erzählens. Die deutsche Fassung der ersten Staffel ist jetzt als Download erhältlich.

Von Hartwig Tegeler

Weiterführende Information

Anthologische TV-Serien | Ein neuer Trend des Erzählens (Deutschlandfunk, Corso, 07.03.2014)

Cohle: "Es gibt nur eine Geschichte. Die älteste." - Hart: "Welche denn?" - Cohle: "Licht gegen Dunkelheit!"

Oder eben Gut gegen Böse. Am Ende wird es darauf hinauslaufen, auch, wenn wir in "True Detective" zwischendurch nicht ganz genau mehr wissen, wo das Gute, wo das Böse denn zu verorten ist. Am Anfang ein Mann vor einer Kamera. Ex-Polizist Martin soll sich erinnern an den Mann, der vor 17 Jahren zu seinem Partner wurde:

Hart: "Was habe ich gedacht? Hmh! Du kannst dir die Eltern nicht aussuchen und den Partner auch nicht. Eine Weile ist er von allen immer nur der Tex-Man genannt worden. Er kam aus Texas. Keiner hat ihn gekannt. Kam mir ein bisschen dünnhäutig vor, wenn Sie mich fragen. Gereizt."

Ein eigenartiger Typ, dieser Rustin Cohle. Und er, Martin, fragen die beiden Polizisten den Ex-Cop?

"Oh, ich war nur ein ganz normaler Typ. Mit einem Riesenschwanz."

Verblüffend ist nicht das schreckliche, von Anfang an unheimliche Verbrechen ...

Cohle: "Dora Lang. Klar. Okkulter Ritual-Mord."

... zu dem die beiden Cops Cohle und Hart gerufen werden.

Cohle: "Es wird erneut passieren. Oder es ist schon mal passiert. Oder beides."

Nein, am Anfang fast irritierend ist, dass die acht Stunden lange Erzählung von "True Detective" nicht mit Action, nicht mit Mord, nicht mit Totschlag, sondern mit den Befragungen der ehemaligen Polizei-Partner beginnt. Grandiose Schauspielkunst ist hier zu sehen von Matthew McConaughey, der sich jetzt endgültig wieder als Charakterdarsteller zeigt, und Woody Harrelson. Beide sind gefühlte Stunden nur vor der Aufzeichnungskamera zu sehen sind. Aber so entfalten sich eben höchst intensiv zwei Figuren inklusive deren Abgründe.

Das Hauptmerkmal dieser Art des Erzählens aber ist Zeit, acht Stunden, wie gesagt, vorhandene Zeit. Keine Eile, sondern Intensität. Ein langer Spannungsbogen. Gerade angesichts der Zeitstrudel, die uns das Kino immer häufiger und absurder zumutet, wirkt die Erzähldramaturgie von "True Detective" wie ein Geschenk, um sich auf den Ton, die Figuren, das Milieu einzulassen. So können wir wieder ein Gefühl dafür entwickeln, wie scheinbare Nebensächlichkeiten als filmische Zeichen große Bedeutung bekommen, weil sie Figuren spannend, lebendig, komplex machen. Allein, wenn Matthew McConaughey bei der ewig dauernden Befragung eine Zigarette aus der Schachtel zieht und sein Zippo in die Hand nimmt.

"Könnten Sie das bitte hier unterlassen?" - Cohle: "Seien Sie keine Arschlöcher. Wollen Sie die Story hören oder nicht?"

Dabei die Zigarette beim Anrauchen zwischen Daumen und Zeigefinger nimmt. Dann anfängt, Dosenbier zu trinken. Dann beginnt, leere Dosen mit dem Messer aufzuschneiden und kleine Figuren aus dem Blech zu formen. Träge, gemächlich, obsessiv.

So bietet "True Detective" alle Zeit, die es braucht, um die entsetzliche Geschichte über Frauen oder Mädchen, die entführt, vergewaltigt und ermordet werden, unter die Haut kriechen zu lassen. Mit diesem Sound, dieser Atmosphäre von Mythischem wie Mysteriösem eines filmischen Louisianas.

Natürlich ist in "True Detective" die Horror-Literatur ebenso gegenwärtig wie das Surreale aus David Lynchs "Twin Peaks"-Serie, ebenso wie die träge Mississippi-Atmosphäre von "Angel Heart", "Katzenmenschen", "Wild at Heart", "The Big Easy" oder "Interview mit einem Vampir". Das alles aber fließt in dieser Serie zusammen zum einem ganz eigenen Abstieg in die Hölle. Eine Grundstimmung, die die beiden Figuren in ihrer eigenen Zerrissenheit auseinandertreibt, um sie dann schließlich 17 Jahre nach dem ersten Mord in eine neue Kooperation zu zwingen, weil sie nämlich ihre eigenen Dämonen nicht loswerden.

Cohle: "Wir haben etwas nicht zu Ende gebracht. Wir müssen es in Ordnung bringen." - Hart: "Warum sollte ich dir jemals helfen?" - Cohle: "Weil du noch eine Schuld zu begleichen hast."

Zwei Jahre lang hat Rustin Cohle allein recherchiert, hat festgestellt, dass nicht einer die Frauen getötet hat, sondern dass es Hinweise auf einflussreiche Kreise gibt.

Hart: "Nein! Oh Gott! Hast du das ganz angesehen?" - Cohle: "Ja, musste ich, um zu sehen, ob einer der Männer die Maske abnimmt. Leider nicht." - Hart: "Oh, fuck." - Cohle: "Ich werde nicht mehr wegsehen. Nie wieder!" - Hart: "So´ne Scheiße!"

Nicht mehr wegsehen: Daraus wird in "True Detective" die alte, die älteste Geschichte: Licht gegen Dunkelheit. Es könnte natürlich scheinen, als habe Nic Pizzolatto sich mit "True Detective" ganz und gar dem Geist von Dantes "Göttlicher Komödie" verschrieben mit diesem Blick in die Hölle: "Lasst, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren!" Aber erstaunlicherweise meint der düstere, traumatisierte Ex-Cop Rustin Cohle am Ende lächelnd zu Martin:

"Früher gab es nur Dunkelheit. Wenn du mich fragst, gewinnt das Licht."

Hoffentlich!

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