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StartseiteTag für TagDonald, der Erlöser06.06.2019

USADonald, der Erlöser

Der Religionswissenschaftler Andreas Weiß hält den US-Präsidenten für ein Ereignis, das nicht von dieser Welt ist. Sein Buch "Trump. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben" hebt den Präsidenten in überirdische Gefilde - und erklärt ihn zur Gefahr für die amerikanische Zivilreligion.

Von Henning Klingen

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US-Präsident Donald Trump und die evangelikale TV-Pastorin Paula White beim "Dinner for Evangelical leadership". White gilt als spirituelle Vertraute Trumps. (imago / UPI Photo)
US-Präsident Donald Trump und die evangelikale TV-Pastorin Paula White beim "Dinner for Evangelical leadership". White gilt als spirituelle Vertraute Trumps. (imago / UPI Photo)
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Ereignisse haben die Eigenart, dass sie aus heiterem Himmel hereinbrechen. Wie eine Krankheit, mit der man nicht gerechnet hat; oder wie Schicksalsschlag. Donald Trump ist in der Wahrnehmung des Salzburger Religionswissenschaftlers und Theologen Andreas Weiß genau ein solches Ereignis:

"In der Politik oder auch in der Weltgeschichte spricht man von Ereignissen, wenn etwas zutage tritt, mit dem die Menschen schlichtweg nicht gerechnet haben. Und bei Donald Trump kommt man auch an diesen Punkt: Niemand hat damit gerechnet, dass Trump Präsident wird. Auch die optimistischsten Statistiken der Republikaner haben ein möglichst knappes Rennen vorhergesagt. Aber tatsächlich damit rechnen wollte niemand, dass Donald Trump diese Wahl gewinnt."

Das Besondere am "Ereignis Trump" ist dabei vor allem dessen religionspolitischer Charakter. Das jedenfalls ist die These, die Weiß in seinem Buch mit dem vielsagenden Titel "Trump. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben" entfaltet. Zum einen ist Trump gerade für religiöse Menschen ein Störfaktor:

"Donald Trump passt überhaupt nicht in das Bild, das sich viele republikanische Wählergruppen von US-Präsidenten eigentlich erwarten. Besonders für evangelikale Gruppen soll das ein liebender Familienvater sein, ein idealer Christ, ein moralisch unfehlbarer Mensch. Der liebende, fürsorgliche Staatsvater. All das ist Donald Trump eigentlich nicht."

Starkes Erwählungsbewusstsein

Darüber hinaus ist Trump auch ein Störfaktor in jenem sonst so geschmiert laufenden Räderwerk der "Civil religion", der Zivilreligion. In den 1960er-Jahren hatte der US-Soziologe Robert Bellah den Begriff geprägt, um zu beschreiben, wie es sein kann, dass ein hochgradig moderner Staat wie die USA gerade nicht den Weg radikaler Säkularisierung gegangen ist, sondern ohne Verlust der Modernität religiöse Momente verinnerlichte, ja, sein Erwählungsbewusstsein geradezu religiös aufgeladen hat:

"Der Präsident hat in einem solchen starken Erwählungsbewusstsein natürlich eine besondere Funktion: Er ist derjenige, der diesen Anspruch nach außen garantiert, ihn sichtbar macht. Und wenn dieser Präsident ein schlechter, moralisch fehlbarer Mensch ist, oder er falsche Entscheidungen trifft, dann fällt das nicht nur auf ihn als Person zurück, sondern es kratzt auch an diesem patriotischen, quasi-religiösen Selbstbewusstsein der USA. Aus dem Blick der Zivilreligion heraus leuchten die Affären von Richard Nixon oder Bill Clinton, die Affären von JF Kennedy aus einem anderen Licht – nämlich dass es nicht nur die Fehlleistungen eines moralisch hinfälligen Menschen sind, sondern es sind zugleich auch Kratzer an dieser hochpolierten Fassade der US-Zivilreligion."

Durch persönliches Fehlverhalten beschädigt der Amtsinhaber also nicht nur seine Person, sondern er korrumpiert gleich das ganze Amt und seine quasi-göttliche Stiftung. Ein gefährliches Spiel, so Andreas Weiß, basiere doch das Vertrauen der Amerikaner in ihr politisches System in wesentlichen Zügen auf dieser Grundannahme.

"Donald Trump konzentriert diese Zivilreligion, dieses Erwählungsbewusstsein so auf seine eigene Person hin, dass er sich selbst als unauswechselbar, als nicht mehr austauschbar inszeniert, und das wird eine Gefahr für die US-Zivilreligion. Die Zivilreligion lebt nämlich genau davon, dass das Amt des Präsidenten von unterschiedlichen Personen ausgefüllt werden kann. Der Präsident ist austauschbar."

Erfolg als Ausweis göttlicher Gnade

Tatsächlich macht Weiß jedoch bei Trump eine Art theologische Tiefenströmung aus. Denn so sehr er sich inzwischen von jeder Form einer strengen Kirchlichkeit oder religiösen Praxis gelöst habe, so sehr präge ihn bis heute die langjährige Freundschaft zum 1993 verstorbenen reformierten Pastor Norman Vincent Peale. Dessen Buch "Die Kraft positiven Denkens" verkaufte sich seit den 1950er-Jahren millionenfach.

"Peales Botschaft war kurz gesagt: Wer nur genug an sich selbst glaubt und an den Segen Gottes, den Gott in jeden einzelnen hineinlegt, der wird im Leben erfolgreich sein. Und je mehr man erreicht, ist das auch ein Merkmal dafür, dass man Gott und Gottes Segen in der eigenen Person anerkennt und wirksam werden lässt."

Anders gesagt: Der persönliche wirtschaftliche Erfolg wird zum Ausweis besonderer göttlicher Gnade. In diesem Licht sehe sich Trump permanent. Das evangelikale Lager verzeiht ihm Scheidungen, Affären und sexistische Bemerkungen, denn ein Erfolgsmann wie er gilt als gesegnet.

Die katholischen Bischöfe sieht Weiß seit Amtsantritt Donald Trumps in einem permanenten Dilemma: Denn ein großer Teil der katholischen Gläubigen stammt aus jenen Regionen Lateinamerikas, gegen die Trump mit Vorliebe wettert:

"Nachdem Donald Trump vor allem gegen diese Gruppen in der Migrationsfrage wettert und sie attackiert, wurden die Bischöfe vor eine Bewusstseinswahl gestellt. Also stellen sie sich jetzt hinter die republikanische Linie, in der sie sich seit den 70er-Jahren sehr wohl gefühlt haben, weil sie in vielen moralischen Fragen – Abtreibung, Homosexualität – dieselbe Linie vertreten wie die republikanische Partei; oder aber stellen sie sich gegen die Migrationspolitik von Trump, weil sie sich bewusst sein müssen, dass ihre eigene Glaubwürdigkeit auf Messers Schneide steht. Würden sie sich hinter die Migrationspolitik von Donald Trump stellen, dann würden sie Glaubwürdigkeit bei ihren eigenen Leuten einbüßen – nämlich bei jenen Latinos, Südamerikanern, die die katholische Kirche seit Jahrzehnten in den USA auffüllen."

Trumps erste Amtszeit endet regulär 2020, eine zweite ist nicht ausgeschlossen. Andreas Weiß warnt vor voreiligen Gewissheiten – nicht ausgeschlossen, dass das göttliche Band, an dem sich Trump wähnt, hält und religiöse Wähler ihn erneut zum Triumph führen:

"Man kann Donald Trump überinszenieren als das Ende der westlichen Welt, was er aber glaube ich nicht ist; aber man kann ihn auch unterschätzen. Und man hat ihn politisch, aber auch wirtschaftlich schon oft unterschätzt."

Andreas G. Weiß:Trump - Du sollst keine anderen Götter neben mir haben: Was wir nie für möglich hielten, hat uns schon verändert. Patmos 2019. 216 Seiten, 24 Euro.                                                 

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