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Ute und Wolfgang Benz (Hg.): Jugend in Deutschland. Opposition, Krisen und Radikalismus zwischen den Generationen.

Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden / wir / wer sorgt sich um den Frieden auf Erden / wir / Ihr lungert herum in Parks und in Gassen / wer kann Eure sinnlose Faulheit nicht fassen / wir ...

Rezensiert von Marén Balkow |
    Da sang Freddy Quinn Ende der 60er vielen Bürgern in der Bundesrepublik wohl aus der Seele. Seit jeher treten Erwachsene Jugendlichen auch mit einem Gemisch aus Skepsis, Verständnislosigkeit, Misstrauen und Angst gegenüber. Und immer hat es Konflikte gegeben zwischen den Generationen, hat man gegeneinander protestiert, gekämpft, sich bewußt ignoriert und voneinander abgegrenzt. Sich heftigst aneinander gerieben. Der Blick Erwachsener auf die Jugend bleibt zumeist ein argwöhnischer. Dies impliziert auch der Titel des aktuellen Buches von Ute und Wolfgang Benz: "Jugend in Deutschland. Opposition, Krisen und Radikalismus zwischen den Generationen". Heute, ein Jahrzehnt nach der Wende, sei es nötig geworden, einige Perspektiven bewußt zu halten, wenn es um Jugendliche in Deutschland geht, so die Wissenschaftler:

    Die eine ist die Differenz der Biographie in Ost-West, die unterschiedlichen Erfahrungszusammenhänge. Die andere ist die historische Dimension, weil wir sagen, man kann die Gegenwart nicht verstehen ohne die Vergangenheit und ohne die Frage, wie die Generationen miteinander umgehen. Insbesondere natürlich sind wir hellhörig geworden auf den Bedarf nach solchem Nachdenken – durch die Gewalttaten nach der Wende – die Frage, was ist eigentlich los mit Jugendlichen.

    Ich glaube, man muss da auch noch eine andere Voraussetzung erwähnen, wenn eine Psychoanalytikerin, die spezialisiert ist auf Kinder und Jugendliche mit einem Historiker, der spezialisiert ist auf das 20. Jhd., auf den Nationalsozialismus, auf seine Folgen verheiratet ist, dann wären die ja vielleicht auch ganz schlecht beraten, wenn sie nicht diese unterschiedlichen beruflichen Kompetenzen in gemeinsame Projekte einbringen würden und daraus ist diese Unternehmung entstanden. Aus zwei disziplinären Gesichtswinkeln in den Griff zu bekommen, warum sind Jugendliche so, was haben die für Schwierigkeiten, was gibt es für Probleme und wie äußert sich das in der Gesellschaft.

    Es gilt also, Jugend im Blick zu behalten, sie nicht unbeobachtet ihrer Entwicklung und dem Heranwachsen zu überlassen, sondern sie in den Griff zu bekommen, auch wissenschaftlich. Professor Wolfgang Benz:

    Der Historiker kann es mit einem ganz einfachen Beispiel vielleicht deutlich machen, warum es notwendig ist, den Blick auf Jugendliche zu richten. Da gab es einmal einen Knaben, der hieß Adolf Hitler. Auf den haben viele Einflüsse gewirkt, was damals niemanden interessiert hat. Der Reichskanzler und Führer Adolf Hitler, der dann Deutschland ins Unglück gestürzt hat, und nicht nur Deutschland, hat zum beträchtlichen Teil aufgrund der Einflüsse gehandelt, die in seiner Pubertätsphase, während seines Heranwachsens auf ihn eingewirkt haben. Das ist ein plattes und drastisches Beispiel, aber es kann verdeutlichen, dass man den Blick darauf richten muss, wie Bewusstseinslagen entstehen. Demokraten oder Rechtsextreme entstehen nicht aus dem Nichts, sondern sind auch das Ergebnis ihrer Sozialisation.
    So nähern sich die Herausgeber von "Jugend in Deutschland" dem Thema von ganz verschiedenen Seiten. Sie luden Psychologen, Jugendforscher, Sozialwissenschaftler, Historiker und Juristen ein, sich mit Adoleszenzkonflikten als gesellschaftlichem Problem auseinander zu setzen. Das Buch vereint Essays unter vier Schlagworten: Konflikte, Traditionen, Erfahrungen sowie Rechtsextremismus und Jugendgewalt. Unter "Konflikte" finden sich Beiträge der Psychoanalytikerin Ute Benz und ihrer Kollegen, die sich mit Themen auseinandersetzen wie Ablösungsprozesse von Familie und Freunden und Ausbeutung von Sexualität Jugendlicher durch die Wirtschaft. Unter "Traditionen" erfahren wir in einem Aufsatz von Wandervögeln, Edelweißpiraten und Halbstarken– jugendliche Subkulturen vom Kaiserreich bis in die 50er Jahre. In einem anderen vom Beat-Aufstand in Leipzig als einem Beispiel von Jugendprotest in der DDR. So wie diese Beiträge lesen sich auch die folgenden im Kapitel "Erfahrungen" wie kleine spannende Geschichten. Da schreibt Carina Baganz unter dem Titel "Warten auf Madonna. Adoleszenz Ost" über ihre Jugend Mitte der 80er:

    Unser Zuhause war zwar klein, aber es war ein Ort, an den wir uns zurückziehen konnten, wo wir unsere Meinungen ohne Angst vor Zurückweisung oder Folgen offen äußern konnten. Dem Sozialismus sollte die Zukunft gehören, und der Garant der Zukunft war die Jugend, "Erbauer des Sozialismus". Die Kinder und Jugendlichen wurden in der Schule einer itären Erziehung unterworfen, die Anpassung verlangte. Doch nicht nur die Schule, sondern auch der Freizeitbereich sollte möglichst unter der Kontrolle von Staat und FDJ stehen. Der gesamte Tagesablauf war Normen unterworfen; alles war festgelegt und es blieb kaum die Möglichkeit, sich zu verwirklichen oder zu entwickeln. Ich habe mir die Kreativität freilich nicht nehmen lassen. Ich zog mich in meine Nischen zurück. Neben der Familie waren dies die junge Gemeinde, meine beste Freundin und die Musik. Ich malte mir gemeinsame Auftritte mit Madonna aus und schwamm als Fan auf der "Neuen Deutschen Welle" mit. Regelmäßig saß ich vor unserem alten Kassettenrekorder, um die "Top Ten" aus dem Westradio aufzunehmen.
    Sabine Berloge erzählt in ihrem Beitrag "Frei und frierend. Adoleszenz West" von Margot - 1969 in einer mittelgroßen norddeutschen Stadt am Meer:

    Margot fährt am Fenster des ersten Kinderladens ihrer Stadt vorbei. Sie lacht: Da hängt das Staatsoberhaupt des Wirtschaftswunderlandes, Heinrich Lübke, als Hampelmann. Wie respektlos! Wie zutreffend! Wunderbar! Etwas hat sich geändert, unmerklich zunächst hier in der Provinz, jetzt aber ansteckend und ungeheuer belebend. Alles könnte anders werden, würde anders werden. Gerechter, menschlicher, überraschender, bewegter. Und sie würde ein Teil davon sein, würde etwas verändern und verbessern. Endlich ist der Alptraum vorbei, in dem ihr prophezeit worden war, ihr Leben werde sich so gestalten wie das ihrer Eltern. Nein die Zukunft würde wild sein, bunt, revolutionär, selbstbestimmt. "Born to be wild ist einer ihrer Lieblingssongs und "We got to get out of this place". Nach dem Schulungstreffen würde sie bei den Kiffern vorbeischauen und mit ihnen Jimi Hendrix hören.

    Drei Essays über Jugend in der DDR, nur einer über den Westen - allesamt geschrieben von Frauen. Dazu zwei Beiträge, in denen die en über ihre Erfahrungen als Lehrer berichten – beide sind männlich. Man hätte sich einen Perspektivwechsel gewünscht.

    "Adoleszenzkonflikte interessieren in der Regel die breite Öffentlichkeit erst dann, wenn Jugendliche einzeln oder in Gruppen auffällig und zum Objekt allgemeiner Beunruhigung geworden sind", so das Herausgeberpaar in seinem Vorwort. Der vierte Abschnitt ihres Buches zu Rechtsextremismus und Jugendgewalt, der gut ein Drittel des Bandes einnimmt, scheint ein Zugeständnis an diese Erkenntnis zu sein.

    Das ist der in der Öffentlichkeit am stärksten beachtete Teil der Entwicklung. Natürlich hätte man dieses Buch auch schreiben können ohne die Bezüge auf den Rechtsextremismus. Ob wir dann einen Verleger gefunden hätten, ob wir dann Interesse bei den Medien gefunden hätten, wenn wir sozusagen das Normale darstellen ohne auf die Fehlentwicklungen, auf das Besorgniserregende einzugehen, das ist vielleicht eine andere Frage.

    Ich sehe das ein bisschen anders hier. Wir sind schon im Westen alle wachgerüttelt worden durch die jugendlichen Rechtsextremisten. Das hat den Anstoß gegeben zur Sorge aber auch nicht nur aktuell, sondern zur grundlegenden Frage, könnte Ähnliches mit Jugend überhaupt immer wieder passieren. Insofern ist es nicht nur das Aktuelle sondern das Allgemeine im Aktuellen, das uns interessiert.
    Gerade dieser letzte Abschnitt befriedigt dann auch das Bedürfnis nach dem Handhabbaren, dem Begrifflichen, der zuordnenden Analyse. Wenn beispielsweise der Sozialwissenschaftler Michael Kohlstruck in seinem Aufsatz über rechtsradikale Jugendkultur endlich klarstellt, was Jugendkultur, von der die ganze Zeit gesprochen wird, im allgemeinen eigentlich darstellt. Oder wenn die Richterin Sigrun von Hasseln sich äußerst faktisch und problembezogen der Frage widmet, ob Strafe als Ultima Ratio der Gesellschaft für adoleszente Gewalttätigkeit gelten kann. "Jugend in Deutschland" ist keine wissenschaftliche Abhandlung, die als Handbuch für Psychologen oder Soziologen herhalten kann. Vielmehr ist es ein Lesebuch, das es zu durchstöbern gilt. Eine Mischung aus wissenschaftlicher Analyse und assoziierend, subjektiv Erzähltem über diesen wichtigen Teil unserer Gesellschaft.

    Maren Balkow über : Jugend in Deutschland. Oppostion, Krisen und Radikalismus zwischen den Generationen. Herausgegeben von Ute und Wolfgang Benz im Deutschen Taschenbuch Verlag München. Das Buch umfasst 240 Seiten und kostet 12 Euro und 50 Cent.