Donnerstag, 03.12.2020
 
Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteCorsoErster Schritt zum würdigen Alterswerk26.10.2019

Van Morrisons "Three Chords And The Truth"Erster Schritt zum würdigen Alterswerk

Über 40 Alben hat Van Morrison in seiner Karriere rausgebracht. Allein in den letzten zwei Jahren sechs Alben. Zuletzt hatte sich bei seinen Fans jedoch eine gewisse Erschöpfung breitgemacht. Der Ire hatte vor allem Coverversionen veröffentlicht. Mit seinem neuen Album ändert sich das nun.

Juliane Reil im Kollegengespräch mit Anja Buchmann

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
(imago/United Archives)
Der Musiker Van Morrison in einer Aufnahme aus den 60ern (imago/United Archives)
Mehr zum Thema

Van Morrison Wim Wenders' Klassiker

Neues Album von Glen Hansard Poetische Züge

Woodstock-Hymne "Going Up the Country" Ein Gang in die Archive

Zum 50. Geburtstag Das klangliche Geheimnis von King Crimson

Anja Buchmann: Van Morrison ist wohl das, was man einen "schwierigen" Typ nennen würde. Auf Konzerten mimte der gebürtige Ire des Öfteren den Griesgram. Mit Mitmusikern und Plattenchefs legte er sich in der Vergangenheit regelmäßig an. In musikalischer Hinsicht gilt der 1,60 große Künstler allerdings als Ausnahmeerscheinung. Die amerikanische Blueslegende John Lee Hooker bezeichnete ihn sogar als den besten weißen Bluessänger. In den letzten Jahren wirkte der heute 74-Jährige gerade arbeitswütig. Seit September 2017 erschienen fünf Alben. Jetzt Album Nr.6 mit dem Titel "Three Chords And The Truth". Mit der Musikkritikerin Juliane Reil spreche ich jetzt über das Album und das Spätwerk von Van Morrison. Schönen guten Tag!

Juliane Reil: Hallo.

Buchmann: Frau Reil, Van Morrisons Produktivität bestreitet ja  keiner. Aber steht die Quantität auch in einem Verhältnis zur Qualität bei seinen letzten Alben?

Zeitlose Marke

Reil: Das Bemerkenswerte an Van Morrison ist, dass er nie Poptrends hinterhergelaufen ist. Ob eine Platte von ihm in den 80er-Jahren entstanden ist oder in den 90ern, das hört man ganz einfach nicht, weil er bis heute einen Sound hat, der zu seiner zeitlosen Marke geworden ist. Nämlich Blues mit einer Soulstimme, die eben nicht - wie viele weiße Stimmen - affektiert oder prätentiös klingt. Vielleicht ist aber genau diese Unangepasstheit sein Geheimnis: Immerhin währt seine Karriere schon seit fünf Jahrzehnten. Und das obwohl der "Belfast Cowboy", wie seine Fans ihn liebevoll nennen, kaum Hits hatte – abgesehen mal von "Brown Eyed Girl" oder seinem Bob Dylan-Cover "It’s All Over Now, Baby Blue". Aber das ist auch schon ein paar Jährchen her. In den letzten zwei Jahren hat er vor allem Coverversionen rausgebracht. Da waren einzelne selbstgeschriebene Songs zwar dabei. Die Platten waren auch stilsicher, aber aus meiner Sicht nicht zwingend oder etwa relevant für sein Werk. Auf dem neuen Album "Three Chords An The Truth" da sind hingegen 14 neue Originalstücke von ihm. Und einige dieser Songs klingen – obwohl sie neu sind – bereits wie Klassiker von Van Morrison. Zum Beispiel das Eröffnungsstück "March Winds in February".

Buchmann: Van Morrison hängt der Ruf eines Songpoeten an, der manchmal nicht ganz so leicht zugänglich ist. Welche Themen beschäftigen ihn auf dem aktuellen Album?

Zynischer Kommentar auf den Brexit

Reil: Wie immer verarbeitet Van Morrison eigene Gefühle und Frustrationen. Das Musikgeschäft, das er Zeit seines Lebens kritisch gesehen hat und die Begleiterscheinungen davon. Das verarbeitet zum Beispiel in "Fame Will Eat Your Soul" oder in dem Song "Up On Broadway". Was ich aber besonders interessant finde, ist, dass Van Morrison Stellung zum politischen Geschehen nimmt. Der Song " Nobody in Charge"  -  auf Deutsch "Niemand ist verantwortlich" – den könnte man als  zynischen Kommentar auf den Brexit interpretieren. In dem Song singt er von einem Land, in dem eigentlich keiner mehr Bescheid weiß: "Brainwash is easy, when everybody is lazy." "Gehirnwäsche ist einfach, wenn keiner sich seine eigenen Gedanken macht. Im Song "You Don’t Understand" heißt es dann "there’s Evil in this land" und dass man sich keine Vorstellung davon macht, wie "verrückt, schlecht und gefährlich" Menschen sein können. Diese Rolle eines Kommentators eines aktuellen Zeitgeschehens, das ist eine neue Seite an ihm.

Buchmann: Van Morrison ist ja ein routinierter Künstler, der bereits als Teenager begonnen hat, als Berufsmusiker zu arbeiten. Wer in seiner Band spielen wollte, der musste das Niveau auf jeden Fall auch halten können. Was veranstaltet er musikalisch auf dem neuen Album?

Reil: Seine Liebe gehört nach wie vor dem Blues, das wird auch in dem Titelstück "Three Chords and The Thruth" deutlich - drei Akkorde und die Wahrheit. Das ist eigentlich ein Ausspruch von dem Country-Musiker Harlan Howard in den 50er-Jahren über den Country gewesen. Lässt sich aber auch auf das Bluesschema übertragen. Beim Blues steht auch die erzählte Geschichte im Vordergrund. Ja und nach dem Motto "weniger ist mehr" setzt Van Morrison auf die Aussage der einzelnen Songs. Und die sind sparsam instrumentiert mit Orgel, Piano, Standbass, Gitarre und Schlagzeug. Und das interessante ist, dass die beteiligten Musiker teilweise auch auf den Platten von Van Morrison mitgewirkt haben, die wirklich als Meilensteine seiner Karriere gelten. Gitarrist Jay Berliner – selbst kein Unbekannter, aus der klassischen Musik kommt der ursprünglich, hat aber auch im Blues und Modern Jazz seine Marken hinterlassen – der  war auf dem Album von Van Morisson zu hören: "Astral Weeks" von 1968. Und der Schlagzeuger Bobby Ruggiero auf dem zweiten wichtigen Album des Iren, nämlich auf "Moondance" von 1970. Das heißt, das sind Musiker, die wirklich verstehen, was Van Morrison will und insofern wirkt das wirklich mühelos, inspiriert und selbstverständlich im Zusammenspiel.

Buchmann: Van Morrison ist im Blues zuhause. Wenn man jetzt böse ist, dann könnte man sagen, ist einfach Altherrenrock oder Altherrenblues, oder?

Kein Beitrag zur aktuellen Popmusik

Reil: Natürlich ist das kein Beitrag zur aktuellen Popmusik, das steht außer Frage, das ist eher alte Schule. Das ist eben der typische Van Morrison-Sound, hochkarätig besetzt. Die Orgel, die macht besonders deutlich, das dieser Sound seine Wurzeln in den späten 60er-Jahren hat. Und trotz dieser klaren Verortung geistert dieser Sound auf eine Art und Weise eben zeitlos und unbeeindruckt von aktuellen Trends, wie ich sagte, durch die Jahrzehnte. Natürlich ist das ein Album für eingefleischte Van Morrison-Fans. Und sicherlich auch gerade vor diesem Hintergrund der letzten Veröffentlichung, wie gesagt, vor allem Coverversionen, ist das aber eine Platte, die aus meiner Sicht die erste ist, die mal wieder relevanter ist von Van Morrison und tatsächlich dem Künstler und seinem Spätwerk gerecht wird.

Buchmann: Zeitlos und unbeindruckt von aktuellen Trends, das sagt Juliane Reil über das neue Album "Three Chords And The Truth" von Altmeister Van Morrison. Frau Reil, vielen Dank für Ihre Einschätzung.

Reil: Gerne.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk