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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenVandalismus im Alltag05.08.2010

Vandalismus im Alltag

Experten beschäftigen sich mit den Gründen

Schmierereien, zerkratzte Scheiben, aufgeschlitzte Polster - Vandalismus ist in vielen Bereichen zu beobachten. Ein Grund könnte sein, dass in unserer Überflussgesellschaft Dingen kaum noch Wert beigemessen wird. Wieder andere sehen darin eine öffentliche Demonstration, dass die Verursacher von ihrem Leben frustriert sind.

Von Ursula Storost

Jugendkultur - eine eigene Sprache gehört auch dazu (AP)
Jugendkultur - eine eigene Sprache gehört auch dazu (AP)

"Vandalismus sind für mich alle Beschädigungen am Fahrzeug, die durch fremde Personen hervorgerufen werden. Also zum Beispiel verbogene Haltestangen, abgebrochene Sitze, zerkratzte Scheiben, Beschmierungen im Außenbereich. Alles das sind für mich Vandalismusschäden."

Thomas Pahl, Ingenieur und Leiter des Fachbereichs Fahrzeugtechnik bei der Hamburger Hochbahn.

"Vandalismus ist kein technischer Begriff und kein juristischer Begriff. Sondern ist ein umgangssprachlicher Begriff. Unter Vandalismus versteht man eigentlich das mutwillige und vorsätzliche und eigentlich blinde Zerstören oder Beschädigen von fremdem Eigentum."

Fritz Sack, Kriminologe und Soziologe an der Universität Hamburg.

"Mit Vandalismus ist ja eine bestimmte Perspektive verbunden. Wenn eine Galerie die Banane an ihrer Tür findet, wird sie das nicht als Vandalismus begreifen, sondern wird sich ausgezeichnet fühlen. Wenn ein unbekannter Graffitisprayer daneben sein Logo setzt, wird sie das als hässlich empfinden und möglicherweise als Vandalismus bezeichnen und entfernen lassen."

Axel Philipps, Soziologe an der Universität Hannover in Anspielung auf den berühmten Künstler und Bananensprayer Thomas Baumgärtel.

"Der Begriff des Vandalismus ist nicht eindeutig definiert. Sehr häufig, und das finde ich auch zu kurz gegriffen, wird es mit Graffiti gleichgesetzt, weil es auf Grund der farblichen und der Oberflächenstruktur sehr häufig ins Auge fällt. Was sicherlich aber auch damit zu tun hat, dass uns andere Zerstörungen oder Beschädigungen im Alltag kaum noch auffallen."

Maren Lorenz, Historikerin und Buchautorin.

Vandalismus ist Alltag. Aber kaum zu fassen. Ebenso wie die Täter.

Lorenz: "Das Klagen ist allgegenwärtig, aber Faktenwissen ist darüber kaum bekannt. Und mir ist relativ schnell aufgefallen, dass die meisten Leute über etwas reden. Dadurch einen Diskurs produzieren in irgendeiner Form. Aber eigentlich keinen Faktenhintergrund haben. Das ist also ein anonymes Delikt, über das man nichts weiß. Aber zu dem alle Leute etwas sagen können."

Der Soziologe Axel Philipps von der Universität Hannover leitet die Leipziger Forschungsgruppe Soziales. Die Wissenschaftler beschäftigen sich mit einer speziellen Form des Vandalismus – oder muss man sagen der Kunst? Sie untersuchen Schablonengraffiti. Das sind jene meist kleinen Wandmalereien, die jeder Großstadtbewohner kennt: ästhetische Bilder wie Schaukelpferde und Gänseblümchen, politische Botschaften wie Revolver, roter Stern und der Slogan "Freiheit für Tiere". Oder auch der abgekürzte Künstlername des Sprayers.

Philipps: "Das ist ja ein Wettbewerb, der da stattfindet zwischen den Jugendlichen. Speziell in der Graffiticommunity, die ja auch oft männlich dominiert ist, dort ist es dann ein Wettbewerb und eine Meisterschaft. Und da ist die Bedeutung des Graffiti sich gegenüber den anderen abzuheben in der Graffitiecommunity."

Was manche für Vandalismus halten, hält Axel Philipps in erster Linie für einen Versuch, sich künstlerisch zu positionieren. Denn wo könnten jugendliche Sprayer ihre Kunst öffentlich machen, wenn nicht an den Wänden, den Stromkästen, den Verkehrsschildern des Stadtteils. Tatsächlich gibt es inzwischen in einigen Städten und Gemeinden Mauern und Hauswände an denen das Herstellen von Grafffiti ausdrücklich erlaubt ist. Seit 2005 gilt illegales Sprühen nicht mehr bloß als Ordnungswidrigkeit, sondern als Straftat. Dadurch wurde es gefährlicher und damit schwieriger das eigene Motiv zu platzieren, weiß der Soziologe:

"Die Konkurrenz in dieser Gruppe steigt und die Aggressivität unter diesen konkurrierenden Jugendgruppen sich im öffentlichen Raum zu präsentieren steigt. Und dass dort die Auseinandersetzungen einfach härter werden in dieser Szene."

Die Sprayer streitet um die Plätze an denen möglichst viele Leute vorbeigehen und -fahren. Denn Graffiti sind eine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Wahrgenommen zu werden. Aus der Anonymität heraus zu treten. Und zu demonstrieren: der öffentliche Raum muss nicht so bleiben, wie er ist.

Philipps: "Wie die städtische Gemeinde sich vorgestellt hat, wie ein bestimmter Ort auszusehen hat, verändern oder stören ja Graffitis dieses Bild und man könnte sich auch so diesen Graffitis zuwenden, dass man sagt, diese Störung erinnert uns auch daran, dass dieser Raum gemacht ist und dass es eine Möglichkeit dadrin steckt, diesen Raum ganz anders zu gestalten."

Die Hamburger Hochbahn kämpft, wie alle Städte und Gemeinden seit Jahren gegen den Vandalismus. Nicht indem man nach den Motiven forscht, sondern indem man unzerstörbare Hartschalensitze und leicht zu reinigende Farben testet. Immerhin kostet es jedes Jahr etwa eine Million Euro, um Schmierereien, zerkratzte Scheiben, aufgeschlitzte Polster zu entfernen. Die Philosophie der Hochbahn lautet: Wagen mit Beschädigungen müssen sofort aus dem Verkehr gezogen werden, um Nachahmer zu stoppen, sagt Thomas Pahl. Die meisten Schäden seien Graffitischäden, klagt der Ingenieur. Über die These, dass Graffiti Kunst sei, kann er nur den Kopf schütteln:

"Für uns ist es eindeutig keine Kunst, weil wir haben hier einen massiven Schaden, den wir beseitigen müssen. Und Kunst muss auch in einem Raum stattfinden, wo es möglich ist. Und ich sage mal, Kunst, die man nicht haben will, und wir wollen diese Kunst nicht haben, ist für uns eben Vandalismus."

Warum ist Graffiti auf dem U-Bahn-Wagen kriminell? Das großflächige Werbeplakat mit dem fetten Super-Hamburger einer Fast-Food-Kette hingegen legal und von allen zu akzeptieren?

Sack: "Wer hat die Definitionsherrschaft über solche Dinge? Die Leute, die daran Anstoß nehmen. Es gibt ja auch irgend so was wie einen legalen Vandalismus. Ich dachte an die Abwrackprämie. Abwrackprämie ist ja auch ein mutwilliges Zerstören von Autos zur konjunkturellen Belebung. Von daher sieht man, wenn man genauer hinkuckt, dass die gleichen Handlungen mal legal sind und mal illegal sind. Mal gewollt sind und mal nicht gewollt sind."

Das Zerstören von Dingen sei unserer Gesellschaft gewissermaßen immanent, sagt der Kriminologe und Soziologe Fritz Sack. In einer Überflussgesellschaft würde Dingen kaum noch Wert beigemessen. Und die Spielregeln würden es auch so fordern:

"Aus der Unternehmenswelt oder der Betriebswirtschaftslehre weiß man, dass man da von produktiver Zerstörung spricht, und meint damit, dass man als Unternehmer in seinen Betriebsanlagen immer sehr auf der Hut sein muss, Altes durch Neues zu ersetzen. Und Altes durch Neues zu ersetzen bedeutet ja auch, das Alte kaputtzumachen und zu zerstören."

Welchen Wert hat denn heute ein Computer nach zwei Jahren? Eine Kamera nach fünf? Ein Möbelstück nach zehn?, fragt Fritz Sack. Da würde es zu kurz greifen, als Grund für Zerstörung nur die sogenannte "brocken windows"-Theorie heranzuziehen. Sie besagt, dass Menschen sich gewissermaßen automatisch aufgefordert fühlen, Regeln zu übertreten, wenn auf einem Platz, in einer Straße, in einem Stadtteil bereits Vandalismusschäden vorliegen:

"Und von daher ist das eher eine Vermutung, die bequem ist und die zur Rechtfertigung herangezogen wird, um Jugendliche zu disziplinieren und stärkere Formen sozialer Kontrolle einzuführen. Also ich halte diese 'brocken windows'-Theorie als eine der Wirklichkeit nicht angemessene und der Wirklichkeit nicht entsprechende Vermutung."

Natürlich sei es so, dass Menschen ihre individuelle Wut ausagieren, wenn sie zerstören. Sie wollten damit – wenngleich anonym –, ihre Meinung äußern. Öffentlich demonstrieren, dass sie von ihrem Leben in der Gesellschaft frustriert seien:

"Es ist eine Frage der Sichtbarkeit auch. Und derjenigen, die keine Lobby haben oder derjenigen, die keine Stimme haben. Oder derjenigen, die eine geringe Beschwerdemacht haben und eine geringe Möglichkeit haben sich selbst in seinen Bedürfnissen zu artikulieren."

Und die Politik, so scheine es, würde immer weniger Einfluss auf Entwicklungen nehmen, die das Leben der Bürger beträfen. Beispiel Stadtpolitik:

"Man weiß ja, dass Stadtteile aufgewertet werden und abgewertet werden. Über Mietenpolitik, über Wohnungsbaupolitik, Stadtbaupolitik und so weiter. Aber die Akteure, die dieses Geschehen steuern, sind ja längst nicht mehr die Politiker. Das, was unter Stadtpolitik heute zu verstehen ist, von einer Reihe von Akteuren mitbestimmt wird, die jedenfalls im emphatischen Sinn keine Politiker sind."

In unserer Gesellschaft gebe es für Menschen ohne finanzielle Ressourcen wenig Spielraum, beobachtet Fritz Sack. Vielleicht sei Vandalismus eine Antwort darauf. Die zunehmend geltende Maxime der Staat solle sich nur um das Nötigste kümmern und möglichst viel den dem privaten Engagement überlassen, hält der Kriminologe und Soziologe für den falschen Weg:

"Ich hab es zufällig jetzt von Bayern gelesen, dass am Starnberger See oder an diesen oberbayerischen Seen, da gibt es eigentlich keine öffentlichen Uferpromenaden mehr, sondern die Grundstücke gehen alle bis zum See hin und wir erreichen immer mehr einen Zustand wo diese berühmten 'gated comunities', also die abgeschlossenen Zonen und abgeschlossenen Bereiche zunehmend so eine Gesellschaft auseinanderfallen lassen. Dagegen kann man machen, dass man meiner Meinung nach aufhören muss, Staatlichkeit, Öffentlichkeit, Gemeinwohl so zu degradieren und so gering zu schätzen, wie das unter neoliberalen Bedingungen und neoliberalem Politikverständnis in den letzten Jahrzehnten der Fall gewesen ist."

Wenn für Regierungen Staatlichkeit, Öffentlichkeit und Gemeinwohl nicht oberste Maximen des Handelns sind – wieso sollte dann der Einzelne sein Verhalten danach ausrichten?

Sinnlose Zerstörung ist allerdings nicht nur ein Tatbestand unserer Tage, weiß die Historikerin Maren Lorenz. Sie hat sich lange mit dem Alltagsphänomen Vandalismus beschäftigt:

"Dazu gibt es eigentlich keine Forschung. Und mich hat das eben deswegen interessiert, weil klassisch soziologisch, psychologisch, politikwissenschaftlich, auch historisch nur Dinge untersucht werden, die in irgendeiner Weise als gesellschaftlich relevant oder auch die gesellschaftlichen Gegebenheiten gefährdend wahrgenommen werden."

Und der Vandalismus scheint also nicht als gesellschaftlich relevant wahrgenommen zu werden. Und wurde es nie. Denn vandalistische Taten gibt es bereits seit der Antike, hat die Privatdozentin an der Universität Hamburg herausgefunden. Als Mutwille wurde solches Tun früher bezeichnet. Nach den Motiven dafür wurde nur gefragt, wenn Revolutionäre oder Bilderstürmern zerstörten. Wenn eindeutig politische Ursachen zugrunde lagen. Der alltägliche scheinbar sinnlose Mutwille fand keine Analytiker. Löbliche Ausnahme, eine Gruppe von deutschen Juristen, Verwaltungsbeamten und Bürgermeistern während der Aufklärung im 18. Jahrhundert.

Lorenz: "Die haben nämlich dann zum Beispiel gesagt, wir vermuten, die wir das in unserem Alltag sehen, dass es mit gesellschaftlichen Missständen zusammenhängt. Mit Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft. Dass zum Beispiel wir die Leibeigenschaft haben und die Bauern unzufrieden sind mit dem dekadenten ausschweifenden Leben der Reichen, das sie sehen müssen. Deswegen werden auch Schlösser beschädigt oder fürstliche Alleen angesägt oder es wird gezündelt in herrschaftlichen Besitztümern."

Die Analyse der Aufklärer hatte allerdings keinen Effekt und wurde schlichtweg ignoriert.

Lorenz: "Es blieb also bei der traditionellen Politik, wir drohen Strafe an und wir fordern zum Denunziantentum auf und schreiben Belohnungen für das Anzeigen von Tätern aus. Das haben wir ja heute auch. Weil es den Herrschern unangenehm gewesen ist, sich eben mit diesen sozialen Missständen auseinanderzusetzen."

Damals wie heute wurde trotz aller Bemühungen nur ein verschwindend geringer Teil der Übeltäter dingfest gemacht. Allerdings wurden früher keine Jugendlichen, sondern immer nur männliche Erwachsene verdächtigt. Schlecht bezahlte Soldaten oder landlose Bauern. Als um die Wende zum 19. Jahrhundert die Berufsgruppe der Pädagogen entstand, lag es auf der Hand, Kindern die Werte zu vermitteln, die sie als Erwachsene von morgen beherzigen sollten.

Lorenz: "Es gibt dann so was wie die Erfindung von Schulgärten. Das fängt in der Zeit an, dass man gerade was so Pflanzenbeschädigung, das Zerstören von Gewächsen, Büschen in Parkanlagen angeht, dass man sagt, wenn Kinder Schulgärten haben, wenn sie selber gärtnern, dann bekommen die auch mit wie viel Mühe und Arbeit da drin steckt und wie schön das ist. Und dann werden die auch Pflanzen respektieren."

Solche Ansätze gibt es vereinzelt auch heute. Die Grundidee dahinter lautet: Was ich selbst geschaffen habe, das zerstöre ich nicht. Aber, sagt Maren Lorenz, solche Projekte bleiben an der Oberfläche. Es scheine so, als ob keiner wirklich wissen wolle, warum einige Menschen fremdes Eigentum zerstören und andere nicht.

Lorenz: "Das ist in der Psychologie auch bekannt, dass natürlich Menschen, die Gewalt erfahren, sexuell oder physische dann selber in irgendeiner Weise auch selbstzerstörerisch oder nach außen Aggressionen richten. Aber selbst das verweist ja letztendlich wieder auf gesellschaftliche Missstände. Nämlich, dass in Familien relativ viel schief läuft. Und das ist in unserer Gesellschaft ein ganz großes Tabuthema, weil gerade die Familie sozusagen der letzte Mikrokosmos ist, in den sich eine Gesellschaft nicht einzumischen hat."

Dabei sei auch die Situation den Familien eine Ursache für Vandalismus. Verwahrlosung, auch Wohlstandsverwahrlosung sei ein Problem, um das sich kaum jemand kümmere.

Lorenz: "Und sich damit auseinanderzusetzen, ist extrem kompliziert. Und es würde auch erfordern sehr viel Geld in die Hand zu nehmen und sehr langfristig gesellschaftliche Aufbauarbeit zu betreiben. Und das ist etwas, was Politiker damals wie heute für sehr schwierig halten und auch für sich persönlich nicht für besonders lohnenswert."

Damit überhaupt Ursachenforschung betrieben würde, müsse eine Tat zumindest den Anschein des Politischen haben, sagt Maren Lorenz. Etwa wenn Luxuskarossen angezündet würden. Ihrer Meinung nach sei Vandalismus aber immer politisch motiviert. Auch wenn die Täter sich dessen nicht bewusst seien. Selbst das Motiv "Langeweile" sei ein politisches Motiv.

Lorenz: "Wir alle haben uns in unserem Leben schon mal gelangweilt. Aber ich gehe davon aus, dass ein Großteil der Menschen, die sich schon mal gelangweilt haben, von sich sagen werden, ich habe aber trotzdem noch nie in der S-Bahn Sitze aufgeschlitzt oder irgendwelche Parkbänke zertreten. Sondern die Frage ist, wenn ich gelangweilt bin, wieso komme ich auf die Idee, vandalistische Taten zu begehen. Und meine Erklärung ist dann eine politische. Nämlich dass die Menschen sich nicht identifizieren mit dem, was im öffentlichen Raum steht oder mit dem, was Privatbesitz anderer Menschen ist. Und das heißt für mich sind alle Menschen, die diese Akte begehen, fühlen sich auf eine gewisse Art und Weise nicht zugehörig zur Gesellschaft und drücken das dadurch aus. Auch wenn sie das unbewusst tun. Und das ist für mich ein sehr politisches Thema."

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