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Verborgener Feind

Medizin. - Bei Leberzirrhose denken die meisten an Trinkerleber. Doch diese Diagnose ist in der Mehrheit der Fälle falsch, denn das Hepatitis-C-Virus schädigt mehr Lebern als alle Alkoholika zusammen. Die Infektion ist zwar kaum bekannt, belastet aber Patienten und Gesundheitssystem erheblich.

Von Volkart Wildermuth |
    Hepatitis C ist ein unauffälliges Virus, in vielerlei Hinsicht. Die Forscher konnten diesen mysteriösen Erreger der Leberentzündung, der Hepatitis lange nicht fassen. Denn anderes als die Hepatitis-A- und -B-Viren lässt es sich nicht im Labor vermehren. Erst seit Ende der 80er ermöglicht ein DNA Test den sicheren Nachweis des Erregers. Auch die Patienten merken wenig von einer Hepatitis-C-Infektion. Sie fühlen sich vielleicht müde und abgeschlagen, aber es gibt keine auffälligen Symptome. Aber das heißt nicht, dass das Hepatitis-C-Virus ungefährlich ist, betont der Leberspezialist Professor Thomas Berg von der Berliner Charité.

    "Das Immunsystem hat leider die Krankheit fast nie im Griff. Es ist eine langsam verlaufende Erkrankung, die aber doch in einer große Zahl der Patienten, im Langzeitverlauf wahrscheinlich bis 40 Prozent der Patient doch eine Leberzirrhose entwickeln mit dem hohen Risiko, dass sich doch ein Leberkrebs entwickeln kann. Und der Leberkrebs ist eine der wenigen Krebsarten, die in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen hat. Und dass es ganz wesentlich auf die Hepatitis-C-Virusinfektion zurückzuführen."

    Gegen die anderen Erreger der Leberentzündung kann man sich impfen lassen. Bei Hepatitis C ist das nicht möglich, das Virus verändert sich dafür einfach zu schnell. Um so wichtiger ist es, die Infektionswege für das Virus zu verbauen. Während sich Hepatitis A vor allem über verunreinigtes Wasser und Hepatitis B beim Geschlechtsverkehr verbreitet, ist bei der Hepatitis C der direkte Kontakt mit Blut entscheidend. Der ist unter normalen Umständen eher selten, gerade im Medizinbetrieb kann es aber zu Infektionen kommen. Früher wurde Hepatitis C häufig über Blutprodukte übertragen, über Gerinnungsfaktoren oder Antikörperpräparate, gelegentlich auch bei Bluttransfusionen. Seit Ende der 80er wird aber jede Blutspende auf Hepatitis C getestet, so dass es hierzulande auf diesem Weg praktisch nicht mehr zu Neuinfektionen kommt. Thomas Berg:

    "In Deutschland spielt sicherlich noch eine große Rolle der Drogengebrauch, vor allem, wenn man spritzt. Geschlechtsverkehr ist zwar, also man kann über Geschlechtsverkehr das Hepatitis-C-Virus nicht sehr einfach übertragen. In der Summe spielt es aber sicherlich auch eine Rolle. Das heißt, es gibt immer weiter noch Infektion."

    Die werden erst spät erkannt. In Frankreich gehört ein Hepatitis-C-Test zum Standardprogramm der Ärzte, in Deutschland werden selbst die Leberwerte nur selten überprüft. Dabei lässt sich die Infektion behandeln, mit einer Kombination aus Interferon zur Stimulation des Abwehrsystems und dem Virenhemmer Ribavirin. Ob die Therapie Erfolg hat, hängt vor allem vom Virustyp ab. Insgesamt gibt es sechs Typen. In Deutschland ist der Typ I weit verbreitet, der leider besonders schlecht auf die Medikamente anspricht. Thomas Berg hofft aber, seinen Patienten schon bald mit der zusätzlichen Gabe neuer Wirkstoffe helfen zu können. Sie stammen aus der Aids-Forschung und bieten vor allem zwei Vorteile. Berg:

    "Das Eine ist, dass man insgesamt die Behandlung deutlich verkürzen kann, das heißt weniger Nebenwirkung, weniger anstrengende Therapie, und auf der anderen Seite die Heilungsraten trotzdem steigern. So dass man hoffen kann, dass dann beim Genotyp I 70 Prozent geheilt werden können. Man muss sagen, auch die neuen Medikamente können gewisse Nebenwirkung haben, aber das scheint nicht so dramatisch im Moment zu sein, und man kann hoffen, dass vielleicht 2011 diese Medikamente dann zur Verfügung stehen."

    Derzeit laufen die Zulassungsstudien, auch an der Berliner Charité. Wenn sich die Infektion nicht mit den Medikamenten heilen lässt, sollten die Patienten die Gesundheit ihrer Leber regelmäßig überwachen lassen. Berg:

    "Das ist deswegen wichtig weil, wenn man den Leberkrebs sehr früh erkennt, man ihn sehr gut behandeln, in vielen Fällen sogar heilen kann. Und das ist ganz entscheidend davon abhängig, dass man ihn früh erkennt."

    Früherkennung des Leberkrebses ist aber nur möglich, wenn auch die Hepatitis-C-Infektion schnell entdeckt wird. Thomas Berg rät deshalb zu einem Hepatitis- C-Test, wenn die Leberwerte erhöht sind oder ein besonderes Risiko vorliegt. An das unbekannte Virus sollten alle denken, die vor 1990 Blutprodukte erhalten haben, die in der Dritten Welt operiert wurden oder Drogen gespritzt haben.