Was in den Medien fehlt
Die "Vergessenen Nachrichten“ des Jahres

Tag für Tag kommt Wichtiges in den Medien zu kurz. Die "Initiative Nachrichtenaufklärung" und die Deutschlandfunk-Nachrichtenredaktion haben dazu wieder ihre Rangliste der "Vergessenen Nachrichten" veröffentlicht. Diesmal geht es unter anderem um Mikroplastik, die Macht der Großkonzerne und um den verzerrten Blick auf den afrikanischen Kontinent.

    Zu sehen ist mit weißer Schrift auf blauem Hintergrund: "Die Nachrichten".
    Die Deutschlandfunk-Nachrichtenredaktion veröffentlicht gemeinsam mit der Initiative Nachrichtenaufklärung eine Liste der "Vergessenen Nachrichten". (Deutschlandfunk )
    Wenn Nachrichten "vergessen" werden, liegt das häufig an Großthemen, die andere Inhalte verdrängen. Es hat aber auch mit den Strukturen im Mediengeschäft zu tun: Berichterstattung wird häufig an Tagesaktualität, besondere Ereignissen oder Prominenz der Akteure geknüpft. Hier ziehen immer wieder Themen den Kürzeren, trotz aller Relevanz.

    Die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V. und die Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks veröffentlichen jährlich eine Liste mit zehn Themen und Geschichten, die im vergangenen Jahr keine oder kaum Erwähnung gefunden haben. Die Liste wird von einer Jury aus Wissenschaft und Journalismus zusammengestellt und geht letztlich auf Einreichungen aus der Gesellschaft zurück. Diese "Top ten" sind nicht als abschließend oder vollständig gedacht. Die Themen stehen stellvertretend für viele andere vergessene Inhalte.

    Im Folgenden dokumentieren wir die Rangliste des Jahres, die die Initiative Nachrichtenaufklärung und die Deutschlandfunk-Nachrichtenredaktion am 2.4.2026 vorgestellt haben.

    Thema Nummer eins: Viel besser als ihr Ruf - Afrikanische Länder mit hohem Entwicklungsstand

    Zur Messung des Entwicklungsstandes eines Landes ist der Human Development Index (HDI) deutlich besser geeignet als das Bruttosozial- oder Bruttoinlandsprodukt. Denn der HDI bezieht neben wirtschaftlichen Indikatoren auch den Gesundheits- und Bildungsstand der Bevölkerung ein. Hier erreichen die afrikanischen Inselstaaten Seychellen und Mauritius einen Wert über dem weltweiten Durchschnitt, weitere afrikanische Länder liegen nicht weit zurück. Die mediale Berichterstattung zeichnet dagegen ein einseitiges Bild Afrikas als überwiegend arm und unterentwickelt.

    Thema Nummer zwei: Vergiftet - Mikroplastik in Ackerböden

    Mikroplastik gelangt in Ackerböden über Klärschlamm, Kompost, unsachgemäße Entsorgung von Müll sowie Langzeitdünger. Diese Belastung der Böden beeinträchtigt die Nahrungsmittelproduktion, den Wasserhaushalt und die Aktivität von Bodenorganismen und gefährdet langfristig auch die menschliche Nahrungskette. Trotz dieser Tragweite wird das Thema in der medialen Öffentlichkeit nur begrenzt behandelt, was auf den frühen Stand der Forschung und die unbefriedigende Datenlage zurückzuführen ist.

    Thema Nummer drei: Im bürokratischen Niemandsland - Staatenlose scheitern an deutschen Behörden

    In Deutschland lebten 2022 ca. 97.000 Menschen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit - Tendenz steigend. Viele dieser Staatenlosen arbeiten und zahlen Steuern. Sie bleiben jedoch juristisch schlechter gestellt und warten oft jahrelang auf die Klärung ihres Status. Die Gründe: Fehlende oder uneinheitliche Richtlinien und überlastete Behörden. Die Betroffenen sind nicht nur starker Unsicherheit ausgesetzt, sondern auch vom gesellschaftlichen und politischen Leben weitgehend ausgeschlossen. Über die Ursachen, Zustände und Folgen wird in den Medien zu wenig berichtet.

    Thema Nummer vier: Ein profitables Geschäft - Deutsche Unternehmen unterlaufen Maßnahmen zur Inklusion von Menschen mit Behinderung

    Statt der Beschäftigungspflicht für Menschen mit Behinderung nachzukommen, zahlen viele deutsche Unternehmen lieber eine Ausgleichsabgabe. Das erschwert die Integration der Betroffenen in den Arbeitsmarkt, ist für die Arbeitgeber aber lukrativ: Denn die Ausgleichsabgabe lässt sich mit dem Kauf von Waren oder Dienstleistungen von Behindertenwerkstätten senken. Weil die Beschäftigten oft unter Mindestlohn arbeiten, sind viele Waren besonders günstig. So profitieren Unternehmen doppelt, während Exklusion und prekäre Arbeitsverhältnisse zementiert werden.

    Thema Nummer fünf: Nicht barrierefrei - Politische Information bleibt Behinderten verschlossen

    Bürgerinnen und Bürger mit Beeinträchtigung haben ein überdurchschnittlich hohes politisches Interesse. Trotz klarer gesetzlicher Vorgaben zum barrierefreien Zugang politischer Information bleibt ihnen das Grundrecht auf demokratische Teilhabe aber verwehrt. Keine der 322 von der Überwachungsstelle für Barrierefreiheit der Informationstechnik (BFIT-Bund) geprüften Websites öffentlicher Stellen entspricht den rechtlichen Anforderungen. Während Fachportale regelmäßig darüber berichten, findet der strukturelle Mangel in den Leitmedien bisher wenig Beachtung.

    Thema Nummer sechs: Law Clinics - Juristisches Beratungsangebot unterstützt Benachteiligte

    Law Clinics eröffnen gesellschaftlich benachteiligten Gruppen den Zugang zum Recht und schulen zugleich die praktischen Fähigkeiten von angehenden Juristinnen und Juristen. Die kostenfreie Beratung ist für viele Ratsuchende der einzige Zugang zu seriöser Rechtsberatung. Die Law Clinics bleiben aber vielfach unter dem Radar der Redaktionen - was dazu beiträgt, dass viele Betroffene die Möglichkeit nicht nutzen können.

    Thema Nummer sieben: Kinderarbeit - Auf Tabakplantagen ausgebeutet

    Millionen Kinder arbeiten unter gefährlichen Bedingungen für die Tabakindustrie. Diese Form der Kinderarbeit wird als ausbeuterische Kinderarbeit bezeichnet: Die Kinder werden mental, körperlich, sozial und moralisch massiv geschädigt. Der stundenlange Kontakt mit den Tabakpflanzen führt zur direkten Aufnahme des Nikotins über die Haut, was zu der sogenannten Green Tobacco Sickness (GTS) führen kann, also akuter Nikotinvergiftung. Bei Kindern tritt diese Krankheit besonders schnell ein, denn ihre Haut ist dünner und ihr Körpergewicht geringer als das von erwachsenen Menschen. Schätzungen sprechen von mindestens 1,3 Mio. Kindern, die weltweit auf solchen Plantagen schuften. Kinderarbeit auf Tabakplantagen ist eine übersehene Form der modernen Ausbeutung, über die in deutschen Medien praktisch nicht berichtet wird.

    Thema Nummer acht: Überschattung - Wenn psychisch Erkrankte nicht ausreichend körperlich untersucht werden

    Menschen mit bereits festgestellten psychischen Erkrankungen werden nicht genügend körperlich untersucht. Ernstzunehmende Krankheiten werden zu spät oder gar nicht gesehen. Diese unterlassene Diagnostik wird in der Medizin "diagnostic overshadowing" genannt - die psychische Erkrankung überschattet also eine mögliche körperliche Erkrankung. Die Folgen sind gravierend: Es ist nicht ausgeschlossen, dass die nicht genügende Versorgung von Patienten dazu führt, dass diese Menschen mehr als andere an Leib und Leben bedroht sind. Über diese Fehldiagnosen und unterlassenen Diagnosen wird wenig berichtet. Es sind verpasste Chancen in der medizinischen Versorgung. Es sind Ärzte, die Leben gefährden durch Wegsehen und zu wenige notwendige Untersuchungen.

    Thema Nummer neun: Gefangen - Psychische Folgen der Untersuchungshaft

    Menschen, die in Deutschland in Untersuchungshaft sitzen, befinden sich rechtlich in einer Ausnahmesituation, die emotional belastend sein kann: Über die physischen Folgen des abrupten Verlusts von Freiheit und sozialem Halt, ohne dass eine Verurteilung vorliegt, wird von Medien jedoch kaum berichtet. Neben Einzelschicksalen sollten auch strukturelle Ursachen der psychischen Belastung von Untersuchungshäftlingen stärker in der Berichterstattung thematisiert werden.

    Thema Nummer zehn: Schiedsgerichte - Wie einflussreiche Konzerne die Souveränität von Staaten untergraben

    Internationale Unternehmen nutzen private Schiedsgerichte, um Ihre eigenen Interessen durchzusetzen und machen damit Staaten handlungsunfähig. Private Schiedsgerichte existieren parallel zu staatlichen Instanzen und sollen im Rahmen von Handelsabkommen Investoren vor möglicher Willkür der staatlichen Justiz schützen. Entstanden ist aber eine private Paralleljustiz, die Staaten in die Defensive drängt. Lobbytransparenz-Organisationen warnen seit Jahren vor den Gefahren und dem Konfliktpotenzial solcher Investor-Staat-Schiedsverfahren (ISDS). Die Verfahren laufen meist geheim ab, ohne Öffentlichkeitsprinzip oder Mitspracherecht für weitere Betroffene, was Menschenrechtsorganisationen kritisieren. Die größte Gefahr liegt jedoch im „regulatory chill“-Effekt: Regierungen scheuen strenge Gesetze aus Angst vor teuren Klagen. Die mediale Berichterstattung über Schiedsgerichte behandelt dieses systemische Problem praktisch nie.

    Erläuterungen zu diesen Themen finden Sie auf der Seite der Initiative Nachrichtenaufklärung.

    Zum Hintergrund:

    Die Themen hat auch in diesem Jahr wieder eine Jury aus Medienwissenschaftlern, Journalisten und Experten ausgewählt. Ausgangspunkt sind Vorschläge aus der Bevölkerung. Per E-Mail, Post oder Webformular können bei der Initiative Nachrichtenaufklärung auch jetzt bereits wieder vernachlässigte Nachrichten für das kommende Jahr vorgeschlagen werden. Studentinnen und Studenten an mehreren deutschen Hochschulen überprüfen dann, ob die Themen und Nachrichten zutreffend sind und ob sie tatsächlich von den Medien vernachlässigt wurden. Alle Themen, die diese Kriterien erfüllen, werden der Jury vorgelegt. Diese entscheidet dann, welche der Themen sie für besonders relevant hält.