Donnerstag, 24.06.2021
 
Seit 14:35 Uhr Campus & Karriere
StartseiteEine Welt Verhärtete Fronten09.04.2011

Verhärtete Fronten

Konflikt zwischen Usbeken und Kirgisen dauert an

Ein Jahr nach den blutigen Unruhen im Süden Kirgisiens ist es der neu gewählten Regierung nicht gelungen, die lang gehegten Vorurteile zwischen Kirgisen und Usbeken zu beseitigen.

Von Edda Schlager

Ein Demonstrant  hält vor dem Regierungsgebäude in Bischkek  eine kirgisische Fahne hoch. (AP)
Ein Demonstrant hält vor dem Regierungsgebäude in Bischkek eine kirgisische Fahne hoch. (AP)

Achmad Achmedow, 27 Jahre alt, mit einem runden Käppi auf den kurzen dunklen Haaren, erinnert sich noch gut an das, was im vergangenen Sommer in seinem Wohnviertel hier in Osch passierte.

"Ich hab das Haus verteidigt, naja, eigentlich nur abgeschlossen und bin abgehauen. Es waren einfach schon zu viele Kirgisen, hier sind Panzer rumgefahren. Sie sind wie die Tiere hier rein, sind in die schönsten Häuser eingebrochen, haben Autos geklaut. Sie waren maskiert, das wirkte alles sehr professionell."

Im Juni vergangenen Jahres geriet der Usbeke Achmad in die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ethnien, den Usbeken und Kirgisen. Mehr als 2000 Menschen starben, die meisten Opfer waren Usbeken. Auch Achmad verlor einen Freund und eine Cousine. Achmad, der Usbeke, lebte sein ganzes Leben in Osch in Südkirgistan mit Kirgisen zusammen, ohne Schwierigkeiten. Bis zum vergangenen Frühjahr. Da wurde in der Hauptstadt Bischkek, rund 600 Kilometer nördlich von Osch, der kirgisische Präsident Kurmanbek Bakijew gestürzt. In der politisch instabilen Lage, die folgte, brachen auch lang gehegte Vorurteile zwischen Kirgisen und Usbeken wieder auf.

Bis heute prägen ausgebrannte Ruinen mit verkohlten Fensterhöhlen das Stadtbild von Osch. Das Haus, das Achmad damals gegen das Feuer verteidigte, existiert nicht mehr. An seiner Stelle steht heute ein kleiner Ziegelbau – zwei Zimmer, ein Metallofen – errichtet vom UN-Flüchtlingswerk UNHCR. Rund 4000 Häuser wurden auf diese Weise neu gebaut.
Doch so positiv der teilweise Wiederaufbau von den Bewohnern in Osch gesehen wird, das Trauma, das sie im vergangenen Jahr heimsuchte, können sie nicht so schnell überwinden. Kirgisen und Usbeken weisen sich gegenseitig die Verantwortung für das Massaker im letzten Jahr zu. Wirklich aufgeklärt wurden die Vorgänge bis heute nicht. Und die Fälle, die tatsächlich vor Gericht landen, wecken Zweifel am Rechtsstaat Kirgistan.

So wie der des 22-jährigen Usbeken Azizulllo Taschirow. Er soll den Fahrer eines kirgisischen Polizeikommandanten getötet haben. Taschirow wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und sitzt seit Monaten im Gefängnis. Sein Vater Nurulo glaubt an die Unschuld seines Sohnes:

"Die Ermittler haben mir ein Video von meinem Sohn gezeigt. Als ich fragte, warum sein Gesicht so völlig verschwollen aussehe, so, als ob er geschlagen worden wäre, brüllte der Polizist, das spiele keine Rolle, er habe den Mord gestanden. – Natürlich! Weil sie ihn gefoltert haben. Da hätte jeder unterschrieben!"

Auch der Jurist und Menschenrechtler Ravshan Gapirow glaubt, dass der junge Usbeke unschuldig ist. Ermittler und Richter seien Kirgisen gewesen. Mit unrechtmäßigen Bestrafungen, so der Menschenrechtler, wolle man die Usbeken einschüchtern. Die Regierung in Bischkek habe kein Interesse daran, die offenkundigen Gesetzesverstöße im Süden des Landes zu unterbinden. Der Grund: Sie habe ohnehin geringen Rückhalt und den wolle sie nicht gefährden. Für Ravshan Gapirow steht fest: Die Zentralregierung in Bischkek ist gegenüber den von Korruption und Vetternwirtschaft geprägten lokalen Behörden in Südkirgistan völlig machtlos.

"Im neuen Parlament sitzen fast ausschließlich Leute, die schon unter Bakijew dort saßen. Sie wollen dem Volk beweisen: Seht her! Die neue Regierung unter Bakijews Nachfolger kann es auch nicht besser."

Der ethnische Konflikt zwischen Usbeken und Kirgisen hat sich seit dem vergangenen Jahr verhärtet. Und er wird genährt von Stereotypen: Usbeken gelten als kluge Geschäftsleute, Kirgisen sitzen an administrativen Schaltstellen in staatlichen Verwaltungen.
Nilofar Hadjiewa, eine Nachbarin des jungen Achmad und selbst Usbekin, geht mit ihren eigenen Landsleuten hart ins Gericht.

"Wir Usbeken klagen immer, wir würden nicht in staatlichen Organen arbeiten dürfen. Aber warum ist das so? Weil wir unseren Kindern keine gute Ausbildung geben. Dass es keine usbekischen Politiker, keine Abgeordneten, keinen Präsidenten unter uns gibt, daran sind wir selbst schuld."

Menschenrechtler Gapirow wirft den Kirgisen vor, sie würden ihre politische Macht nutzen, um von den wirtschaftlich aktiven Usbeken, Schutz- und Schmiergelder zu erpressen. Mittlerweile habe diese Methode eine neue Dimension erreicht:

"Seit Juni leben Usbeken in ständiger Angst. Kirgisische Polizisten können Usbeken zu jeder Zeit ungestraft festnehmen, sie entführen, misshandeln. Sie erpressen Geld, schüchtern ein."

Fast jeder in Osch hat vom unrechtmäßigen Vorgehen der Polizei gehört, auch Nilofar, die Nachbarin des jungen Achmad. Sie arbeitet in einem usbekischen Friseursalon. Als Einzige ernährt sie ihre mehr als zehnköpfige Familie:

"Unsere Männer gehen nicht mehr auf die Straße aus Angst. Vorgestern haben sie meinen Kollegen von der Arbeit entführt, sie sagten noch, er soll in Untersuchungshaft. Dort sitzt er schon den dritten Tag und keiner weiß warum."

Von den örtlichen Behörden werden diese Fälle abgestritten. Der kirgisische Leutnant Kanybai Salijew vom Bezirkspolizeiamt:

"Ich glaube nicht, dass hier jemand entführt oder geschlagen wurde, können die Betroffenen denn benennen, wer da Geld gefordert hat?"

Dass die Usbeken aus Angst vor weiteren Übergriffen die Entführungen nicht anzeigen würden, lässt der Polizist nicht gelten – es gebe schließlich Gesetze.

Doch den Glauben an diese Gesetze haben die meisten Usbeken längst verloren. Sie sehen in Kirgistan für sich keine Zukunft mehr, fühlen sich hilflos angesichts der Willkür und Gewalt, der sie noch immer ausgesetzt sind. Von der Regierung in Bischkek, die den anhaltenden Übergriffen im Süden des Landes – offenbar machtlos – zusieht, erwarten sie keine Hilfe mehr.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk