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StartseiteForschung aktuellBienen lösen einfache Rechenaufgaben07.02.2019

VerhaltensforschungBienen lösen einfache Rechenaufgaben

Honigbienen zählen wohl zu den intelligentesten Wirbellosen: Sie merken sich Wege zu ergiebigen Blüten und verfügen über komplexe Kommunikationswege mit ihren Artgenossen. Dass sie auch einen Sinn für Zahlen besitzen, davon sind australische Forscher nach Experimenten überzeugt.

Von Dagmar Röhrlich

Ein Rechenschieber (Imago / Gerhard Leber)
Auch ohne Rechenschieber scheinen Bienen addieren und subtrahieren zu können (Imago / Gerhard Leber)
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1 plus 1 ist gleich 2, 4 minus 1 ist gleich 3 - welche Rechenaufgaben sollten einfacher sein als diese? Trotzdem: Eine komplexe Leistung des Gehirns, erklärt Adrian Dyer von der RMIT University in Melbourne:

"So etwas zu lernen ist knifflig, denn auf der einen Seite ist das Langzeitgedächtnis daran beteiligt, weil wir uns an die Regeln erinnern müssen. Das heißt, das Plus-Symbol bedeutet, dass wir etwas addieren, das Minus-Symbol steht für subtrahieren. Und um die Aufgabe zu lösen, müssen wir dann auch noch die Zahlen erkennen und die richtige Operation durchführen. Es geht also um ein Zusammenspiel zwischen Arbeits- und Langzeitgedächtnis."

Bienen lösen einfache Rechenaufgaben

Nachdem Adrian Dyer und sein Team im vergangenen Jahr veröffentlicht haben, dass Honigbienen das Konzept der Zahl Null begreifen, sind die Wissenschaftler nun der Frage nachgegangen, ob die Gehirne von Honigbienen zu diesem komplexen Zusammenspiel fähig sind. Sprich: Ob sie rechnen können.
  
"Meine Doktorandin Scarlett Howard hat Honigbienen zunächst darauf trainiert, zu einer Futterstelle zu kommen. Dann brachte sie ihnen bei, in ein einfaches Labyrinth zu fliegen und zwischen zwei Optionen zu wählen. Scarlett präsentierte ihnen am Eingang des Labyrinths eine Zahl, zum Beispiel eine 2 in Form von zwei Kreisen. Waren die Symbole gelb, musste die Biene für die richtige Lösung - und damit für einen Tropfen Zuckerwasser - eine 1 abziehen und in den Arm des Labyrinths mit dem einen Kreis fliegen, war sie blau, eine 1 addieren und zu dem mit den drei Kreisen fliegen."

Damit die Bienen keine Verbindung zwischen den geometrischen Formen und der Rechenaufgabe herstellen konnten, wechselten die Formen ständig.

Erfolgsquote von 80 Prozent

"Um die Bienen zu trainieren und zu testen, brauchte Scarlett jeweils vier bis sieben Stunden. Jede der 14 Bienen hatte 100 Lernversuche, dann folgten die Tests. Alle 14 Bienen lernten, worum es ging. Sie alle erfüllten ihre Aufgabe mit einer durchschnittlichen Genauigkeit von etwa 80 Prozent. Für ein Tier ist so ein Problem ziemlich schwer zu lösen."

Noch vor 20 Jahren, fügt Adrian Dyer an, sei man davon ausgegangen, dass nur Menschen mathematische Operation durchführen könnten. Inzwischen sieht es jedoch so aus, als könnten auch Menschenaffen einfache Rechenaufgaben lösen, Elefanten, neugeborene Küken - und sogar Spinnen.

"Ich glaube nicht, dass Bienen eine angeborene Fähigkeit besitzen, mathematische Operation durchzuführen. Diese Fähigkeit ist erworben. Der letzte gemeinsame Vorfahr von Honigbiene und Menschen lebte vor mehr als 400 Millionen Jahren. Ich halte es für äußerst unwahrscheinlich, dass er schon ein 'mathematisches Gehirn' hatte. Ich glaube, dass die Evolution dazu mehrfach unabhängig voneinander abgelaufen ist. Doch die Erkenntnis ist für das Verständnis der menschlichen Kultur sehr interessant. Wenn ein Bienengehirn so etwas lernen kann, dann dürften auch die Gehirne unserer Vorfahren vor 40- oder 50.000 Jahren in der Lage gewesen sein, diese Fähigkeit bei Bedarf zu entwickeln."

Außerordentliche Aussagen - außerordentliche Beweise?

Allerdings sind nicht alle Wissenschaftler davon überzeugt, dass das Experiment mit den Honigbienen schlüssig ist. So urteilt Clint Perry von der Queen Mary University of London in einer Mail, dass die Bienen ähnliche Resultate erreichen könnten, wenn sie einfach das Bild wählten, das dem anderen am ähnlichsten sei - eine Fähigkeit von Honigbienen, die nachgewiesen sei. Dass sie einfache Rechenaufgaben lösen könnten, diese Aussage sei außerordentlich - und außerordentliche Aussagen verlangten auch außerordentliche Beweise. Um ihn zu überzeugen müssten noch weitere, aussagekräftigere Versuche durchgeführt werden.

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