Dienstag, 07. Dezember 2021

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Verhandlungen in der Ukraine"Notwendig, aber zu spät"

Die ukrainische Schriftstellerin Katja Petrowskaja wirft der Europäischen Union vor, in der Ukraine viel zu zögerlich zu agieren. Die Verhandlungen, die jetzt stattfinden, wären schon im Dezember nötig gewesen, sagte sie im DLF-Interview. Nun habe die Eskalation ihren Höhepunkt erreicht.

Katja Petrowskaja im Gespräch mit Thielko Grieß | 21.02.2014

Am Unabhängigkeitsplatz lehnt ein erschöpfter Mann an einem Baum.
Ein erschöpfter Regierungsgegner am Unabhängigkeitsplatz. (picture alliance / dpa / Pochuyev Mikhail)
Christoph Heinemann: Über die Lage in ihrem Heimatland hat mein Kollege Thielko Grieß mit der Schriftstellerin Katja Petrowskaja gesprochen und sie gefragt, was dieser schwarze Donnerstag für ihr Land bedeutet.
Katja Petrowskaja: Die medizinischen Punkte auf dem Maidan melden schon hundert Tote und die Mehrheit von diesen getöteten Menschen sind tatsächlich durch Scharfschützen ums Leben gekommen. Und die Mediziner sagen, dass die so getötet wurden, dass sie so beschossen wurden, dass den Medizinern sozusagen keine Chance gegeben wurde, die noch zu retten. Ich weiß nicht, was man noch dazu sagen kann. Die Eskalation hat ihren Höhepunkt erreicht. Alle diese Gespräche über Sanktionen und so weiter, das ist alles sehr interessant und wichtig, aber eigentlich sollte schon im Dezember verhandelt werden. In Europa haben viele Experten gesprochen darüber, die Leute auf dem Maidan haben ganz klar ihre Stimme erhoben und es wurde kaum was gemacht. Und viele Ukrainer fragen jetzt, wie viele Toten sollen es sein, um Europa zum Verstand zu bringen, dass tatsächlich etwas gemacht werden soll.
Thielko Grieß: Die Europäische Union ist Ihnen und handelt Ihnen zufolge also viel zu zögerlich?
Petrowskaja: Es ist eigentlich sehr, sehr nötig und notwendig und wichtig, was jetzt gemacht wird, aber das ist natürlich zu spät, weil diese Toten schon da sind.
Grieß: Wer hat denn ein Interesse an dieser Eskalation in den vergangenen 48 Stunden? Wer hat ein Interesse daran, dass in Kiews Zentrum Menschen sterben?
Petrowskaja: Ehrlich gesagt, das ist eines der größten Rätsel, weil man hat tatsächlich allmählich gesehen, dass die Regierung von Janukowitsch sich allmählich kriminalisiert hat. Man hat im Westen oft gesagt, ja, aber das ist wirklich die Regierung, die die Ukrainer selbst gewählt haben. Das ist tatsächlich so, aber Janukowitsch hat uns den europäischen Kurs auch versprochen und er hat dazu auch viel gemacht. Deswegen: Die ganze Demokratisierung, Janukowitsch, der russische Präsident und das ukrainische Volk möchten nach Europa, das ist alles Quatsch. Das bedeutet, Janukowitsch hat sich allmählich in diesen Monaten nach November kriminalisiert. Es wurden die Leute auf Maidan geschlagen und dann wurden Aktivisten geklaut und so weiter und dann gab es die ersten Toten. Was jetzt passiert, hat man das Gefühl, dieser Präsident hat einfach den Verstand verloren. Sonst kann man das nicht erklären. Nach Kiew werden Banden gebracht und man kann jetzt nicht sagen, ob die tatsächlich Waffen kriegen, aber sie agieren in verschiedenen Bezirken von Kiew. Dann wurde vorgestern für 24 Stunden die U-Bahn ausgeschaltet in einer Drei-Millionen-Stadt. Wer braucht das? Ich würde auch eine Antwort sehr gerne hören.
Grieß: Janukowitsch ist verbandelt mit den Superreichen, mit den Oligarchen, mit den Geschäftsleuten. Welche Interessen haben diese Menschen?
Petrowskaja: Die Oligarchen haben normalerweise Interesse an Geld. Wie sie dieses Geld kriegen, unter Umständen von postpolitischer Wirklichkeit, weiß mehr oder weniger jeder.
Grieß: Aber das Geld lässt sich ja auch schlechter verdienen, wenn das Land immer weiter Richtung Bürgerkrieg schliddert.
Petrowskaja: Genau, und das war eine der Ideen vieler Experten, die ein bisschen Ahnung von der Ukraine haben. Es wurde noch von einigen Experten im Dezember formuliert, dass dringend verhandelt werden soll auch mit Oligarchen. Und was Sanktionen angeht: Es wurde auch damals schon gesagt, dass man stark gegen die Regierung agieren soll und bis zum Einfrieren von Konten, weil sie auch einige Investitionen, die für andere Ziele in die Ukraine kamen, einfach aus dem Budget und anderen Quellen geklaut haben. Und das war auch, glaube ich, in Europa mehr oder weniger klar.
Heinemann: Die ukrainische Schriftstellerin Katja Petrowskaja. Die Fragen stellte mein Kollege Thielko Grieß.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.