Dienstag, 24.11.2020
 
StartseiteKultur heuteDas deutsche Theater feiert sich22.11.2020

Verleihung des "Faust"-PreisesDas deutsche Theater feiert sich

Als Theater-Oscar wird er bezeichnet, der "Faust"-Preis. Trotz Corona hat ihn der Deutsche Bühnenverein auch dieses Jahr in den üblichen acht Kategorien vergeben, wenn auch online. Die Verleihung spiegelte die Vielfalt und Bedeutung der deutschen Theaterlandschaft.

Von Michael Laages

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Das Logo mit dem Schriftzug "Der Faust Deutscher Theaterpreis" (Peter Endig / dpa-Zentralbild / dpa)
Der Theaterpreis "Der Faust", seit 2006 eine begehrte Auszeichnung für die Bühnenkunst (Peter Endig / dpa-Zentralbild / dpa)
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Mit dem letzten Preisträger-Wort hat der für sein Lebenswerk geehrte Choreograph William Forsythe die trübe Stimmung dieser Tage perfekt getroffen:

"Covid is a disaster. And I think that the "Faust"-Preis is really essential, because it reminds people, how important it is to have culture as an element of civilization-building."

Der "Faust"-Preis also als Erinnerung daran, wie wichtig Kultur ist, um Zivilisation zu erhalten. Der Film zur ausgefallenen Gala hatte sich zuvor etwas mehr als eine Stunde lang redlich Mühe gegeben, so wenig Tristesse wie möglich aufkommen zu lassen.

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Na gut, der Bremer Opernsänger Patrick Zielke freute sich vielleicht ein bisschen albern über den Preis als Darsteller im Musiktheater - aber sei’s drum. Bremen ist ja diesmal besonders üppig bedacht worden. Auch Antje Pfundtner erhielt den "Faust" für eine Produktion im MOKS, dem Kinder- und Jugendtheater am Bremer Haus.

Neue Namen, überfällige Ehrungen

Im übrigen hat die "Faust"-Jury einmal mehr die Breite und Vielfalt des Angebots im Theaterland Deutschland gestärkt und um heiße Favoriten eher ein Bogen gemacht. Neue Namen sind ins Spiel gekommen: etwa der von Ewelina Marcziniak, die am Hamburger Thalia Theater inszenierte. Oder der ihres Opern-Kollegen Martin G. Berger, der für eine Arbeit in Weimar geehrt wurde.

Endlich, endlich hat die seit den Zeiten an der Volksbühne jeden Preis werte Schauspielerin Astrid Meyerfeldt den "Faust" bekommen – und sich darüber sehr grundsätzlich gefreut:

"Ich freu mich, wenn wir uns bald auf der Bühne wiedersehen. Dann feiern wir. Und hoch lebe das Theater."

Als Choreograph wurde Bryan Arias ausgezeichnet, der für das Hessische Staatsballett gearbeitet hat, das in Darmstadt und Wiesbaden zu Hause ist. Und nach München ging der Preis für Tänzerinnen und Tänzer - in die freie Szene des Theaters "Schwere Reiter", wo Lucy Wilke und Pawel Dudus ein Duo-Projekt erarbeitet haben, das Grenzgänge zwischen der Queer-Szene und physischer Einschränkung im Tanz thematisiert. Lucy Wilke sagt:

"In dieser Arbeit teilen wir auch unsere Vision von Verletzlichkeit und einer tiefen Intimität. Das haben wir in den letzten Jahren zusammen kultiviert."

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Online-Gala mit Witz

Gleich zur Eröffnung erhielten Markus Selg und Rodrik Biersteker den Preis für die szenische und optische Ausstattung der jüngsten Produktion von Susanne Kennedy an der Berliner Volksbühne.

Und die Präsentation? Die Moderation dieser Gala war in vielen der 14 Ausgaben zuvor eher Glücks- oder Unglücks-Sache. Seyneb Saleh vom Schauspiel- und Michael Kupfer-Radecky vom Opern-Ensemble in Hannover hatten es diesmal ein bisschen leichter: Ihr Partner und Gegenüber war nicht der volle Saal, sondern "nur" die Kamera. Elegant und mit Witz haben sie Aufgabe gemeistert. Saleh allerdings genderte die Texte im modischen Stolper-Sprech der Zeit selbst in Fällen, wo in der Bewerber-Innen-Riege überhaupt kein Mann mehr vorkam.

Und ortsansässige Hannoveranerinnen und Hannoveraner stolperten womöglich gelegentlich auch über die Bild-Wahl des Film-Teams. Radelte Frau Saleh gerade noch durch die Altstadt, stand sie im nächsten Bild plötzlich weit draußen - im alten Gartentheater der barocken Gärten von Herrenhausen.

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Schönster dramaturgischer Einfall: Mangels Publikum wurden nach Preis-Begründung und Danksagung jeweils tobend jubelnde Ensembles allüberall im Lande aus ihren jeweiligen Häusern zugespielt: Da hat die Szene sich wirklich mal selber gefeiert. Gut so!

Auch gut: die Abschiedsworte von Ulrich Khuon, dem scheidenden Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins:

"Herr Khuon, kann eine Gesellschaft ohne Kunst leben?"

"Nein, kann sie nicht, weil es in der Natur des Menschen liegt, dass er über sich hinaus will."

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda dürfte ein starker Nachfolger werden. Mies besetzt hingegen waren Laura Berman und Sonja Anders, die Intendantinnen vor Ort, als Türöffner für das Grußwort von Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil.

Wirklich schön schließlich: Dass die Pechvogel-Stadt Hannover nach der virusbedingt verhagelten Quasi-Gala jetzt auch die nächste ausrichten darf. Hoffen wir das Beste!

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