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Vermeintliche Einheit Spaniens

Es sollte für lange Zeit die letzte demokratisch gewählte Regierung bleiben: Mit knappen 270 von 470 Sitzen wurde 1936 das Bündnis aus Sozialisten, Kommunisten und Liberalen zum Wahlsieger. Die ideologischen Differenzen konnte der Wahlerfolg jedoch nicht wettmachen.

Von Julia Macher |
    Als Ernst Busch 1937 in Barcelona diese Version des "Liedes von der Einheitsfront" aufnimmt, ist die spanische Einheitsfront bereits Geschichte. Im Land herrscht Bürgerkrieg. Wenige Monate zuvor bei den letzten Parlamentswahlen der Republik am 16. Februar 1936 hat noch eine nach französischem Vorbild geformte Koalition aus liberalen Republikanern, Sozialisten, Kommunisten und Linkskommunisten in einem knappen Wahlsieg 270 von 470 Sitzen im Parlament errungen.

    Vorausgegangen war eine von der Rechten wie von der Linken leidenschaftlich geführte Wahlkampagne. Selbst die Anarchisten, sonst strikte Befürworter eines Wahlboykotts, hatten zur Stimmabgabe für die "Frente Popular" aufgerufen. Soviel Einigkeit war selten in der sonst so zersplitterten spanischen Parteienlandschaft.

    Der Grund für diese Solidarität war in erster Linie die harte Hand des rechten Regierungsbündnisses CEDA. Der konservativ-katholische Ministerpräsident José María Gil Robles, ein Bewunderer des österreichischen Diktators Engelbert Dollfuß, hatte Proteste wie den Bergarbeiteraufstand in Asturien im Oktober 1934 niederschlagen lassen. 30.000 Menschen saßen in Haft.

    Der "Kampf gegen die Faschismusgefahr" war zum einigenden Motiv der Linken geworden. Im Laufe des Jahres 1935 hatten sich die Anführer der republikanischen, sozialistischen und kommunistischen Parteien zu Verhandlungen getroffen. Als wegen einer regierungsinternen Führungskrise vorzeitige Neuwahlen angesetzt wurden, sahen sie ihre Chance gekommen. Am 15. Januar 1936 verpflichteten sich die Unterzeichner der gemeinsamen Wahlliste zur Amnestie aller politischen Häftlinge und zur Weiterführung der Agrar- und Sozialreformen: Über das Wie dieser Reformen war man sich jedoch uneins, ideologische Differenzen übertünchte der Minimalkonsens nicht. Vor seinen Anhängern betonte der Anführer der sozialistischen Partei Francisco Largo Caballero, die Koalition sei allein "den Umständen geschuldet". José Diaz, Generaldirektor der kommunistischen Partei, erklärte:

    "Es gibt ein Minimalprogramm, das von der Regierung umgesetzt werden muss, und das die Grundbedingungen für eine spätere demokratisch-bürgerliche Revolution schafft. Aber wir erklären auch, dass wir uns mit diesem Minimalprogramm nicht zufriedengeben. Wir wollen eine demokratisch-bürgerliche Revolution und eine Republik nach sowjetischem Vorbild."

    Die Einheitsfront hatte ihre Opposition quasi mitgewählt: Die revolutionären Parteien übernahmen erwartungsgemäß keine Regierungsverantwortung. Der Historiker Joan Villarroya von der Universität Barcelona:

    "”Politische und persönliche Meinungsverschiedenheiten führten dazu, dass die erste Volksfrontregierung keine wirkliche Volksfrontregierung war: In der Regierung saßen weder Sozialisten, noch Kommunisten, sondern nur Republikaner. Später unter der Regierung Largo Caballero saßen dann teilweise Anarchisten in der Regierung, die gar nicht Teil des Wahlbündnisses waren. In Wirklichkeit gab es nie eine Volksfrontregierung, die die Wahlsieger vom Februar 1936 repräsentiert hätte.""

    Im Frühjahr 1936 verlor die bürgerliche Regierung zunehmend die Verbindung zu ihren revolutionären Koalitionspartnern. Jugendorganisationen trugen Straßenkämpfe miteinander aus, Streiks und politische Morde auf der rechten und linken Seite waren an der Tagesordnung, Monarchisten und Armee verschworen sich offen.

    "”Eines der großen Dramen der spanischen Geschichte ist, dass diese großen Rechts-Links-Blöcke mit all ihren inneren Streitigkeiten zur Radikalisierung neigten. In Verbindung mit der Tatsache, dass politische Konflikte außerparlamentarisch gelöst wurden, führte das dann zu dem bekannten Ergebnis.""

    Am 18. Juli 1936 putschten der auf die Kanarischen Inseln strafversetzte General Francisco Franco und seine Mitverschwörer. Der Bürgerkrieg begann. Die Idee von der alle Differenzen überwindenden Volksfront überlebt nur noch als Mythos in den Liedern der internationalen Brigaden, die auf der Seite der Republik kämpften: als vielbesungene, aber gescheiterte Idee.