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Vernunftbürger statt Wutbürger

Die Oper "Orlando" hat Georg Friedrich Händel auf dem Höhepunkt seiner musikalischen Karriere für ein schmales Ensemble von nur fünf Solisten geschrieben. René Jacobs und der Regisseur Pierre Audi haben "Orlando" in der Brüsseler Oper La Monnaie auf die Bühne gebracht.

Von Christoph Schmitz | 20.04.2012
    "Die Liebe ist ein Wind, der durchs Hirn wirbelt", singt Dorinda, die kluge und weise Hirtin. Sie hat in den letzten Stunden mit eigenen Augen gesehen, wie so ein verliebter Typ, der rasende Roland, vollkommen ausgerastet ist wegen eines Mädchens. Roland liebt die schöne Angelica zum verrückt werden. Sie aber liebt den Afrikaner Medoro, was Roland tatsächlich in den Wahnsinn treibt. Auf Vergnügen folgt Trauer, resümiert Dorinda im Rückblick, auf Glück Neid, auf verschmähte Liebe Wut. Das ist die Moral der ganzen Oper. Sie erzählt frei nach Ludovico Ariosts Epos "Orlando furioso", wozu blinde Leidenschaft führen kann. Die Oper plädiert für Augenmaß und Vernunft. Nicht "Empört euch!" ist die Devise, sondern "Denkt erst einmal nach!". Das ist Händels Rationalität: Vernunftbürger statt Wutbürger. Menschen und Gesellschaften, die darauf verzichten, schlittern in die Hysterie und machen den Veitstanz. Die irrwitzigen Intervallsprünge in Dorindas Arie zeigen diesen Tanz als Allegorie. Die koreanische Sopranistin Sunhae Im singt's mit artistischem Können, sicher, leicht, voller Energie.

    So spektakulär Händel hier musikalisch einmal aufdreht und auch hier und da barocken Theaterdonner aus dem Graben zaubern lässt, so folgt er doch stilistisch ganz und gar seiner philosophischen Botschaft von Verstand und Maß. Der "Orlando" ist eher ein Kammerstück, ein langsamer, bedächtiger, fast spröder Diskurs. Alle Figuren halten permanent inne, reflektieren und spüren ihren Gedanken und Empfindungen nach. Daraus Spannung und atmosphärische Dichte zu erzeugen, ist musikalisch und szenisch eine echte Herausforderung. In Brüssel glückt beides, wie so oft! Pierre Audi, der aus Beirut stammte Operndirektor von Amsterdam, er hat Szene und Bühne ganz und gar treu aus den Motiven und dem Geist der Komposition entwickelt. Und er hat die zahlreichen Schichten von Anfang an sichtbar auf der Bühne miteinander verwoben. Orlando, der eigentlich erst gegen Ende des Stücks Dorindas Haus abfackelt, ist bei Audi von Anfang an einer, der zündelt. Flammen lodern gleich zu beginn, ein verkohltes Holzhausgerippe nimmt den Bühnenraum ein. Eigentlich gehört Audis Orlando zur Feuerwehr, aber statt Brände zu löschen und seinen Pflichten nachzukommen, steift er seine Feuerschutzbekleidung ab und wird zum Brandstifter. Kein Countertenor singt und spielt derzeit die Bekloppten, Irren, aber auch nicht die Trauernden und Zweifelnden, mit solcher Intensität wie der Neffe des Dirigenten Zubin Mehta, Bejun Mehta.

    "Getrieben von der Suche nach Ruhm und erregt durch die Liebe, mein armes Herz, was wirst du tun?"

    Mit Bejun Mehta verfügt Regisseur Pierre Audi nicht nur über einen wunderbaren Orlando. Audi führt ihn, wie auch alle anderen Sänger, mit Gespür für Stimmungen und Bewegungsdramaturgie durch die langen Arien und ihre Wiederholungen. Szenen lässt er verlangsamen, wie in Zeitlupe, einfrieren, beschleunigen. René Jacobs als Dirigent sorgt erwartungsgemäß für eine musikantische, farbreiche und dynamisch höchst differenzierte Interpretation. Zum ersten Mal trat er mit dem erst vor sechs Jahren gegründeten belgischen Barockorchester "B'Rock" auf. Seine Feuerprobe hat der junge Klangkörper in der La Monnaie mit Bravour bestanden. Selten finden Orchester, Sänger und Szene so zusammen, dass alles zu gelingen scheint. Selten kann man sich im Publikum entspannt und aufmerksam zugleich zurücklehnen, weil alles gut läuft und die Zeit sich auflöst, dass man am Ende überrascht ist, wie schnell dreieinhalb Stunden Oper vorbei gegangen sind. In Brüssel auch dank Sophie Karthäuser als Angelica, Konstantin Wolff als Zoroastro und Kristina Hammerström als melancholischer Medoro.

    "Grüne Bäume, bewahrt auf immer unsere vereinigten Namen, wie unsere Herzen vereint sein werden."