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Verraten und verkauft

Auf der Suche nach gut bezahlter Arbeit zieht es junge Nepalesen ins Ausland. Die meisten der bislang drei Millionen nepalesischen Gastarbeiter gehen in die reichen Golfstaaten wie Katar. Dort angekommen haben sie Schulden und müssen für Hungerlöhne Knochenarbeit leisten.

Von Sandra Petersmann | 12.10.2013

Die Hymne Nepals preist ein wunderschönes Land an. Ein Land wie eine Girlande aus vielen Hundert Blumen. Ein Land des Wissens und der Bodenschätze, mit einer fortschrittlichen Nation. Doch die Jugend verlässt Nepal. Auf der Suche nach einer Perspektive. Nach einer gut bezahlten Arbeit. Die meisten zieht es in die Golf-Staaten, aber auch nach Malaysia, Indien und Afghanistan. Rund 1500 Nepalesen verlassen jeden Tag ihre Heimat. Der 21-Jährige Komal will nach Katar.

"Meine Familie ist arm, wir leben als Bauern in einem kleinen Dorf. Deshalb will ich ins Ausland. Um das Visum und die Reise bezahlen zu können, habe ich mir Geld geliehen. Ich habe durch einen Arbeitsvermittler von Katar gehört. Ich habe ihm gesagt, dass ich einen guten Job und gutes Geld verdienen möchte. Ich habe dem Vermittler 700 Dollar bezahlt. Ich weiß noch nicht, wann ich abfliege. Es sind noch nicht alle Papiere fertig."

Das geliehene Geld muss er in einem Jahr zurückzahlen. Mit hohen Zinsen. Statt 700 Dollar werden dann 950 Dollar fällig. Doch Komal klammert sich wie viele andere an die Hoffnung, dass alles klappt.

"Ich weiß eigentlich gar nichts über Katar, außer, dass es ein reiches Land ist. Ich hoffe einfach, dass ich da mehr Geld verdienen kann als hier. Ich weiß nicht, wo und für wen ich arbeiten werde. Ich weiß auch nicht, wie viel Stunden am Tag ich arbeiten werde."

Komal hat die Schule besucht, er kann lesen und schreiben. Aber einen Beruf hat er nicht erlernt. Der Arbeitsvermittler hat ihm trotzdem große Versprechungen gemacht. Gutes Gehalt, gutes Essen, eine gute Unterbringung.

"Ich kenne mich ein bisschen mit Elektrik aus - mit den Kabeln in unserem Dorf. Ich habe mich bei der Arbeitsagentur als Elektriker beworben. Aber ich weiß nicht, ob das klappt. Der Vermittler hat mir gesagt, dass ich bis zu 300 Dollar verdiene, wenn ich acht Stunden am Tag arbeite. Essen und Unterbringung sind frei, hat er gesagt. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Ich habe von anderen gehört, dass es nur 250 Dollar sind. Ich hoffe einfach darauf, dass der Vermittler mich nicht betrügt. Er lebt in meinem Distrikt."

Komal hat sein Dorf noch nie verlassen. In Katar will er für zwei Jahre bleiben. Der 21-Jährige hat über die Medien mitbekommen, dass andere Nepalesen dort wie Sklaven leben müssen. Dass sich Dutzende in der Hitze zu Tode arbeiten.

"Ja, davon hab e ich gehört. Aber ich hoffe, dass mir das nicht passiert. Ich weiß, dass es in Katar sehr heiß und anstrengend ist. Aber was soll ich machen? Ich habe nichts gelernt, in meinem Dorf gibt es keine Arbeit, ein Leben in der Stadt ist viel zu teuer. Als ungelernter Arbeiter musst du jede Chance nutzen, die du kriegen kannst."

Schon bald wird Komal zu den über drei Millionen Nepalesen gehören, die ihr Glück als Gastarbeiter im Ausland suchen. Die Arbeitsagenturen im bettelarmen Himalajastaat nutzen ihre Perspektivlosigkeit, mangelnde Bildung und große Arbeitsbereitschaft aus. Es gibt etwa 700 Vermittlungsagenturen in Nepal. Sie arbeiten mit einer großen Gewinnspanne. Im Durchschnitt kassieren sie eine Gebühr von rund 1200 Dollar. Viele locken ihre Kunden mit falschen Versprechen, bestätigt Mahendra Pandey. Seine Organisation hilft in Not geratenen nepalesischen Gastarbeitern in Katar.

"Die Nepalesen werden in Katar vor allem auf Baustellen eingesetzt. Sie sind für die dreckige, anstrengende und gefährliche Arbeit zuständig. Es gibt ein definitiv ein Todesrisiko."

Das Todesrisiko lässt sich auch in Zahlen ausdrücken.

"Es kommen jeden Tag etwa drei Särge nach Nepal zurück. Die meisten Todesfälle sind auf Arbeitsunfälle oder Verkehrsunfälle zurückzuführen, aber auch auf Selbstmorde und Herzinfarkte."

Viele Nepalesen sitzen in der Falle – nicht nur auf den Baustellen für die Fußball-WM. Ihre Verträge sind kaum das Papier wert, auf dem sie geschrieben stehen. Diese Erfahrung hat auch der 25-jährige Arjun gemacht, der vor drei Monaten aus Katar zurückgekehrt ist.

"Vor allem am Anfang war es schlimm. Wir hatten nichts zu essen, weil wir kein Geld bekommen haben. Drei Monat lang haben sie uns gar nichts gezahlt. Wir mussten uns Geld bei anderen Nepalesen leihen. Unser Leben dort ist schrecklich, auch die Unterbringung ist nicht gut."

Arjun sollte in Katar als Fahrer arbeiten, so stand es in seinem Vertrag. Aber er bekam keine Fahrerlaubnis. So wurde aus ihm ein billiger, rechtloser Handlager.

"Als wir in Katar gelandet sind, hat man uns unsere Pässe weggenommen. Dann hat uns die Firma gesagt, dass wir ein Papier unterzeichnen müssen. Darin stand, dass wir viel weniger verdienen werden, als man uns in Nepal versprochen hatte. Wir wollten das nicht unterschreiben, aber sie haben uns dann versprochen, dass sie unser Gehalt nach und nach erhöhen würden. Also haben wir doch unterschrieben, aber dann ist nichts passiert."

Arjun wurde von seinem Arbeitgeber hingehalten. Immer wieder hingehalten. Schließlich gab es Vermittlungsgespräche - erst über die nepalesische Botschaft und dann über das Arbeitsministerium in Katar. Das Ergebnis war die vorzeitige Rückreise nach Nepal mit zerbrochenen Träumen und Schulden.

"Ich gehe nicht mehr nach Katar zurück. Ich bin ins Unglück gelaufen. Die Vermittlungsagenturen in Nepal sind Betrüger. Wir werden von unseren eigenen Landsleuten belogen und betrogen. Die machen das große Geld, nicht wir."
Der 25-Jährige hatte noch Glück im Unglück. Andere laufen ihren Arbeitgebern aus Verzweiflung weg, verstecken sich und rutschen ohne Papiere in die Illegalität ab. Nach Recherchen der Hilfsorganisation von Mahendra Pandey sitzen derzeit mehrere 10.000 Nepalesen in den Golf-Staaten im Gefängnis.

"Es gibt Schutz durch die arbeitsrechtlichen Bestimmungen in Katar. Aber unsere Arbeiter haben ohne Hilfe keinen Zugang zu den Regierungsstellen. Und die meisten Gastarbeiter aus Nepal sind ungelernt und wissen nichts über ihre Rechte. Ich denke, unsere eigene Regierung hier in Nepal sollte für die nötige Aufklärung sorgen. Es müsste ein technisches und rechtliches Training für unsere Gastarbeiter geben, die Vermittlungsagenturen müssten viel stärker kontrolliert werden. Auch unsere Botschaften vor Ort müssten sich mehr um die Arbeiter kümmern. Sie müssten die Arbeitgeber und Baustellen überprüfen, um für mehr Sicherheit und Schutz zu sorgen."

Nepal steckt in einer tiefen politischen und wirtschaftlichen Krise. Auch die Wunden des Bürgerkriegs sind noch lange nicht verheilt. Das Schicksal der Gastarbeiter hat keine Priorität. Dabei sind sie längst ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Nepal. Durch das Geld, das die Migranten zu ihren Familien nach Hause schicken, erwirtschaften sie ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts.