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Verschickte Kunst

Die Kunst in Briefform ist vielfältig. Joseph Beuys war einer der ersten, der 1968 Kunst in Postkartenform schuf. Andere schickten Collagen durch die Welt, an dem möglichst viele mitarbeiten sollten. Und auch heute noch können Künstler mit Mail Art provozieren und überraschen.

Von Oliver Kranz | 28.08.2013

    "Schreib mal wieder" fordert eine Leuchtreklame im ersten Ausstellungsraum. Das klingt wie eine Botschaft aus längst vergangenen Tagen. Heute wird gemailt, gesimst oder gepostet –trotzdem gibt es viele Künstler, die in der klassischen Papierpost ihr Medium sehen.

    "Ich glaube gerade, die Menschen haben ein Bedürfnis auch etwas in der Hand zu halten in materialisierter Form – sei es als Papier oder sei es in Form der Holzpostkarte. Es gibt noch eine Filzpostkarte, eine Folienpostkarte, eine magnetische Postkarte aus Eisen."

    Akademiepräsident Klaus Staeck ist als Plakat- und Postkartenkünstler berühmt geworden. Er hat vor fast 50 Jahren den Produzentenverlag Edition Staeck gegründet, der nicht nur seine eigenen Werke herausgab, sondern auch Entwürfe von Joseph Beuys, Dieter Roth, Wolf Vostell und vielen anderen. Einige sind nun in der Ausstellung zu sehen.

    "Sie müssen sich vorstellen, die Erweiterung des Kunstbegriffs seit Duchamp, die greift eigentlich erst in den 60er-Jahren – mit Fluxus, … mit der Idee der sozialen Plastik, mit der Demokratisierung und der Einstellung zum Kunstmarkt."

    … sagt Rosa von der Schulenburg, die Kuratorin der Ausstellung. Postkarten waren für Fluxuskünstler nicht zuletzt deshalb ein gutes Medium, weil sie preiswert in hohen Stückzahlen produziert werden konnten und daher für den kommerziellen Kunstmarkt nicht attraktiv waren.

    "Ganz am Anfang steht Beuys. 1968 zur Documenta wurde er von Klaus Staeck gefragt, ob er nicht mal andere Ansichtskarten für die Touristen entwickeln könnte. Beuys war Feuer und Flamme und hat Dutzende von alternativen Postkarten geschaffen."

    Der Begriff Mail Art steht allerdings für etwas anderes.

    "Der Vater der Mail Art, dieser ganz besonderen Art des Sendens von Kunst per Post, ist Ray Johnson. Er war der Erste, der unaufgefordert anderen Menschen oder Künstlern oder einfach Bekannten künstlerische Briefe schickte, mit der Bitte, sie weiter zu gestalten und weiter zuschicken."

    Johnson verschickte Zeichnungen und Collagen aus Zeitungsausschnitten, die Raum für die weitere Gestaltung ließen, andere Künstler eher fertige Werke. Einigen ging es darum, Kunst jenseits der etablierten Museen zu präsentieren, andere wollten eher politische Botschaften vermitteln. Vor allem in der DDR spielte die Mail Art eine große Rolle. Mit teils rätselhaften Fotocollagen reagierten ostdeutsche Künstler auf die Umweltzerstörung in ihrem Land, auf militärische Hochrüstung und Mangel an Demokratie. Rolf Staeck, der Bruder des heutigen Akademiepräsidenten, der im Gegensatz zu Klaus Staeck in der DDR lebte, ist ein wichtiger Vertreter dieser Szene. Nach dem Verbot der Gewerkschaft Solidarnosc in Polen verschickte er eine Postkarte mit einem geschlachteten Pferd und der Aufschrift: "Losung 81: Damit wir uns besser verstehen". In der Ausstellung ist nicht nur die Karte zu sehen, sondern auch ein Auszug aus Rolf Staecks Stasi-Akte. Rosa von der Schulenburg liest vor:

    ""Es ist nicht auszuschließen, dass das abgeschlachtete Pferd symbolhaft für das Volk einzusetzen ist, das für eine absolute Diktatur mundtot gemacht werden soll." Es ging um die Solidarnosc damals in Polen. Also da waren sie schon auf dem richtigen Weg, das zu erkennen."

    Mail Art ist eine subversive Kunstform, die auch heute noch sehr lebendig ist. Als die Akademie der Künste in einem Rundbrief dazu aufrief, für die Ausstellung kostenfrei Werke zur Verfügung zu stellen, erhielt sie Rücksendungen von 320 Künstlern aus 38 Ländern.