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StartseiteFirmenporträtVerschlafene Chancen08.03.2013

Verschlafene Chancen

Der Modellbauer Graupner kämpft ums Überleben

Graupner - das war neben Märklin lange eine feste Größe im Modellbau. In den besten Zeiten betrug der Umsatz der Firma aus Baden-Württemberg 40 Millionen Euro. Der globale Wettbewerb wurde Graupner jedoch zum Verhängnis - Ende Februar meldete der Betrieb Insolvenz an.

Von Michael Brandt

Das Flugzeugmodell "Starlet" des Modellbauherstellers Graupner (Graupner)
Das Flugzeugmodell "Starlet" des Modellbauherstellers Graupner (Graupner)
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Graupner

Als vor einer guten Woche bekannt wurde, dass die Firma Graupner in Kirchheim unter Teck Insolvenz anmeldet, war das für viele ein Schock. Erstens für die 40000-Einwohner-Stadt, wie der Kirchheimer Landtagsabgeordnete Karl Zimmermann berichtet:

"Kirchheim verbindet man mit Graupner. Graupner ist Kirchheim. Kirchheim ist Graupner. Und da bricht jetzt ein großes Stück von ab."

Zimmermann hat wie viele Kirchheimer als Jugendlicher selbst "beim Graupner" gearbeitet, und wie viele Jugendliche aus dem Ort war er begeisterter Modellbauer und Modellflieger. Aber nicht nur für die Kirchheimer war die Nachricht von der Insolvenz eine böse Überraschung, sondern für Modellbauer in ganz Deutschland, ja Europa:

"Der Name Graupner, den gibt’s jetzt seit 83 Jahren im Modellbau. Das wäre jetzt ein Riesenverlust für die Branche, wenn die Firma jetzt weg wäre,"

sagt Graupner- Betriebsratschef Mario Hesse, wie viele der Graupner-Mitarbeiter selbst ein begeisterter Anhänger des Hobbys.

Er steht im Auslieferungslager der Firma. 12.000 verschiedene Artikel werden hier gelagert und warten auf Auslieferung. Im Augenblick allerdings passiert nicht viel, denn die Mitarbeiter fehlen.

Graupner mit, in besten Zeiten, 40 Millionen Umsatz ist für die Welt des Modellbaus so etwas wie Märklin aus dem benachbarten Göppingen für die Welt der Modelleisenbahn. Und teilweise sind es auch ähnliche Probleme, die die Firmen ins Schlingern gebracht haben. Eines benennt der bisherige Geschäftsführer und Enkel des Firmengründers, Stefan Graupner:

"Es ist der globale Wettbewerb, der hier unserem Unternehmen sehr zu schaffen gemacht hat, speziell die Importe aus China, die hier unsere Preise massiv unterwandert haben."

Hinzu kam, dass sich ein erheblicher Teil des Marktes auf Onlineplattformen teilweise auch direkt in China verlagert hat, sodass der Hersteller, der immer nur über den Fachhandel vertrieben hat, plötzlich mit einem strukturellen Nachteil zu kämpfen hatte.

Hinzu kam aber noch ein weiterer wichtiger Grund. Graupner hatte immer einen großen Teil des Umsatzes mit dem Verkauf von Fernsteueranlagen - für Flugzeuge, Autos oder Schiffe - gemacht und war in diesem Bereich über Jahrzehnte Technologieführer.

Ab dem Jahr 2007 setzte in diese Bereich allerdings ein Technologiewandel ein, den Graupner, wie Insolvenzverwalter Wolfgang Bilgery feststellt, schlicht verschlafen hat:

"Diese Umstellung hat Graupner nicht in der gebotenen Zeit nachvollziehen können. Es gab Lieferprobleme, die zu dramatischen Umsatzverlusten und Marktanteilsverlusten geführt haben."

Genauer gesagt: von 40 auf 29 Millionen innerhalb von zwei Jahren. Umgestellt wurde von analoger Sendetechnik im Kurzwellenbereich auf digitale Technologie nach dem Vorbild der WLAN-Übertragung bei Computern. Die Firma, die damals noch vom betagten Seniorchef Hans Graupner geführt wurde, erkannte den Technologiewandel zu spät, setzte dann noch auf ein mängelbehaftetes System eines chinesischen Technologiepartners. Das Ergebnis war, dass sich auch über Jahrzehnte treue Kunden abwandten und der genannte Umsatzrückgang.

Hintergrund ist, dass insbesondere Modellflugzeuge mittlerweile nicht nur Hunderte, sondern oft Tausende Euro kosten, und ein einziger Fehler an der Steuerhardware zum Totalverlust führen kann. Schon 2011 versuchte Graupner einen Befreiungsschlag aus der wirtschaftlich immer schwierigen Situation durch einen Personalabbau von rund 40 auf 120 Arbeitsplätze.

Zwar gelang es dann, nach der Betriebsübergabe an Stefan Graupner, die technischen Probleme in Zusammenarbeit mit einem neuen koreanischen Partner zu lösen, was aber blieb, war ein grundsätzliches Problem. Stefan Graupner:

"Die Firma kommt von der Produktionsseite her. Nach wie vor halten wir hier in Kirchheim eine kleine Fertigung vor. Aber die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass es immer schwieriger wird, hier eine eigene Fertigung vorzuhalten."

Und so kam es Mitte Februar zur vorläufigen Insolvenz. Das notwendige Gesundschrumpfen der Firma war nur unter den Bedingungen des Insolvenzrechtes möglich, sagt Insolvenzverwalter Bilgery, und Gesundschrumpfen bedeutete in diesem Fall den Abbau von weiteren 72 auf nun verbleibende 38 Arbeitsplätze. Betriebsratschef Hesse:

"Für die ist eine Welt zusammengebrochen. Es sind viele Leute dabei, die seit 40 Jahren hier waren, da ist natürlich die persönliche Bindung zur Firma zerbrochen. Es hat sehr viele harte Schicksale gegeben."

Aber auch das Gesundschrumpfen war nur mit einem Investor möglich, der glücklicherweise schnell gefunden war. Der neue koreanische Technologiepartner beim Bau von Fernsteuerungen, die Firma SJ Inc., zeigte Interesse an Graupner als Fenster zum europäischen Markt.

Allerdings stellten die Koreaner eine Bedingung für die Übernahme: Die gekündigten Arbeitnehmer sollten – wie bei Schlecker zunächst ebenfalls angedacht - von einer Transfergesellschaft aufgenommen werden, um die wirtschaftlich ohnehin schon schwierige Situation nicht durch Klagerisiken der Entlassenen zu erschweren.

Es wurde eine Frist gesetzt, um bei der Transfergesellschaft zu unterschreiben, allerdings gab es Probleme. Sieben Arbeitnehmer verweigerten ihr Einverständnis zunächst, und erst vier Tage nach Fristablauf und nach hitzigen Gesprächen mit Insolvenzverwalter und Betriebsrat unterschrieben alle.

Anfang dieser Woche war dann der Weg frei zur Unterzeichnung des Übernahmevertrages. Es war, wie Betriebsrat Hesse sagt, knapp, denn wenn es nicht geklappt hätte, wäre die Firma wohl zerschlagen worden: "Ja, die Gefahr bestand!"

Nun also soll es weiter gehen, mit einem deutlich schlankeren Standort in Deutschland. Entwicklung und Service sollen in alter Stärke in Kirchheim bleiben, der Produktionsstandort in Kirchheim soll zumindest teilweise verkauft werden und die Firma soll zu einem reinen Handelsunternehmen werden. Mit dem früheren Entwicklungschef Ralf Helbling als neuem Geschäftsführer:

"Wir wollen natürlich so viel wie geht weiterführen. Natürlich ist eine Produktion in Deutschland nicht mehr möglich, das ist viel zu teuer. Hier wird eben viel mehr in China gefertigt werden."

Der Name Graupner bleibt also erhalten, aber de facto ist wird es ein koreanisches Unternehmen mit deutschem Namen sein.

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