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Verschleiern gehört zum Handwerk

Fünf Leichtathleten wurden bei den letzten jamaikanischen Leichtathletikmeisterschaften des Dopings überführt. Die Nachricht alarmierte die Premierministerin, die in einer Rede vor dem Parlament erstmals Details über die Arbeit der Kontrolleure offenlegte. Doch die Zahlen wecken Zweifel an den Methoden, mit denen auf der Karibikinsel gegen Sportbetrug vorgegangen wird. Und die Erklärungsversuche sowieso.

Von Jürgen Kalwa | 20.07.2013

    Jedes Jahr legen Anti-Dopingagenturen überall auf der Welt Statistiken vor, die fein säuberlich dokumentieren, wie viel an Aufwand betrieben wurde. Auf Jamaika sind solche Offenbarungen nicht üblich. Die Arbeit der Kontrolleure von JADCO, der jamaikanischen Anti-Doping-Kommission, wurde seit Jahren bewusst von ihrem Hauptverantwortlichen unter dem Deckel gehalten.

    Am Montag erfuhr die Welt, warum. Verschleiern gehört zum Handwerk. "Ich will nicht, dass unsere Sportler wissen, ob es 400 oder 500 oder wieviele auch immer sind”, sagte Dr. Herb Elliot der englischen Zeitung The Guardian auf die Frage, wieviele Tests seine Organisation 2013 durchgeführt habe. Die Zahlen klangen nach viel, aber waren total überzogen.

    Wie überzogen, das erfuhr die Öffentlichkeit am Dienstag. Da hielt die Regierungschefin des Inselstaates im Parlament in Kingston eine Rede, die nur ein einziges Thema hatte: der neuerliche Dopingskandal in der jamaikanischen Leichtathletik. Ein Novum: Nicht nur nannte die Premierministerin Portia Simpson Miller erstmals die wahren statistischen Daten. Sie stellte mit ihrem Sinn für Transparenz den obersten Dopingbekämpfer des Landes bloß.

    ""Since May 2009, the Jamaica Anti-Doping Commission (JADCO) has conducted a total of Eight Hundred and Sixty (860) tests. Five Hundred and Four (504) of these tests were conducted in Competition while the remaining Three Hundred and Fifty Six tests were conducted Out-of-Competition. For us Jamaica is more than a brand, is more than a name, is the pride of the people.”"

    860 Tests in vier Jahren. Und davon nicht mal die Hälfte, ganze 356, im Rahmen von unangemeldeten Trainingskontrollen. Die Rede war gezeichnet von der Sorge der politischen Führung vor einem nachhaltigen Imageschaden. Sport ist Chefsache in Jamaika. Und sicher auch der Grund, weshalb erst vor kurzem die Aufstockung des JADCO-Budgets auf 16 Millionen Dollar beschlossen worden war.

    Den Erfolg oder Misserfolg jamaikanischer Athleten einem Mann wie Dr. Elliott zu überlassen, ist allerdings nicht ungefährlich. So sprach der gegenüber dem Guardian am Montag davon, dass JADCO die Athleten angewiesen habe, nur Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen, die von der amerikanischen Lebens- und Arzneimittelbehörde in den USA zugelassen worden sind. Auch das ein Verschleierungsmanöver angesichts der Realität.

    Tatsächlich herrscht in den Vereinigten Staaten ein extrem laxes Regime für diese Produktkategorie. Eine Anmelde- oder ein Kontrollverfahren gibt es ausdrücklich und von Gesetz wegen nicht. Wer Substanzen kauft und einnimmt, die unzulässigerweise verschreibungspflichtige Mittel enthalten und davon krank oder als Doper erwischt wird, der muss schon selbst aktiv werden: Er muss den Hersteller verklagen. So wie das in einem Zivilgerichtsverfahren in Kalifornien gerade geschieht. Dort wurde eine Firma vor Gericht gestellt, die einem Produkt Oxilofrin beigemischt hatte. Also jenes Amphetamin, mit dem die beiden Sprinter Asafa Powell und Sherone Simpson aufgefallen waren.

    Doch ob Nahrungsergänzungsmittel wirklich das einzige sind, was Athleten in Jamaika zur Leistungssteigerung zu sich nehmen, darf man bezweifeln. So lässt sich aus dem von der Regierungschefin bekanntgemachten Datenmaterial ablesen, dass Elliotts Arbeit eine kuriose Tendenz aufweist. Die Zahl der unangemeldeten Trainingskontrollen ist auffallend niedrig. Ganz im Unterschied zur USADA in den Vereinigten Staaten oder der NADA in Deutschland. Die Verantwortung dafür hat Elliott, der neulich nach Bekanntwerden der positiven Dopingprobe von 200-Meter-Olympiaasiegerin Veronica Campbell-Brown einen eigenwilligen Satz zu Protokoll gab. "Es gibt andere, die ich unter Verdacht hatte, aber nicht sie." Bloß gegen die üblichen Verdächtigen – gegen die geht er ganz offensichtlich außerhalb von Wettkampftests nicht vor.

    Kein Wunder, dass die einflussreiche Zeitung Jamaica Gleaner am Donnerstag in einem Kommentar eine "nüchterne, aber rigorose und wahrhaftige Bestandsaufnahme” forderte, um Fehler im System zu finden und sie zu beseitigen. Ihr Sportreporter Melton Williams, der seit Tagen ständig über die Entwicklungen berichtet:

    ""Fünf Athleten - die Zahl ist alarmierend. Das hat der Nation einen Schock versetzt. Das hat die Premierministerin unter Druck gesetzt, sich offiziell zu äußern.”"

    Konsequenzen zeichnen sich jedoch – noch – nicht ab. Dabei war die Besetzung des Postens des Chef-Dopingjäger von Anfang an fragwürdig. Elliott hatte 2008 – damals als Teamarzt der Olympia-Mannschaft – die überraschenden Erfolge seiner Landsleute auf diese Weise erklärte: Mit Doping habe das nichts zu tun. Das sei eine Folge einer harten genetischen Auslese der Jamaikaner. Die Inselbewohner seien als Nachfahren von afrikanischen Sklaven im Überlebenskampf besonders gestärkt.