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StartseiteKultur heuteZüchtige Kleidung "ist immer mehr in der Mode angekommen"25.08.2016

Verschleierungs-DebatteZüchtige Kleidung "ist immer mehr in der Mode angekommen"

Im Westen sei es meistens so, dass die Frauen selbst entscheiden, Schleier oder Burkini zu tragen, sagte Elisabeth Hackspiel-Mikosch, Professorin für Modetheorie, im DLF. Sie bemerkt, dass züchtige Kleidung auch in der Mode angekommen ist: Einige Elemente wie der Abaya-Mantel würden inzwischen auch von bekannten Marken oder Designern aufgegriffen.

Elisabeth Hackspiel-Mikosch im Gespräch mit Antje Allroggen

Arabische Muslima mit Burkas spazieren in der Innenstadt von München. (imago / Ralph Peters)
Verschleierte Muslima spazieren in der Innenstadt von München. (imago / Ralph Peters)
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Antje Allroggen: Was wäre wohl passiert, wenn der französische Schriftsteller seinen Zug zurück nach Paris genommen hätte und von dort aus noch nach Cannes an den Strand gefahren wäre? Er wäre Zeuge einer ziemlich sonderbaren Begegnung geworden. Erst gestern wiesen gleich mehrere Polizisten eine Frau am Strand in unmittelbarer Nähe zur Promenade des Anglais dazu an, sich zu entblößen - na ja: nicht ganz. Sie war mit einer Leggins und einer Tunika bekleidet und trug eine Kopfbedeckung. Irrtümlicherweise interpretierten die Wachmänner die Kleidung als einen Burkini, der seit diesem Sommer zumindest in einigen Gemeinden Frankreichs verboten ist. Das ist ein Bikini, der fast alles bedeckt und zugleich wasserabweisend ist.

"Es geht nicht darum, das Tragen religiöser Symbole am Strand zu verbieten, sondern um ostentative Kleidung", heißt es zur Begründung des Verbots. Ostentative Kleidung kann ganz unterschiedliche Textilien treffen: einmal die sogenannte modest fashion – darunter versteht man in der arabischen Welt züchtige Kleidung -, aber auch die freizügige Kleidung des Westens. Beide können, in bestimmten Kontexten, als anstößig empfunden werden und sind dazu da, sich abzugrenzen. Gegen diese Art der Distanzierung ist doch erst einmal nichts einzuwenden, habe ich Elisabeth Hackspiel-Mikosch gefragt, Professorin für Modetheorie an der Akademie Mode und Design der Hochschule Fresenius in Düsseldorf.

Elisabeth Hackspiel-Mikosch: Ob man jetzt den Burkini als eine Form der Abgrenzung ansehen sollte, da muss ich ehrlich sagen, da habe ich Bedenken mit. Denn so wird es im Moment auch gesehen in Deutschland und in Frankreich. Für die einen ist es eine Provokation und das ist ja auch die Diskussion um die Burka, und ich finde, das ist vordergründig und das ist eigentlich populistisch. Es geht hier meiner Meinung nach eher um eine Abgrenzung einer ganzen Bevölkerungsgruppe auf dem Rücken der Frauen, die nach außen tragen wollen ihren islamischen Glauben, und das sehe ich als sehr gefährlich und das finde ich auch sehr bedenklich, muss ich ehrlich zugeben. Andere Länder gehen ganz anders mit dem Thema um. Der Burkini, um den es ja in Frankreich geht, ist erfunden worden von einer libanesischen Einwanderin in Australien und die Surf Lifesaving Agency of Australia ist auf sie zugekommen (das sind diese berühmten Lebensretter an den Stränden von Australien) und haben eine libanesische Designerin gebeten, doch einen Burkini zu entwickeln.

"Genau der gegenteilige Ansatz als das, was wir jetzt in Europa sehen"

Allroggen: Damit diese Frauen - Entschuldigung! - einfach auch eine Möglichkeit hatten, an den Schwimmeinheiten teilzunehmen. Also war es eine Möglichkeit der Teilhabe.

Hackspiel-Mikosch: Genau! Und das ist genau das Ziel, was dahinter steckt, denn sonst sind diese jungen Frauen ausgegrenzt, auch in der Schule vom Sport, oder dass sie nicht an den Strand gehen können. Und bei den Lifesavern, das sind ja in Australien Ikonen oder Helden. Das heißt, wenn die Lifesaver - das sind ja junge kräftige Menschen - auch im Burkini auftreten, hat das natürlich eine ganz andere Botschaft.

In Australien war das tatsächlich eine Maßnahme, um Konflikte zwischen verschiedengläubigen Menschen zu lindern. Es war wirklich genau der gegenteilige Ansatz als das, was wir jetzt in Europa sehen, was von der CDU angestoßen diskutiert wird.

Allroggen: Inzwischen gibt es ja auch Varianten des Burkinis, für Läuferinnen zum Beispiel die Judoka und andere. Getragen wird diese Sportkleidung mittlerweile nicht mehr nur von Musliminnen, sondern auch von Frauen anderer Religionszugehörigkeit. Geht das Verbot des Burkinis nicht am Ziel vorbei? In der Türkei sollte er, glaube ich, auch mal verboten werden, weil er als zu sittenwidrig galt.

Hackspiel-Mikosch: Ja! Sehen Sie, das ist immer unterschiedlich. - Zu dem Burkini muss ich noch sagen: Die Designerin Zanetti hat seit der Erfindung des Burkinis 2004 schon über 700.000 Stück verkauft, also ein sehr erfolgreiches Geschäftsmodell, und 40 Prozent davon in Europa. Von daher ist es schon auch eine weite Bewegung und wir beobachten in der Mode auch, dass diese züchtige Mode auch immer mehr in der Mode angekommen ist.

"Die haben eine superschicke, elegante, luxuriöse Kollektion auf den Markt gebracht"

Allroggen: Darüber wird ja jetzt auch heftig diskutiert. Darf Marks & Spencer neue Modelle eines Burkinis anbieten mit Blumenmuster, die irgendwie vielleicht netter zu tragen sind?

Hackspiel-Mikosch: Ich bin auf jeden Fall dafür! Und schauen Sie sich mal unsere Mode-Designer an. Dolce & Gabbana, die haben in diesem Sommer eine ganze Kollektion mit Abayas herausgegeben. Abayas - das sind diese langen kaftanähnlichen Mäntel, die eigentlich schwarz sind und die von islamischen Frauen in einigen Ländern über der Kleidung getragen werden, zusammen mit dem Kopfschleier, dem Hijab. Und die haben eine superschicke, elegante, luxuriöse Kollektion auf den Markt gebracht.

Allroggen: Aber lenken die Fragen um die, ich sage mal, Außenwirkung von Kleidung nicht von der wesentlichen Frage ab, was diese Stoffberge nämlich mit dem Menschen machen, der darunter zu finden ist? Wie sieht es unter Burka und Burkini aus? Wie geht es den Trägerinnen damit?

Hackspiel-Mikosch: Ja das ist unser Vorurteil, muss ich sagen, dass wir meinen, alle diese Frauen seien unterdrückt. Und sicherlich: In Saudi-Arabien würde man aus westlichem Blickwinkel sagen, diese Frauen sind wirklich unterdrückt. Aber ich habe Studentinnen, die Musliminnen sind und die selber auch verschleiert sind, die aber selber das wollen und die sagen, das ist unsere eigene Entscheidung, das ist unsere Kultur, wir sind auch für die Freiheit der Frauen und für die Freiheit, selber zu entscheiden, wie wir uns kleiden wollen.

Allroggen: Und diese verhüllten Frauen empfinden keinen Neid, wenn ein Mann sie in Flip Flops und kurzer Hose begleitet?

Hackspiel-Mikosch: Das muss man die Frauen selber fragen. Ich kann nur sagen: Im Westen ist es in der überwiegenden Zahl so, dass die Frauen es selber entscheiden, sich so zu kleiden, und dass es ihrem Bedürfnis nach züchtiger Kleidung entspricht und auch ihrer eigenen religiösen Überzeugung. Das darf man nicht vergessen: Der Islam ist eine Religion, in dem eigentlich jeder selber entscheiden muss, wie er den Islam interpretiert.

Allroggen: In dieser Diskussion geht es um Frauen als Objekt der Begierde. Das kennt man auch hierzulande. Ist es nicht an der Zeit, über den Burkino für Männer nachzudenken?

Hackspiel-Mikosch: Wenn sie das wollen - warum nicht!

Allroggen: Das wär‘ doch mal was! - Elisabeth Hackspiel-Mikosch, Professorin für Modetheorie an der Akademie Mode und Design in Düsseldorf war das über die Ausweitung des Burkini-Verbots auf französische Strände.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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