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"Versuch einer Eins-zu-eins-Rekonstruktion"

"Einstein on the Beach" war 1976 der erste gemeinsame Erfolg von Robert Wilson und Philip Glass. Die Neuauflage in Montpellier vergleicht der Kritiker Jörn Florian Fuchs mit einem Blick ins Opernmuseum - bescheinigt der Aufführung aber durchaus Radikalität.

Beatrix Novy sprach mit Jörn Florian Fuchs | 18.03.2012
    Beatrix Novy: Aber zuerst, ganz zu Anfang, schauen wir nach Frankreich, nach Südfrankreich, wo Robert Wilson und Philip Glass, der Theatermacher und der Komponist, 1976 mit "Einstein on the Beach" die europäische Bühne enterten und so richtig berühmt wurden – das war in Avignon. Seither hat jeder von beiden natürlich auch mal Federn lassen müssen bei der Kritik und in der Zuschauergunst, vor allem ein gewisser Wiederholungszwang nervt etwas hin und wieder. Wenn jetzt die Oper von Montpellier, nicht weit vom Ort der Weltpremiere, "Einstein on the Beach" aufführt, dann darf man Jörn Florian Fuchs, der da ist, fragen, ob das denn eigentlich alles noch so in alter Frische geht.

    Jörn Florian Fuchs: Tja, es ist schon ein verlebendigtes Opernmuseum, das da auf der einen Seite geboten wird, was ich nicht so schlecht finde, weil es meines Wissens nach keine komplette Videoaufzeichnung des Ganzen gibt und es eben doch ein epochales Werk damals war, eine epochale Produktion. Das ist der eine Aspekt und der andere ist: das ganz Spannende ist, dass sowohl Wilson sich ja in letzter Zeit so in einer ziemlichen Redundanz befindet, und wenn man sowohl Schauspiel wie Opernproduktion sieht, dann ist das die ewig allerselbe und gleiche Wiederholung, und auch Philip Glass, der ja in den letzten Jahren vorwiegend Opern schreibt, wo es eine Erzählung, eine Handlung gibt, da, finde ich, ist vieles nicht geglückt, weil diese Musik eben nicht wirklich etwas Narratives hat. Von daher ist dieses radikale Werk zu erleben doch noch mal Augen und Ohren öffnet, was die Musik betrifft, aber auch die Szene, finde ich.

    Novy: Und die Sänger, das Ensemble, das ist irgendwie ausgerichtet nach der alten Inszenierung?

    Fuchs: Absolut. Es ist wirklich der Versuch einer Eins-zu-eins-Rekonstruktion. Es spielt das Philip Glass Ensemble unter Michael Riesman wie bei der Uraufführung, Lucinda Childs ist anwesend, die Choreographin, die hatte ihr eigenes Ensemble, ihre Truppe dabei – natürlich sind das jüngere Tänzer jetzt. Aber – und das kann man vielleicht dann eher zum Musealen zunächst zurechnen – die ersten 90 Minuten dieses viereinhalbstündigen Abends, der pausenlos durchläuft, sind sehr hart, auch für das Publikum. Es wird dann mehr und mehr spannend und gerade das letzte Drittel, finde ich, ist auch, was die Bühnentechnik betrifft, auf dem absoluten Niveau unserer Zeit. Da haben wir ein großes Stahlgerüst mit verschiedenen Protagonisten darin, die in einzelnen, unterschiedlich beleuchteten Kabinen hausen, es gibt Fahrstühle, in denen die Leute durch den Raum schweben oder fliegen. Das ist eigentlich etwas, was man gegenwärtig von so einer Gruppe wie "Fura dels Baus" kennt. Und dazu kommt jetzt bei Glass dann ein gewisses Hinaustreten aus den ewigen Patterns, diesen sehr kleinteiligen, trotzdem zu einer Großform irgendwie strebenden Klangfiguren, die er sonst verwendet, es gibt ein Orgel- und Jazz-Konzert dort, und das hat mich doch sehr, sehr beeindruckt.

    Novy: Das Bühnenbild haben Sie jetzt beschrieben und diese Musik- und Textsynthese, dass das damals so super neu war. Ist das auch immer noch faszinierend oder packend?

    Fuchs: Na ja, es gibt ja keine Handlung. Einstein taucht auf, indem er mal Geige spielt. Es gibt einmal eine Formel, dazu gibt es Tänzer, die sich die Zähne putzen. Aber es sind eben wirklich absolut getrennte Parameter, der Text, das Inhaltliche und die Musik und diese Musik, die klingt so wie auf der Aufnahme von 1976 in Montpellier, nämlich so:

    O-Ton Musik

    Fuchs: Es gibt ja so zwei wesentliche Elemente: das eine sind diese gerade gehörten sehr statischen Momente und das andere wird dann kleinteiliger. Da wird entweder auch mal arios was gestaltet, oder aber man zählt einfach, es gibt Nummern, die aufgerufen werden, und das tönt dann so:

    O-Ton Musik

    Fuchs: Da merkt man also, wie die Musik einen regelrecht dann auch in den Schwitzkasten nimmt. Ich denke, wenn man das insgesamt zusammenfassen will: Das Interessante ist, dass das ja eine Art von spezieller Relativitätstheorie ist, um mit Einstein zu sprechen oder darauf anzuspielen. Es sind wirklich alle Parameter genau fixiert. Das heißt, genau die Tonhöhen sind notiert, der Text ist auswendig zu lernen über diese Stunden hinweg, auch natürlich das ganze Licht von Wilson, die Gesten, das ist alles ganz, ganz genau festgelegt. Aber das führt eben zu einem "Unsinn". Das heißt, es wird, was den Sinngehalt betrifft, komplett relativ, und das ist, denke ich, etwas, was wir in dieser Radikalität seit dieser Uraufführung eigentlich kaum mehr hatten.

    Novy: Ja, ein alter Wilson und ein alter Glass, das macht zusammen dann doch noch was ganz Junges – erstaunlich! Das war Jörn Florian Fuchs.