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StartseiteKultur heuteVertreibung und kulturelles Erbe22.04.2004

Vertreibung und kulturelles Erbe

Kulturministertreffen in Warschau

<strong>Christoph Schmitz: </strong> Ein Dokumentations- und Gedenkzentrum gegen Vertreibung in Berlin, das hat Erika Steinbach, die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen angeregt. Eine kontroverse Diskussion zwischen den politischen Lagern im Land war sogleich entbrannt, auch weil aus Osteuropa Bedenken gegen solch eine zentrale Gedenkstätte in Berlin laut wurden, Bedenken, die bis zum Vorwurf des Revanchismus auswuchsen. Aus einer des Vertriebenenbundes war eine staatspolitische Diskussion geworden, sogar bis auf europäische Ebene. Denn im Oktober vergangenen Jahres hatten Bundespräsident Johannes Rau und der polnische Präsident Alexander Kwasniewski in ihrer so genannten Danziger Erklärung appelliert, "gemeinsam und nicht gegeneinander erinnern" und die Nationen mögen sich so erinnern, dass das politische Europa nicht geschwächt, sondern gestärkt werde. Infolge dieser Erklärung treffen sich heute und morgen in Warschau die Kulturminister einschließlich Historiker aus Deutschland, Polen, Tschechien, Ungarn, Österreich und der Slowakei zu einem Gespräch über Umsiedlung, Flucht und Vertreibung. Gabriele Lesser, Sie sind bei der Pressekonferenz dabei gewesen. Was sagen die Minister in Warschau über ein Zentrum gegen Vertreibung in Berlin oder über andere Formen oder Strukturen der Erinnerung an die Vertreibung der 18 Millionen Deutschen aus Osteuropa nach dem 2. Weltkrieg?

Gabriele Lesser im Gespräch

Erika Steinbach, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (CDU) (AP)
Erika Steinbach, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (CDU) (AP)

Gabriele Lesser: Ja, das war eine sehr spannende Pressekonferenz, weil die Vertreter dieser sechs Länder sich weitgehend einig darüber waren, dass kein Zentrum gegen Vertreibung entstehen soll, auf staatlicher Ebene, oder gestützt von diesen sechs Staaten, die diese Initiative jetzt ergriffen haben, sondern es wird ein Netzwerk entstehen. Es gibt ja in allen Ländern, die meisten Institutionen wohl in Deutschland, Museen, Archive und Forschungsstätten zur Vertreibung. Man muss jetzt nicht ein weiteres neues Zentrum oder eine weitere neue Institution gründen. Das ist überhaupt nicht notwendig. Man muss die Institutionen, auch die Personen, die symbolischen Orte, an denen man gedenkt, zusammenführen und in ein Netzwerk zusammenbinden. Genau darauf hat man sich jetzt geeinigt, auf ministerieller Ebene. Jetzt sind die Experten gefragt, die genau ausarbeiten werden, wie das aussehen soll.

Schmitz: Ein Zentrum gegen Vertreibung in Berlin würde dem ja nicht widersprechen. Man könnte sich ja vorstellen, dass dieses Zentrum in Berlin ein Element, eine Stimme im Chor der verschiedenen Orte in Osteuropa sein könnte, in diesem Netzwerk der Vertreibung?

Lesser: Ja, da hat auch niemand widersprochen. Dieses Zentrum gegen Vertreibung kann der BdV ja gründen. Als Stiftung gibt es diese Initiative für das Zentrum gegen Vertreibung. Das kann privat entstehen. Wenn diese Institution dann zusammenarbeiten möchte mit diesem Netzwerk, dass jetzt mit Sicherheit entstehen wird, dann kann es natürlich zusammenarbeiten. Das wird nicht ausgeschlossen.

Schmitz: Dieses Zentrum in Berlin wird dann nicht mit Bundesmitteln unterstützt werden?

Lesser: Nein, und es wird auch keine zentrale Rolle spielen, sondern es wird eine unter vielen, vielen verschiedenen Institutionen sein.

Schmitz: Die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, hatte ja schon den Zeitraum der Vertreibung ausgeweitet, damit auch andere Opfer anderer Umsiedlungen mit integriert werden könnten ins Gedenken. Über welche Umsiedlungen und Vertreibungen soll denn überhaupt gesprochen werden, diskutiert werden? Geht es nur um die 15 Millionen Deutsche, die nach dem 2. Weltkrieg vertrieben worden sind, oder wird das Spektrum geöffnet?

Lesser: Ja, dieses Netzwerk ist ja sowieso von Anfang an offen gewesen. Es
gab ja eher umgekehrt den Vorwurf an das Zentrum gegen Vertreibung, die ja zunächst nur der Vertreibung der Deutschen gedenken wollten. Ganz am Anfang hieß es ja sogar: Zentrum der 15 Millionen, oder so ähnlich. Frau Steinbach hat sozusagen ihr Objekt erweitert. Dieses angedachte Netzwerk war von vornherein europäisch gedacht. Und wie gesagt, das ist jetzt noch nicht in irgendwelche festgelegten Normen eingepasst worden. Sondern jetzt sind die Experten erst mal gefragt, die diese Landkarte, von der ich vorhin schon sprach, ausarbeiten sollen. Dass heißt, einmal eine Landkarte von verschiedenen Institutionen, Museen aber auch Denkmälern, auch Lagern, die es ja nach wie vor als Gedenkstätten gibt und eine zweite Landkarte, auf der man genau nachvollziehen kann, wann welche Vertreibungen stattgefunden haben.

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