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Vertreter eines "moralischen" Kapitalismus'

Am 30. November 1989 starb der Bankier Alfred Herrhausen - mutmaßlich durch eine Bombe der RAF. Falls die Terroristen mit ihm einen typischen Vertreter des Großkapitals zu liquidieren trachteten, so hatten sie sich mit Herrhausen indes das falsche Opfer gewählt. Denn Herrhausen war ein Manager, der als Chef der Deutschen Bank zum Beispiel durch seine Forderung nach einem Schuldenerlass für die Dritte Welt für einen "moralischen" Kapitalismus eintrat und sich damit in der Finanzwelt nicht nur Freunde machte. Das versucht auch die jetzt erschienene Biographie von Andreas Platthaus zu belegen.

Von Henry Bernhard | 29.05.2006

Was für eine Lebensgeschichte: Geboren 1930 in kleinbürgerlichen Verhältnisse. Eliteschule der Nazis. 1945 der Zusammenbruch der bisherigen Welt. Die Chancen der neuen Demokratie und des Wirtschaftswunders. Aufstieg zum mächtigsten Banker der Bundesrepublik. Zu seinen Freunden zählt er Henry Kissinger und Helmut Kohl. Mit seinen Umgestaltungsplänen erschüttert er die Deutsche Bank und wird zum Enfant Terrible der internationalen Bankenszene. 1989 reißt eine Bombe Alfred Herrhausen in den Tod.

Was für eine Lebensgeschichte! Was hätten sich daraus für Funken schlagen lassen! Aber der Autor Andreas Platthaus, Vizechef des FAZ-Feuilletons und bekennender Donald-Duck-Fan, hat aus einer schillernden Persönlichkeit eine zweidimensionale Figur gemacht. Gelingt es einem begabten Zeichner, eine Person schon mit wenigen Strichen zu charakterisieren, so bleibt Alfred Herrhausen in Platthaus' Biographie auch nach 300 umständlich und buchhalterisch formulierten Seiten im Unscharfen.

Schon auf den ersten vier Seiten beraubt sich der Autor, der selbst bei der Deutschen Bank eine Ausbildung gemacht hat, der Chance einer kritischen Biographie, indem er Alfred Herrhausen auf einen Sockel stellt und das Denkmal fortan nur noch von der Sonnenseite betrachtet.

Er war der Bankier, der seine Arbeit in den Dienst der Ärmsten stellte. Und er wurde damit zum bewunderten Exponenten eines besseren Deutschland. Er hätte im Prozess der Wiedervereinigung zweifellos manchen guten Rat erteilen können. Dieses Buch soll dazu beitragen, dass seine großen, aber auch die umstrittenen Leistungen in Erinnerung gerufen werden und sein Leben nicht auf einen einzigen Tag verkürzt bleibt - den seiner Ermordung.

Dieses Problem stellt sich natürlich immer: Wie entgeht man der Versuchung, bei der Lebensbeschreibung eines zu früh oder gar gewaltsam aus dem Leben Gerissenen ein vielschichtiges Leben so zu betrachten, dass es scheinbar zwangsläufig auf diesen Endpunkt zulaufen muss. Der Autor umgeht das Problem, ohne ihm zu entgehen: Anstatt den mörderischen Anschlag als Fluchtpunkt der Biographie zu setzen, wählt er Alfred Herrhausens Führungsposition an der Spitze der Deutschen Bank - der Schaltzentrale der deutschen Wirtschaft.

Der Vater, ein Vermessungsingenieur, impft den Zwillingen Anne und Alfred Herrhausen einen Ehrgeiz ein, der sie beflügeln soll, es noch weiter als er zu bringen. So tritt er 1942 auch bedenkenlos der NSDAP bei, um dem schulisch erfolgreichen Alfred den Weg auf die Reichsschule der NSDAP in Feldafing zu ermöglichen. Diese Schule diente der Heranzüchtung eines elitären Führungsnachwuchses für das Dritte Reich. Alfred Herrhausen erinnerte sich später gern an diese Zeit:

Es war in Feldafing eine Atmosphäre von Disziplin, von Leistung, Sportlichkeit und Kameradschaftlichkeit. Es war merkwürdigerweise viel weniger, als man heute glaubt, eine Atmosphäre ideologischer Indoktrinierung. Ich habe aus diesen drei Jahren keinen Schaden, sondern eine ganze Menge preußischer Tugenden mitgenommen, die mir in meinem Leben weitergeholfen haben.

Hier wäre es wohl angebracht gewesen, der Erinnerung Herrhausens zu misstrauen. Aber Platthaus beschreibt detailliert die Differenzierung und Entwicklung verschiedener NS-Elite-Schulen, ohne auch nur einen kritischen Blick auf die frühe Prägung Herrhausens zu werfen.

Die Gruppe musste als elementare Voraussetzung des eigenen Vorankommens verstanden werden. Dadurch wurde geschickt eine Verhaltensweise vermittelt, die Rücksichtslosigkeit mit sozialer Verpflichtung verknüpfte.

Im Sommer 1945 kehrt der 15-jährige Alfred Herrhausen nach Hause zurück, macht 1949 ein gutes Abitur, spielt intensiv Hockey und Tennis, tritt in eine schlagende Verbindung ein und beendet 1952 nach nur sechs Semestern sein VWL-Studium. Die Karriere Alfred Herrhausens liest sich in langen Teilen wie die Geschichte des Wirtschaftswunders. Er heiratet strategisch günstig in eine wohlhabende Dortmunder Familie ein, bekommt seine erste Anstellung als Direktionsassistent der Ruhrgas AG. Die Arbeit lässt ihm nebenbei Zeit für seine Dissertation. Platthaus würdigt sie recht ausführlich, wohl um Herrhausens philosophische Grundierung zu betonen, kommt aber auch zu dem Schluss, dass sie gestelzt formuliert und kein großer Wurf ist. Was Platthaus jedoch fasziniert, ist Herrhausens Konzept des "richtigen Denkens".

"Richtig denken" hieß für den Doktoranden wie für den späteren Bankier, "die wahren, d.h. die wirklichen Zusammenhänge aufzudecken".

Auf keiner der 300 Buchseiten stellt der Autor dieses skurrile Konzept in Frage, das Widerspruch ausschließt und das man auch als Ausdruck von Arroganz und Selbstüberschätzung lesen kann. Platthaus' Affirmation geht so weit, dass er durch Herrhausens Wirken eine ...

Versöhnung des Finanzkapitalismus mit sich selbst

... erkennt. Herrhausens Karriere führte ihn recht unkompliziert von der rheinischen Stromwirtschaft zur Deutschen Bank. Einen Manager aus der Industrie in die konservative Bank zu holen, glich einer kleinen Revolution. Aber Herrhausens Meisterstück überzeugte den Deutsche Bank-Vorstand: die einfalls- und fintenreiche Privatisierung eines Teils der bis dahin noch unbeweglich in öffentlicher Hand befindlichen Stromversorger. Wer wissen will, wie Herrhausen in der Stromindustrie und in der Deutschen Bank daran beteiligt war, die streng korporatistisch organisierte westdeutsche Nachkriegswirtschaft stärker am Markt zu orientieren und sie schließlich in die Globalisierung zu entlassen, der ist bei diesem Buch an der richtigen Stelle. Ausführlichst und gut informiert beschreibt der Autor Fusionen und Expansionen und die beachtliche Macht, die die Deutsche Bank über deutsche Konzerne wie z.B. Krupp oder Daimler-Benz ausübt. Ebenso genau schildert er den Weg Herrhausens vom stellvertretenden Vorstandsmitglied 1970 zum Vorstandssprecher 1985. Dabei fällt immer wieder Herrhausens enormer Wille zur Macht und zur eigenmächtigen Entscheidung ohne Rücksprache ins Auge.

Er hatte sich seine Meinung gebildet, hatte "richtig gedacht", und davon sollte ihn nun niemand mehr abbringen.

Die letzten Jahre vor seinem Tod werden für Herrhausen die bewegendsten, aber auch die einsamsten in eisigen Höhen: Er entwickelt einen mutigen Plan, die Dritte Welt zu entschulden, wobei die Kosten für die vorsichtige Deutsche Bank überschaubar geblieben wären, fordert gar "Glasnost für den Kapitalismus" - und bringt die gesamte Finanzwelt gegen sich auf.

Von Anbeginn an gab es, meine Damen und Herren, zwei mögliche Opfer der Krise: die Gläubigerbanken und die Schuldner. Die gibt es immer noch. Aber die Stärke der Banken ist größer, die der Schuldner geringer geworden.

Er plant die totale Umstrukturierung der Deutschen Bank in ein weltweit agierendes, mit allen modernen Finanzprodukten handelndes Geldhaus - und verunsichert die 55.000 Mitarbeiter zutiefst. Sie rebellieren und unterlaufen seine Pläne - bis hinauf in den Vorstand. Herrhausen berät zwar Bundeskanzler Helmut Kohl, aber scheitert mit all seinen lang gehegten Plänen im eigenen Hause. In der letzten Vorstandssitzung vor seinem Tod droht er zum wiederholten Male mit Rücktritt. Dann, am 30. November 1989, sprengt vermutlich die RAF Alfred Herrhausens gepanzerten Mercedes auf der Fahrt ins Büro. Die genauen Hintergründe wurden nie aufgeklärt. In der Bank regte sich neben Entsetzen auch klammheimliche Freude über Herrhausens Tod.

Das Kapitel über Herrhausens Tod ist - leider - nicht der Höhepunkt des Buches, sondern mäandert unkoordiniert zwischen Tatbeschreibung, Nachruf, RAF-Geschichte und Familiengeschichte umher. Platthaus berichtet, dass sich Herrhausen möglichst nur frontal fotografieren ließ, weil er sich so für fotogener hielt als im Profil. Auch Platthaus hat ihn von vorn porträtiert. Wer sich für ein schärferes, psychologisch fundiertes Bild vom Menschen Herrhausen interessiert, dem sei Andres Veiels Buch und Film "Black Box BRD" ans Herz gelegt.

Andreas Platthaus: Alfred Herrhausen. Eine deutsche Karriere
Rowohlt Berlin Verlag 2006, 319 Seiten, € 19,90