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StartseiteForschung aktuellVerwirrende Verwandtschaftsverhältnisse19.05.2011

Verwirrende Verwandtschaftsverhältnisse

Berliner Forscher entdeckten Bindeglied zwischen Eidechsen und Doppelschleichen

Paläontologie. -Ein missing link ist in der Evolutionsbiologie ein fehlendes Bindeglied zwischen zwei systematischen Gruppen. Berliner Forscher vom Museum für Naturkunde stellen in "Nature" heute ein solches Bindeglied für zwei systematische Unterordnungen der Reptilien vor, <em>Cryptolacerta hassiaca</em> aus dem Eozän. Johannes Müller, Professor am Museum für Naturkunde in Berlin, erläutert seine Bedeutung im Gespräch mit Arndt Reuning.

Johannes Müller im Gespräch mit Arndt Reuning

Bindeglied zwischen Halsbandeidechsen und Doppelschleichen: Cryptolacerta hassiaca aus dem Eozän. (Nature/Robert Reisz)
Bindeglied zwischen Halsbandeidechsen und Doppelschleichen: Cryptolacerta hassiaca aus dem Eozän. (Nature/Robert Reisz)

Reuning: Herr Professor Müller, was genau sagt dieses Fossil denn aus über die Evolution der Reptilien?

Müller: Dieses Tier erlaubt uns neue Einblicke zu bekommen in die Evolution zum einen der Schlangen, aber auch in die Evolution einer ganz anderen Gruppe, nämlich einer sehr unverstandenen Gruppe von schlangenähnlichen Reptilien, den sogenannten Doppelschleichen, die aussehen wie geschuppte Regenwürmer im Prinzip und vor allem in den tropischen Böden Afrikas und Amerikas beheimatet sind.

Reuning: Und wo reiht sich denn nun dieses Fossil ein?

Müller: Um das zu erklären muss ich noch ein bisschen ausholen. Denn dieses Fossil hat sowohl Implikationen für die Evolution der Eidechsen allgemein, aber auch für die Evolution der Schlangen. Für lange Zeit hat man vermutet, dass Schlangen zusammen mit den so genannten Doppelschleichen, also diesen schlangenähnlichen, grabenden Formen eine sehr nahe Verwandtschaft bilden würden. Und das war lange die Lehrmeinung. Und dann haben vor allen Dingen genetische Untersuchungen in den letzten Jahren gezeigt, dass Schlangen eventuell gar nicht mit der Gruppe verwandt sind, sondern vielmehr mit den modernen Waranen und Leguanen, also einer ganz anderen Gruppe von Reptilien. Gleichzeitig sollten diese Doppelschleichen, diese grabenden Formen aus den Tropen, mit unseren heimischen Halsbandeidechsen, zu denen zum Beispiel die Zauneidechse gehört, die ja sicherlich jeder kennt, nächst verwandt sein. Das war eine sehr, sehr überraschende Hypothese, die niemand wirklich nachvollziehen konnte, in dem Augenblick praktisch als sie veröffentlicht wurde. Und unser Tier, das wir jetzt gefunden haben, gibt Hinweise in diese Richtung. Es bestätigt die genetischen Untersuchungen, die sehr revolutionär waren. Aber gleichzeitig zeigt es uns auch zum ersten Mal, wie das Ganze biologisch stattgefunden hat.

Reuning: Das heißt, diese wurmartigen Doppelschleichen sehen zwar den Schlangen sehr ähnlich, sind aber doch mit bestimmten Eidechsen näher verwandt. Woran machen Sie das fest, an welchen körperlichen Merkmalen dieses Fossils?

Müller: Unser Tier ist von der Anatomie her ein Zwischenglied. Es hat Merkmale von beiden Gruppen. Auf der einen Seite hat es typische Merkmale, die unsere Eidechsen haben. Zum Beispiel spezielle Form der Schädelknochen und auch bestimmte Strukturen auf den Knochen selbst. Und es hat vor allen Dingen vier Beine und einen kurzen Rumpf. Aber gleichzeitig hat es eben auch Anpassungen im Schädel, die darauf hindeuten, dass dieses Tier wie die modernen Doppelschleichen eben mit dem Kopf zuerst im Boden gegraben hat. Und um das tun zu können, brauche ich einige ganz spezielle Strukturen im Schädel, die in den modernen Reptilien wieder nur die Doppelschleichen haben. Und jetzt eben auch unsere Form.

Reuning: Sie haben jetzt eben schon erwähnt, es gibt auch diese genetischen Untersuchungen an heute lebenden Tieren, die dabei helfen, die Verwandtschaftsverhältnisse der Arm zu rekonstruieren. Vor diesem Hintergrund, wie wichtig sind denn diese missing links überhaupt noch?

Müller: Sie sind vor allen Dingen deshalb wichtig, weil sie im Endeffekt den einzigen wirklichen Nachweis liefern, dass eine solche Hypothese auch richtig ist. Genetische Untersuchungen sind, obwohl sie oftmals mittlerweile sehr zuverlässig sind, dennoch auch von Fehlern behaftet, oder können von Fehlern behaftet sein. Das kann mit dem falschen Sequenzieren von Genen zu tun haben, das kann aber auch damit zu tun haben, dass wir mit sehr alten Linien zu tun haben, also evolutionären Linien zu tun haben, die sich dann nur aufgrund von einiger statistischer Ähnlichkeit, die aber nicht wirklich Realität waren, einander anziehen sozusagen, die dann plötzlich Verwandtschaftsverhältnisse bekommen von Gruppen, die eigentlich in Wahrheit gar nicht miteinander verwandt sind und nur aufgrund von Rechenfehlern verwandt sein könnten im Computerprogramm. Deshalb müssen wir solche genetischen Hypothesen trotzdem immer wieder überprüfen, ob wir dafür auch wirklich Evidenz finden. Und dafür ist nun mal die Paläontologie immer noch die einzige Disziplin. Das ist im Prinzip ähnlich, wie vor 150 Jahren als Darwin mit seiner Hypothese von der natürlichen Selektion herauskam. Auch damals hat die Paläontologie im Endeffekt den letzten Nachweis geliefert, dass Darwin recht hatte. Denn zum Beispiel der Vogel Archaeopteryx ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass natürliche Selektion existiert und dass es Bindeglieder oder missing links eben geben muss.

Reuning: Welches missing link, das noch nicht gefunden wurde, könnte denn am interessantesten sein?

Müller: Wenn Sie mich persönlich fragen, dann hätte ich gerne ein missing link für eine Schildkröte.

Reuning: Wieso das?

Müller: Schildkröten gehören zu den rätselhaftesten Formen, die wir heutzutage auf Erden haben. Sie sind sehr charakteristisch, sogar ein kleines Kind kann sie identifizieren. Aber, wo sie genau herkommen im Landwirbeltier-Stammbaum, ist immer noch sehr, sehr unverstanden und sehr kontrovers diskutiert. Und das liegt vor allen Dingen daran, dass wir immer noch kein Fossil haben, das uns im Endeffekt zeigt, aus welcher Linie heraus diese Tiere sich entwickelt haben können.

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