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StartseiteUmwelt und VerbraucherVerzweifelte Rettungsversuche in Fukushima17.03.2011

Verzweifelte Rettungsversuche in Fukushima

Einschätzungen über Erfolgschancen

Ob die Verlegung einer Stromleitung die Lage in der Atomanlage von Fukushima entschärfen könne, sei völlig offen, meint Wissenschaftsjournalist Sönke Gäthke. Angesichts der Zerstörungen sei ungewiss, ob die Pumpen überhaupt noch funktionierten.

Sönke Gäthke im Gespräch mit Jule Reimer

Der beschädigte Reaktorblock 4 im Kraftwerk Fukushima 1.  (AP/Kyodo/Tepco)
Der beschädigte Reaktorblock 4 im Kraftwerk Fukushima 1. (AP/Kyodo/Tepco)

Jule Reimer: Zu mir ins Studio gekommen ist mein Kollege Sönke Gäthge aus der Wissenschaftsredaktion. Ganz kurz: Wir haben in dem Beitrag gehört, da haben Menschen sich gewaschen. Geht das? Schützt das gegen Strahlung? Kann ich die abwaschen?

Sönke Gäthke: Strahlung selbst kann man nicht abwaschen, aber natürlich kann man radioaktive Partikel abwaschen. Das heißt, alles, was nachher Alpha- und Beta-Strahler sind, vor allen Dingen Alpha-Strahler, kann man damit abwaschen. Das ist schon recht sinnvoll. Gamma-Strahlung aber kann man nicht abwaschen. Was man da an elektromagnetischer Strahlung abbekommen hat, das geht nicht, das hat man dann intus.

Reimer: Und gegen die schützt auch kein Schutzanzug mehr?

Gäthke: Dann müsste man schon sehr schwere Schutzanzüge tragen. Das geht so ohne Weiteres nicht.

Reimer: Wie schätzen Sie die Strahlenbelastung derzeit ein in Japan?

Gäthke: Das ist sehr, sehr unübersichtlich. Zwar ist es tatsächlich so, dass die Strahlung hoch ist, und sie steigt, aber wir haben sehr viele Ausreißer nach oben. Über die letzten Stunden gab es immer wieder sehr hohe Peaks, die gemessen wurden, und dann fiel die Strahlung wieder ab und es ging wieder rauf und wieder runter. Grundsätzlich kann man feststellen, die Strahlenbelastung im Mittel steigt, aber dann ist immer noch unklar, wie viel und ab wann es wirklich gefährlich wird. Es gibt in der Medizin da keine Schwellenwerte, wo man sagen könnte, so viel Strahlung ist sicher und ab da wird es völlig unsicher. Das ist so ein fließender Übergang, der hängt immer wieder vom Individuum ab.

Reimer: Rettungskräfte bemühen sich ja verzweifelt um die Kühlung der Brennstäbe. Wir haben gehört, es soll eine Stromleitung gelegt werden. Kann man das überhaupt?

Gäthke: Das kann man. Das ist ein gängiges Verfahren. Das haben wir in Münster auch gemacht, als damals die Strommasten abgebrochen sind und das Münsterland eine ganze Zeit lang ohne Strom da hing im Winter. Da wurde einfach eine Notstromleitung langgelegt mit relativ provisorischen Masten. Das ist auch eine höchst sinnvolle Sache, denn man kann wenigstens versuchen, in den beiden noch völlig unbeschädigten Reaktoren wieder alles per Strom ans Laufen zu kriegen, und muss da nicht ständig nach den Notstrom-Aggregaten gucken, ob die laufen, ob die nicht laufen, ob die noch genug Benzin haben. Ob in den vier zerstörten Reaktoren das noch was nützt, darüber wage ich keine Prognose. Keiner weiß, ob da noch Stromkabel liegen, ob da noch Pumpen sind, die funktionieren. Das weiß man noch nicht.

Reimer: Können wir in Deutschland erste Lehren für die Nachrüstauflagen der deutschen Atomkraftwerke ziehen? Es gab ja auch heute im Bundestag zur Atomdebatte Streit über diese Frage, wer hat jetzt die richtigen strengen Auflagen erlassen oder auch nicht und in Kraft gesetzt.

Gäthke: Das Allerwichtigste, was man als Prinzip festhalten muss, ist: Man muss auf jeden Fall eine Kernschmelze vermeiden. Sie ist nicht beherrschbar. Das heißt, es kommt darauf an, dass man den Reaktor unter allen Umständen immer wieder kühlen muss. Das wissen wir aber eigentlich schon seit 1980, das ist nichts Neues. Das wissen wir, seitdem die Reaktor-Kommission 1980 das einmal festgestellt hat.

Reimer: Das heißt, möglichst viele Notstrom-Aggregate?

Gäthke: Möglichst viele Notstrom-Aggregate, oder von vornherein den Reaktor so auslegen, dass er Systeme hat, die passiv arbeiten können, bei denen eine natürliche Umwälzung stattfindet, wo man nicht nachgucken kann. Das geht aber bei den alten Reaktoren nicht mehr. Wir sind also bei den alten Reaktoren ganz einfach darauf angewiesen, die Pumpen müssen Strom haben. Das ist das Allerwichtigste, was man da haben muss.

Jetzt kommt es darauf an – wir hatten ja zum Beispiel die ganzen Nachrüstforderungen -, was ist eigentlich in dieser Liste, wer sagt jetzt, wer bestimmt jetzt über diese Liste. Das ist jetzt sehr, sehr wichtig. Offenbar ist es so, dass hier zum ersten Mal in diesem Moratorium das bisherige Verfahren umgekehrt wird. Bis jetzt war es immer so: Wir haben nachgeguckt, wie alt ist der Reaktor, was kann man dem noch zumuten, was nicht. Und jetzt plötzlich kommen wir dahin und sagen, nein, wir machen das anders herum, wir entscheiden mal, was soll der Reaktor können, machen eine Liste und dann entscheiden wir, an dieser Liste überprüfen wir dann, was die Reaktoren machen. Das ist tatsächlich was ganz Neues.

Reimer: Kurze Antwort erbeten. Die größten Probleme gab es ja in den Abklingbecken in Japan, zumindest gestern. Wo liegen die Abklingbecken für abgebrannte Brennstäbe in den deutschen Reaktoren? Sind die auch relativ ungeschützt?

Gäthke: Die sind zumindest bei den Siedewasser-Reaktoren – die haben alle ungefähr die gleiche Konstruktion – genau wie bei den japanischen oben auf dem Dach quasi.

Reimer: Also nicht so besonders gut geschützt?

Gäthke: Man muss da ein Augenmerk drauf haben.

Reimer: Vielen Dank! – Informationen von Sönke Gäthge aus unserer Wissenschaftsredaktion.

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