Donnerstag, 26. Mai 2022

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Videogame "No Man’s Sky"
Spiele-Odyssee in unendlichen Welten

Ein Videospiel so groß wie unser Universum: "No Man’s Sky" hebt den Begriff "Open World" in eine neue Dimensionen und revolutioniert den Spielemarkt. Als endloser Weltraum-Trip kratzt es dabei auch an der Frage unserer Existenz.

Von Julian Ignatowitsch | 09.08.2016

Vorstellung des Computerspiels "No Man's Sky" bei der Playstation Pressekonferenz in Los Angeles
Unendliche Welten, unendliche Weiten - Bei dem Spiel "No Man's Sky" begibt man sich auf eine einsame, lange Reise (dpa / Michael Nelson)
Die Oberfläche schimmert türkis und ist mit braunen Gesteinsformationen überzogen, als hätte man Cornflakes in eine Schale Wasser geworfen. Ich bringe mein Raumschiff auf Kurs. Die Anzeige blinkt auf: "Neuer Planet entdeckt", Name: "Moncherev", die Atmosphäre enthält 46 Prozent Sauerstoff. Alles bereit machen zum Landeanflug!
Es ist einer von 18 Trillionen Planeten in dieser schier unendlichen Spielewelt von "No Man’s Sky", auf dem ich gerade gelandet bin. Eine 18 mit 18 Nullen - unvorstellbar! Würde ich in No Man’s Sky alle Planeten sehen wollen, müsste ich ungefähr 18 Milliarden Jahre spielen. Deshalb sagen die Entwickler auch, dass 99,9 Prozent der Spielewelt wohl für immer unentdeckt bleiben werden.
Ich habe mein Raumschiff, das aussieht wie ein Düsenjet, verlassen, und erkunde mit einer Laserpistole in der Hand aus der Ego-Perspektive die Umgebung: Die Vegetation hier ist eher karg, wie in der russischen Tundra: ein paar Sträucher, Gräser, kalte Wüste.
Kleine Tiere, die aussehen wie eine Mischung aus Ratten und Katzen huschen an mir vorbei. Sie sind friedlich, greifen mich nicht an. Alles, was ich in "No Man’s Sky" sehe, kann ich betreten beziehungsweise damit interagieren.
Ich schieße auf ein paar Felsbrocken, um Rohstoffe, zum Beispiel Plutonium, einzusammeln, später kann ich damit meine Ausrüstung verbessern.
Einen Algorithmus Gott spielen lassen
Wie ist eine solche endlose Spielewelt möglich? Die Programmierer von Hello Games, ein kleines britisches Studio mit wenigen Mitarbeitern, haben dieses Universum nicht von Hand erschaffen. Sie haben einige Schablonen erstellt und dann einen Algorithmus Gott spielen lassen. "Prozedurale Generierung" heißt dieses Verfahren. Es ist zwar nicht neu - es wurde zum Beispiel schon in den 90er-Jahren beim ersten Teil der Elder Scrolls-Reihe eingesetzt, aber noch nie für eine Spielewelt dieser Dimension. Die Tiere, Pflanzen, Meere, Sterne, Maschinen, andere Raumschiffe, die ich sehe - das alles ist aus der Fantasie eines Computers entstanden, beziehungsweise der einfachen Berechnung.
Ich verlasse den Planeten wieder und fliege zurück ins Weltall. Ich komme an eine große Raumschiffbasis, hier kann ich mit meinen Rohstoffen handeln oder Weltraumpirat spielen die Basis angreifen.
Ich kann "No Man’s Sky" als Weltraumkrieger, Händler oder Entdecker spielen, je nachdem, wie ich mich verhalte. Das Ziel ist aber für alle Spieler das gleiche: den Mittelpunkt des Universums zu erreichen - man soll das in weniger als 100 Stunden schaffen können. Was einen dort erwartet, darüber schweigen die Entwickler. Um dorthin zu gelangen, muss ich meine Ausrüstung und Fähigkeiten ausbauen - und überleben. Gegen Aliens, deren Sprache ich lernen kann; gegen Tiere und Roboter, die friedlich oder feindlich sind; gegen giftige Gase und massive Meteoriten.
Vor mir steht ein riesiger Dinosaurier mit langem Hals, dahinter ein See. Ich kann unter Wasser tauchen, ich entdecke eine neue Fischart und kann sie benennen, zum Beispiel Piscis Julianus.
Ein Spiel wie eine Weltreise - nur viel größer und einsamer
Alles, was ich finde oder benenne, wird in einen Online-Atlas hochgeladen. So entsteht sozusagen eine kollektive Karte, mit allen Entdeckungen von allen Spielern. "No Man’s Sky" ist aber kein wirkliches Multiplayer- oder Onlinespiel, dazu ist es einfach zu groß. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in diesem Universum einem anderen Spieler begegne, ist verschwindend gering. Meine Reise mache ich größtenteils allein.
Das funktioniert. Das fasziniert. Ein Spiel wie eine Weltreise - nur viel größer und einsamer. Wie lange das Entdecken und Entwickeln einen bei der Stange hält, ist nach den ersten Stunden schwer einzuschätzen. Ja, manche Planeten sehen ähnlich aus, das Spielprinzip, das, was ich mache, wiederholt sich, eine Story fehlt sowieso komplett und die Grafik ist nicht auf Spielfilm-Niveau, sondern eher comichaft bis ins Surreale.
Langeweile kommt bei mir nach den ersten Stunden keinesfalls auf. Eher eine Demut davor, dass ich niemals nur einen Bruchteil dessen, was hier virtuell existiert, sehen werde. Insofern ist "No Man’s Sky" auch ein kleines philosophisches Kunstwerk, das einen über die Unendlichkeit des Alls, die Existenz, den Anfang und das Ende des Lebens nachdenken lässt. Odyssee im Weltraum trifft auf Minecraft – so könnte man es zusammenfassen.
Open World hat einen neuen Namen: "No Man’s Sky" - eine kleine Revolution im Gaming-Bereich.