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StartseiteSport am Wochenende"Viel stärker als ein Gesetz“13.11.2011

"Viel stärker als ein Gesetz“

In Marokko ist Doping mit einer Fatwa geächtet worden

In der islamischen Welt gibt es im Anti-Doping-Kampf eine beachtenswerte Entwicklung, die bisher noch wenig bekannt ist, sich aber als sehr wirksam herausstellen könnte: ein religiöses Gutachten geißelt Doping.

Von Jessica Sturmberg

Urinproben werden in einem Schweizer Labor auf Doping untersucht. (AP)
Urinproben werden in einem Schweizer Labor auf Doping untersucht. (AP)

Karam Lahcen ist ehemaliger Boxer, 1989 war er marokkanischer Meister. Kurz darauf beendete er seine sportliche Karriere, weil er dem Informatik-Studium den Vorzug gab. Er ist mittlerweile Anfang 40 und einer der aktivsten Anti-Doping-Kämpfer in der arabischen und afrikanischen Welt. Der frühere Leistungssportler ist Präsident der "Association Marocaine de Sensibilisation contre le dopage" – der einzigen Anti-Doping-Organisation im afrikanischen und arabischen Kulturkreis, abgesehen von den international verpflichtenden Anti-Doping-Agenturen.

Vor zweieinhalb Jahren wandte sich Karam Lahcen an den höchsten Rat der islamischen Rechtsgelehrten in Marokko mit der Bitte um ein Gutachten zum Thema Doping. Eine Fatwa. Etwa ein halbes Jahr beriet der Rat und kam dann zu dem Schluss:

"Sie haben herausgefunden, dass Doping eine gefährliche Geißel ist, die die menschlichen Werte bedroht, die das Leben bedroht, ganz grundsätzlich das menschliche Wesen, das heilig ist","

... erläutert Karam Lahcen.
Ausgangspunkt für sein Engagement im Anti-Doping-Kampf war der positive Dopingfall des marokkanischen Weltrekord-Hindernisläufers Brahim Boulami im Jahr 2002. Dieser Fall hatte Karam Lahcen tief erschüttert. Vier Jahre später gründete er zusammen mit anderen Ex-Athleten den marokkanischen Verband der Sensibilisierung gegen das Doping. Inzwischen bereitet er das dritte Kolloquium "Sauberer Sport" in Casablanca vor. Seit die Fatwa veröffentlicht wurde, wird er nicht müde, das Ergebnis zu präsentieren und auch im Ausland - jüngst in Deutschland - publik zu machen. Denn eine Fatwa gilt schließlich für die gesamte muslimische Welt.

""Wir halten diese Fatwa für sehr viel stärker als ein Gesetz, aus einfachem Grund: die Fatwa hat im Islam einen großen Einfluss. Sie beeinflusst die Denkweise, die grundsätzliche Auffassung. Damit wirkt sie präventiv während ein Gesetz erst im Nachhinein zur Geltung kommt, wenn bereits etwas passiert ist. Und damit repressiv ist."

Die abschreckende Wirkung von Gesetzen hält Karam Lahcen für nicht effektiv genug. Das zeige schließlich die Realität. Als Beispiel nennt er Frankreich, das bereits 1965 das erste Anti-Doping-Gesetz einführte.

"Von 1965 bis heute hat es dort hunderte von Dopingfällen gegeben. Das ist keine Lösung. Es funktioniert nur über die Sensibilisierung der Sportler. Und Sensibilisierung meint nicht ein bisschen blabla. Wir sind mit unserer Organisation in vier Jahren 2.000 Kilometer durch Marokko gefahren, um Aufklärung zu betreiben, haben von den Gesundheitsgefahren gesprochen und all dem. Das ging hier rein, da raus. Man muss die Athleten sensibilisieren mit etwas Wirkungsvollem. Und das ist nach unserer Ansicht die Religion."

"Also so einen moralischen Druck gibt es ja an keiner anderen Stelle in Zusammenhang mit Medikamentenmissbrauch und Doping. Prävention wird ja eingeteilt in Verhaltensprävention und Verhältnisprävention. Was wir normalerweise nur machen können ist Verhaltensprävention – am einzelnen Athleten ansetzen. Verhältnisprävention – in die Strukturen eingreifen, eine Vorgabe von oben zu machen, das sind bei uns Sonntagsreden, auf die dann keiner mehr hinhört. Das ist also in seinem Bereich eine unheimlich scharfe Waffe und inwieweit sie dann wirksam ist oder nicht wirksam ist, das können wir jetzt nicht so beurteilen, aber es ist anzunehmen, das zumindest ein Teil davon abgehalten wird über diesen moralischen Einfluss."

lautet die Einschätzung von Dopingaufklärer Professor Gerhard Treutlein, Initiator des Heidelberger Zentrums für Dopingprävention.

Religion als moralische Instanz – Ex-Boxer Karam Lahcen wünscht sich auch von den anderen Glaubensgemeinschaften deutliche Appelle an die Sportler.

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