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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenViele Alte, wenig Junge08.04.2010

Viele Alte, wenig Junge

Neue demografische Interpretationen der Bevölkerungspyramide

Der erfreulichen Tatsache, dass immer mehr Menschen gesund ein hohes Alter erreichen, steht in Deutschland ein Rückgang der Geburtenzahlen entgegen - doch möglicherweise ist der Geburtenrückgang in Deutschland doch gar nicht so dramatisch, wie seit Langem verkündet.

Von Ingeborg Breuer

Sinkende Geburtenraten lassen die Gesellschaft altern.  (AP)
Sinkende Geburtenraten lassen die Gesellschaft altern. (AP)
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"Wir haben in den letzten 40 Jahren ganz kontinuierlich einen Anstieg der Lebenserwartung zu verzeichnen. Im Durchschnitt stirbt in Deutschland von 100000 Geborenen bis zum Alter von 85 ungefähr die Hälfte. Und bei Frauen ist das sogar noch höher."

Die Lebenserwartung der Deutschen steigt und steigt. Und ältere Menschen sind zunehmend weniger auf fremde Hilfe angewiesen und können ihren Alltag länger selbst bestreiten. Diese erfreuliche Nachricht wurde kürzlich auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Demografie in Rostock mit Zahlen untermauert. Doktor Rembrandt Scholz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Demografische Forschung:

"Sowohl das Erkranken an einer Krankheit kann verschoben werden als auch das Leben mit der Krankheit kann verlängert werden. Und zwar enorm. Hier hat medizinischer Fortschritt sehr viel gebracht: Und wir erleben gerade, dass mit einer zunehmenden Medikalisierung auch die Lebenserwartung enorm gesteigert werden kann."

Allerdings ist die Lebenserwartung auch an soziale Faktoren gebunden. Je höher Bildung und Einkommen, desto wahrscheinlicher ist es, ein hohes Alter zu erreichen. Insbesondere für die Gruppe ostdeutscher Männer konnte Rembrandt Scholz nachweisen, dass arbeitslose Männer dort bislang ein erhöhtes Risiko hatten, jung zu sterben.

"Bildung hängt ganz eng mit der Lebenserwartung zusammen. Wer eine höhere Bildung hat, hat ganz oft auch die Möglichkeit, mehr Geld zu verdienen, hat einen anderen Sozialstatus, kann sich anders verhalten, weil er bestimmte Risiken besser einschätzen kann. Also wenn ich jetzt im Durchschnitt mit 65 im Durchschnitt noch 16 Jahre zu erwarten habe bei Männern, kann man herausfinden, dass es welche gibt, die eben 20 Jahre das 65. Lebensjahr überleben und andere nur elf. Und diese beiden Gruppen werden zum Beispiel durch Rentendezile beschrieben. Und das obere Rentendezil, was mit 1600, 1700 Euro verbunden ist, die haben halt im Durchschnitt diese höhere Lebenserwartung."

Der erfreulichen Tatsache, dass immer mehr Menschen gesund ein hohes Alter erreichen, steht allerdings in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern ein bedenklicher Rückgang der Geburtenzahlen entgegen. Sinkende Geburtenraten lassen die Gesellschaft altern. Und dann stellt sich natürlich die Frage, wie immer weniger Junge für immer mehr Alte Rente und Pflege sichern können. Kurz: Die sozialen Sicherungssysteme geraten in Finanzierungsnot.

Mortalität und Fertilität, Sterblichkeits- und Geburtenraten standen deshalb auch im Fokus der Rostocker Tagung. Doch während die steigende Lebenserwartung relativ einfach mit dem Hinweis auf bessere medizinische Versorgung erklärt werden kann, ist die Antwort auf die Frage, warum und wann Frauen Kinder bekommen - oder eben nicht - vielschichtiger. Prof. Dr. Michaela Kreyenfeld, Soziologin an der Universität Rostock, erläutert die aktuelle Situation.

"Also wir beobachten , ich fang jetzt mal mit Westdeutschland an, einen kontinuierlichen Aufschub der Familiengründung, der für Westdeutschland in den 70er-Jahren angefangen hat, dass Frauen immer später Kinder bekommen haben. In Ostdeutschland wie auch anderen osteuropäischen Ländern war das anders. Während der Zeit des Sozialismus war das Alter von Erstgebärenden sehr niedrig. Also Frauen haben vor der Wende etwa noch mit 22 Jahren das erste Kind bekommen und mit der Wiedervereinigung hat sich da einiges am Geburtenverhalten verändert. Ostdeutsche Frauen haben wie Westdeutsche auch das Kinderkriegen aufgeschoben. Aber interessant ist, dass wir nach wie vor Unterschiede im Geburtenverhalten sehen können. Also ostdeutsche Frauen sind bis heute deutlich jünger, mehr als ein Jahr jünger, wenn sie das erste Kind bekommen."

Aber das Geburtenverhalten von Frauen ist auch bildungsabhängig. Je besser Frauen gebildet sind, desto weniger Kinder haben sie. 31 Prozent der westdeutschen Akademikerinnen zwischen 40 und 49 Jahren, so die letzten Zahlen des Statistischen Bundesamtes, sind kinderlos.

"Natürlich sehen wir da auch Bildungsunterschiede, dass die höher gebildeten Frauen häufiger kinderlos sind als die weniger qualifizierten Frauen. Dass man bei Männern diesen Zusammenhang gar nicht so findet, dass man gerade eben für Deutschland findet: Na ja, die hochqualifizierten Frauen kriegen keine Kinder und die Männer, die kriegen viele. Das deutet auch darauf hin, dass der Rollenkonflikt für Frauen größer ist, als für Männer."

Immer weniger Menschen entscheiden sich dazu, überhaupt ein Kind zu bekommen. Ist die Entscheidung fürs Kind aber erst einmal gefallen, dann wünschen sich Paare in der Regel auch ein zweites Kind. Ein zunehmender Trend zur Familie mit nur einem Kind, so fanden Katharina Maul und Mandy Boehnke, Soziologinnen an der Uni Bremen, heraus, ist nicht zu beobachten.

"Die Einkindfamilie ist kein Phänomen, was wir finden können. Es gab ein Übergangsphänomen in Ostdeutschland, für die, die gerade ihr erstes Kind bekommen haben als die Wende stattgefunden hat. Bei den Frauen sehen wir, die haben tatsächlich nur ein Kind bekommen. Andere haben das nach hinten verschoben. Aber was wir in Deutschland haben, ist eine sehr hohe Anzahl von kinderlosen Frauen. Und der zweite Aspekt ist, dass die Anzahl der Mehrgebärenden auch stark zurückgegangen ist."

Das Ideal junger Eltern ist nach wie vor die Familie mit zwei Kindern, auch wenn die Umsetzung dieses Wunsches manchmal scheitert.

"Wenn das Kind schon relativ alt ist - also fünf Jahre und älter -, dass das ein Zeichen dafür ist, da soll kein zweites Kind mehr kommen. Das sieht so aus, als wär das in Westdeutschland stärker als in Ostdeutschland, wo insgesamt der Altersabstand nicht so wichtig ist. Und wir finden, dass vor allem für die Frauen eine gute Partnerschaftsqualität sehr stark förderlich wirkt, während das für die Männer nicht so ist. Für Männer ist eine gute Partnerschaftsqualität vielleicht auch ein Grund, kein zweites Kind zu bekommen. Weil sie diese gute Partnerschaft damit vielleicht aufs Spiel setzen."

Bemerkenswert, wenn auch nicht unbedingt erstaunlich, ist, dass gerade Frauen, die nach dem ersten Kind nicht wieder arbeiten gehen, auch wirklich ein zweites Kind bekommen. Ein Indiz dafür, dass Berufstätigkeit und Mutterschaft nach wie vor nicht gut zu vereinbaren sind.

"Unsere Hypothese war, dass es vor allem beim zweiten Kind eine Rolle spielt, dass der Partner vollzeitbeschäftigt ist, dass das wichtig ist. Und für die Frau, dass eher die Frauen, die nach dem ersten Kind nicht wieder angefangen haben zu arbeiten, dass die auch ein zweites Kind haben wollen. Und das finden wir auch so. Also, die Frauen, die nicht arbeiten nach dem ersten Kind, die haben auch eine höhere Wahrscheinlichkeit, ein zweites Kind zu bekommen."

Aus einer ganz anderen Perspektive näherte sich Doktor Jan Eckard, Soziologe an der Universität Heidelberg, dem Problem rückläufiger Geburtenraten. Denn Kinder werden in der Regel im Kontext stabiler und dauerhafter Paarbeziehungen geboren. Und Jan Eckhard stellte fest, dass gerade im Familiengründungsalter ein immer größerer Teil der Bevölkerung partnerlos ist.

"Dass zumindest die Frauen der jüngeren Jahrgänge deutlich seltener in einer mindestens einjährigen Partnerschaft gebunden sind. Und dass das eben bei den älteren, den 30e- Jahrgängen deutlich mehr Frauen waren, die mit dem 30. Lebensjahr einen Partner hatten, das waren damals noch 81 Prozent. Bei den jüngeren Jahrgängen sind das nur noch 64 Prozent."

Neben Frauen ohne jeden Bildungsabschluss tun sich besonders die gut gebildeten Frauen mit einer festen Partnerschaft schwer.

"Bei den Frauen gibt es den Zusammenhang, der so aussieht, dass Frauen mit höheren Abschlüssen häufiger partnerlos sind; dass man es gerade aufgrund der langen Ausbildungsdauer nicht geschafft hat, dass sich eine stabile Partnerschaft entwickelt; dass es dann aber in der Phase nach der Ausbildungszeit weiter schwierig ist, diese Partnerschaft noch auszubauen, denn jetzt beginnt die Zeit der Etablierung im Berufsleben und da gibt es Orientierungsphasen, Phasen der Stellensuche, befristete Stellen. Und das wär dann die These, dass das dazu führt, dass letztlich einige der Frauen es überhaupt nicht schaffen, die stabile Paarbeziehung noch in dem Alter zu finden, wo andere schon ihre Familien gründen."

Bei Männern sieht es übrigens anders aus. Hier müsste man eher sagen: Looser finden keine Frauen. Partnerlosigkeit oder zumindest instabile Partnerschaften findet man vor allem bei Männern, die beruflich wenig erfolgreich sind.

"Bei den Männern ist weniger Bildung ausschlaggebend. Was sich gezeigt hat, ist, dass im Unterschied zu den Frauen der Berufsverlauf sehr viel einflussreicher für das Risiko ist, partnerlos zu sein. Also das Risiko der Partnerlosigkeit erhöht sich bei dem Mann, wenn er keinen beruflichen Erfolg hat, wenn er arbeitslos wird, was bei den Frauen nicht so ist. Und der Berufseinstieg ist bei Männern auch ein Punkt im Leben, ab diesem Zeitpunkt werden die Partnerschaften stabiler, ab diesem Zeitpunkt sind Männer oft längerfristig mit einer Partnerin zusammen."

Prof. Dr. Cornelia Helfferich vom Frauenforschungsinstitut in Freiburg wiederum untersuchte das Familiengründungsverhalten türkischer und osteuropäischer Migrantinnen. Beide Bevölkerungsgruppen bekommen früher und mehr Kinder als deutsche Frauen. Doch auch hier ist die Geburtenrate abhängig vom Bildungslevel der Migrantinnen.

"Wenn wir die Frauen angucken zwischen 35 bis 39 Jahren, dann sieht man, dass die türkischen Frauen die höchsten Kinderzahlen haben im Schnitt. Und dann kommen die osteuropäischen Frauen. Insbesondere sehen wir, dass in dieser ersten Generation türkischer Frauen auch noch Drei- und Vierkinderfamilien vorkommen und in der zweiten Generation, die hier geboren ist, nimmt das dann ab. Und auch bei den osteuropäischen Frauen ist es so. Da sind es eher Zweikindfamilien. Und da sieht man, in Deutschland selbst kommt dann wieder dieses Muster: weniger Kinder. Und das hängt insbesondere wieder mit Bildung zusammen, weil wir sehen, dass die Frauen, die eine höhere Qualifikation haben, die schränken die Kinderzahl ein."

Während die osteuropäischen Frauen die Familiengründung durchaus aufschieben, um ihr berufliches Fortkommen nicht zu gefährden, sieht es bei den türkischen Migrantinnen anders aus. Sie bekommen früh ihre Kinder, die dann zum Hindernis werden, eine wie auch immer geartete Ausbildung zu beginnen. Ein Problem, das, wie Cornelia Helfferich meint, dringend gelöst werden muss.

"Wir haben nach wie vor, im Jahr 2008, 2009, 2010 eine Zuwanderung von jungen Frauen zwischen 18 und 22, die im Zusammenhang mit einer Heirat nach Deutschland kommen. Das Problem fängt da an, wo sie eine niedrige Bildung haben. Das heißt, sie kommen hierher, sie schieben die erste Geburt vielleicht ein kleines bisschen auf, bekommen dann aber relativ jung das erste Kind, bekommen dann mehrere Kinder hintereinander. Und dann laufen sie genau in diese Falle, sie haben eine niedrige Bildung, machen erst mal ihre Familienkarriere. Und wir haben anschließend für Frauen, die Kinder haben und die, wenn die Kinder ein bisschen größer sind, sagen, jetzt möchte ich eigentlich was machen, einen Job machen, eine Berufsausbildung machen, wir haben dafür keine Angebote für Frauen. Wir brauchen ein Angebot für türkische Frauen, die, wenn die Kinder fünf, sechs Jahre alt sind, überhaupt mal einen Ausbildungsabschluss machen. Und dazu muss man auch zu den Frauen gehen und kann nicht erwarten, dass sie kommen."

Vor ein paar Jahren zeichnete der renommierte Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg in seinem Buch "Die ausgefallene Generation" ein zutiefst pessimistisches Bild von Deutschlands Zukunft. "Bevölkerungsdämmerung steht über dem Land" hieß es bei ihm; leere Wiegen und volle Pflegeheime führten in Zukunft zu einem Kollaps der sozialen Sicherungssysteme. Harte Verteilungskämpfe seien zu erwarten zwischen Alt und Jung, Kinderlosen und Familien. Ganz zu schweigen von den Folgen, die der Geburtenrückgang in den besser gebildeten Schichten habe.

Von solch düsteren Szenarien wollten die Demografen auf ihrer Jahrestagung in Rostock nichts wissen. Ganz im Gegenteil. Einige sprachen sogar vom "Ende der extrem niedrigen Geburtenraten", da in etlichen Ländern, vor allem des ehemaligen Ostblocks, die Geburtenraten wieder ansteigen. Und möglicherweise, so war dort zu hören, basiere die Berechnung, Frauen in Deutschland bekämen im Schnitt weniger als 1,4 Kinder ohnehin auf einer statistischen Verzerrung. Diese werde hervorgerufen dadurch, dass immer mehr Frauen erst spät ihre Kinder bekämen.

"Wir wissen, dass diese 1,4 Kinder in Deutschland zu niedrig sind, aufgrund dieser Verzerrung, die wir Tempoeffekte nennen. Und da ist man sich einig, dass ein besserer Schätzwert für die Fertilität in Deutschland eigentlich 1,6 ist und dass sich langfristig die Fertilität in Deutschland eher wieder auf 1,6 reguliert, dass das wahrscheinlicher ist."

Das - klingt nun wirklich überraschend! Ist der Bevölkerungsrückgang also nur halb so dramatisch, wie es uns seit Jahren vorgerechnet wurde? Das Statistische Bundesamt kommt nach wie vor zu anderen Ergebnissen. Auf eine Nachfrage kam folgende Antwort:

Die zusammengefasste Geburtenziffer von 1,38 Kindern je Frau ergibt sich nach der - auch international - üblichen Berechnungsmethode. Sie zeigt das tatsächliche Geburtenverhalten für das betreffende Jahr, hier 2008, an. Die Angaben des Max-Planck-Instituts stammen aus einem Schätzverfahren, mit dem die Veränderungen des Alters der Mütter bei der Geburt heraus gerechnet werden sollen. "Wie hoch wäre die Geburtenziffer, wenn sich das Alter der Mütter nicht verändert hätte?", (lautet dort die Frage). ... Die für das Schätzverfahren benötigten Ausgangsdaten liegen bisher aus der amtlichen Statistik nicht vor, das Max- Planck-Institut zieht daher andere Quellen heran. ... (Das Institut) geht hier von einem anderen Ansatz aus und gelangt zu anderen Schlussfolgerungen als wir.

Der Laie staunt. Und lernt vor allem eins: Eine Statistik ist kein Ersatz für das, was letztlich nur die Realität erweisen kann.

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