Montag, 09.12.2019
 
Seit 08:00 Uhr Nachrichten
StartseiteUmwelt und VerbraucherViele Fragen, aber keine Antworten13.09.2005

Viele Fragen, aber keine Antworten

Kranke Menschen und Tiere in einem Dorf in Aserbaidschan

In einem kleinen Dorf Aserbaidschans sind Menschen und Tiere unverhältnismäßig oft krank, die Pflanzen häufig verkümmert. Tatsache ist, dass am nahen Berghang eine Radarstation betrieben wird, mit der Russland die Luftbewegungen über dem Nordiran überwacht. Seit Ende der 70er Jahre ist diese Station ununterbrochen in Betrieb. Ob hier möglicherweise ein Zusammenhang besteht, darüber wird seit Jahren heftig gestritten.

Von Tobias Mayer

Die Bürger von Böyük Emili fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. (AP)
Die Bürger von Böyük Emili fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. (AP)

Schon aus dreißig Kilometer Entfernung ist die massive Betonanlage zu sehen, mit 127 Metern fast so hoch wie der Kölner Dom. Die Radarstation thront auf einem Hügel südlich der aserbaidschanischen Provinzhauptstadt Qebele, vor dem Panorama der mächtigen Bergkette des Großen Kaukasus. Die Südwand der Anlage ist schräg. Die Form des Bauwerks erinnert von der Seite ein wenig an eine ägyptische Pyramide. Nur ein paar Kilometer entfernt von der Radarstation liegt das kleine Dorf Böyük Emili. Auf die russische Anlage angesprochen, erregen sich die Gemüter der Dorfbewohner. Sie fühlen sich von der Regierung allein gelassen. Hüsameddin Gözelov ist Lehrer in Böyük Emili. Er sagt, die Radarstrahlung zerstöre Pflanzen und Tiere.

" Ich lebe schon seit 20 Jahren in diesem Dorf. Seit diese Station existiert, tragen die Obstbäume weniger Früchte. Schon nach zwei, drei Jahren ist die Getreideernte zurückgegangen. Apfelbäume wurden früher 50 bis 60 Jahre alt. Heute tragen sie nur 5 bis 10 Jahre Früchte, dann gehen die Bäume ein. Vor 20 Jahren hat ein Huhn im Jahr etwa 100 bis 150 Eier gelegt. Heute legt jedes nur noch 20 bis 30 Eier pro Jahr. "

Die Kinder hier im Dorf wirken apathisch, das fällt auf. Viele sind sehr dünn und sehen schwächlich und zurückgeblieben aus, manche sind offensichtlich geistig behindert. Der Dorflehrer bestätigt den Eindruck.

" Vor 10, 15, 20 Jahren, da musste ich im Unterricht nur alles einmal erklären. Heute muss ich alles 10mal wiederholen. Die Kinder haben Probleme mit dem Gedächtnis. Sie können sich nichts behalten. Selbst die älteren Schulkinder können sich nicht konzentrieren. Die Schüler sagen immer "ja, ja", aber vergessen alles gleich wieder. "

Ein Mann erzählt, er habe drei Kinder verloren; ein weiterer hat zwei Kinder und beide sind behindert. Auch viele Erwachsene sind krank. Sie haben Probleme mit dem Blutdruck und Schwindelanfälle. Besonders hart trifft es die Frauen im Dorf.

" Seit Jahren wird die Geburtenrate immer geringer. Frauen, die im 3. bis 5. Monat schwanger sind, haben Fehlgeburten. Die meisten Schwangeren sind krank. "

Besonders sensible Menschen wie Ilduze Orucova spüren buchstäblich am eigenen Leib, wie die Luft hier vibriert. Der eigene Körper wird zum Indikator der Belastungen. Nachts zwischen eins und vier sei es besonders schlimm.

" Vor drei Jahren war die Strahlung eines Tages so stark, dass drei Personen am gleichen Tag gelähmt wurden. Zwei sind gestorben, die dritte konnte gerettet werden und hat überlebt. "

Ilduze besitzt ein Haus in Böyük Emili. Ihr großer Garten wirkt idyllisch, doch die Bäume, Sträucher und Beete bringen wenig Ertrag. Auch Ilduze Orucova ist krank.

" Letztes Jahr war ich bei einem bekannten Arzt in Baku. Ich litt an Herzschmerzen. Als der Arzt mir die Frage stellte, woher ich denn käme, sagte ich: aus der Provinz Qebele. Er erklärte mir, dass die Herzschmerzen von den Strahlen verursacht werden. Er kenne viele Fälle. Es sei nicht nur gefährlich, in Qebele zu wohnen, sondern auch die Früchte von dort zu essen. Der Arzt hat uns empfohlen, unser Haus in Qebele zu verlassen. Aber wir sind arme Menschen und haben keine Möglichkeit, irgendwo anders hinzugehen. "

Wer kann, geht zum Arbeiten weg aus dem Dorf, in die Hauptstadt Baku oder gleich nach Russland. Die negativen Auswirkungen der Radarstation auf die Dorfbewohner scheinen offensichtlich, doch die genauen Ursachen sind bisher ungeklärt. Ob es an der extrem starken Radarstrahlung, an der so genannten Röntgenstörstrahlung, den thermischen Einflüssen der Anlage oder den massiven Emissionen von Freon-Treibgas der Kühlanlage liegt, die zusätzlich den Boden verseucht, müsste wissenschaftlich untersucht werden.

Zurück in Baku. Der aserbaidschanische Umweltminister Hüseyn Bagirov reagiert ausweichend auf die Vorwürfe der Dorfbewohner.

" Die Auswirkungen dieser Radarstation sind nur sehr schwer nachzuweisen und darzustellen, denn der Einfluss der Radarwellen ist in der Welt bis jetzt noch wenig erforscht worden. Wir vermuten, dass es solche Einflüsse gibt, aber es gibt noch keine fundierten wissenschaftlichen Ergebnisse. Der jetzige Kenntnisstand erlaubt uns nicht, einseitig zu erklären, dass die Radarstation Probleme verursacht oder die Umwelt beeinflusst. "

Die Regierung zeigt guten Willen und hat eine Kommission eingesetzt. Doch immer wenn ein Untersuchungsteam aus Baku nach Böyük Emili kommt, so erzählen die Dorfbewohner, fahren die Russen die Leistung der Radaranlage herunter. So ist wohl auch in den nächsten Jahren kaum mit einer Lösung des Problems zu rechnen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk