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StartseiteForschung aktuellVielfältige Vorfahren09.08.2012

Vielfältige Vorfahren

Im menschlichen Stammbaum tummeln sich viele Ahnen

Paläoanthropologie. - Die Wiege der Menschheit stand in Afrika, das wusste schon Charles Darwin vor mehr als 150 Jahren. Aber wann und wie hat sich unser Gattung Homo entwickelt? Bislang gingen Forscher davon aus, dass sie die Anfänge im Prinzip verstanden hatten. Doch nun präsentieren Paläoanthropologen im Fachblatt "Nature" gleich drei neue Fossilien. Und die machen die Frühzeit des Menschen komplizierter als bislang angenommen.

Von Michael Stang

Meave Leakey, Turkana Basin Institute, (l.) und Fred Spoor, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, (r.) sichten Fossilien am Turkana See. (National Geographic/Mike Hettwer)
Meave Leakey, Turkana Basin Institute, (l.) und Fred Spoor, Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, (r.) sichten Fossilien am Turkana See. (National Geographic/Mike Hettwer)

Die Ursprünge der menschlichen Gattung Homo liegen noch weitestgehend im Dunkeln. Irgendwann vor 2,5 und zwei Millionen Jahren ging sie aus der Gattung Australopithecus hervor, zu der auch die berühmte Lucy gehört. Trotz zahlreicher Fossilienfunde in den vergangenen Jahrzehnten streiten sich Paläoanthropologen weiter darum, wie viele Menschenarten vor knapp zwei Millionen Jahren gleichzeitig in Afrika gelebt haben. Gab es neben Homo erectus nur eine, vielleicht zwei oder sogar drei weitere Spezies, die sich irgendwo im menschlichen Stammbaum getummelt haben? Nun lichtet sich Meave Leakey zufolge das Theoriendickicht etwas. Die Paläoanthropologin vom Turkana Basin Institute in Nairobi hat zusammen mit ihrem Ausgrabungsteam gleich drei Fossilien entdeckt: einen Gesichtsschädel und zwei Unterkiefer.

"Die neuen Fossilien ermöglichen es uns zum ersten Mal klar zu unterscheiden, welche Fossilien nicht zu Homo erectus gehören. Zudem zeigen sie uns, dass die anderen Knochen zu zwei verschiedenen Gruppen gehören. Das bedeutet, dass es zu Beginn unserer Gattung Homo mehrere Gruppen gegeben hat und der Ursprung der heutigen Menschen tatsächlich sehr verschieden war."

Die Fossilien sind zwischen 1,78 und 1,95 Millionen Jahre alt. Meave Leakey und ihr Co-Autor Fred Spoor vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig sehen darin nun den Beweis, dass neben Homo erectus noch mindestens zwei weitere Arten des frühen Homo vor knapp zwei Millionen Jahren in Ostafrika gelebt haben.

"Die Evolution des Menschen geht definitiv nicht mit einer gradlinigen Entwicklung einher, auch wenn das einige Kollegen gerne so hätten, wo man einfach von einer Urform auf die heutigen Menschen schließen kann, aber so ist das leider nicht. Es sieht eher so aus, dass die Frühzeit unserer Gattung sehr vielfältig war."

Dass nah verwandte Arten nebeneinander leben können, gebe es in der Natur häufig. Wenn sich die Lebensweisen wie etwa die Ernährung sehr unterscheiden oder es zu einer räumlichen Trennung kommt, kann sich relativ rasch eine neue Art entwickeln, so dass zwei Spezies nahe beieinander zur gleichen Zeit in der gleichen Gegend leben. Spoor:

"In der Frühzeit unserer Gattung Homo gab es also parallel mindestens zwei Arten. Das können wir jetzt nicht nur an dem neuen Gesichtsschädel erkennen, sondern auch an den Unterkiefern. Das zeigt einfach, dass vor knapp zwei Millionen Jahren Ostafrika ziemlich dicht bevölkert war und zwar nicht nur von einer, sondern von mehreren Menschenarten."

Die Frage ist nun aber: welchen Namen bekommen diesen beiden Gruppen? Eine neue Art rufen Meave Leakey und Fred Spoor nicht aus und das aus gutem Grund. Denn spätestens an dieser Stelle wird das Dilemma der beiden Paläoanthropologen deutlich.

"Wir haben uns noch nicht entschieden, welchen Namen wir diesen Gruppen geben sollen. Bernhard Wood, der unseren Artikel in 'Nature' kommentiert, ordnet die Funde Homo habilis und Homo rudolfensis zu. Wir machen das aber nicht, denn für uns reichen die Daten noch nicht aus. Aber so ist Wissenschaft: Man kann nicht immer mit einer hübschen Palette an Namen für diese beiden Menschenlinien aufwarten."

Folgt man der Argumentation von Bernard Wood von der George Washington University lassen sich die neuen Funde sehr wohl zu bereits bekannten Frühmenschenarten zuordnen, nämlich zu Homo habilis und Homo rudolfensis. Er sieht sich damit in seiner These bestätigt und bezeichnet daher auch die Funde als längst überfällig. Damit stellt sich für ihn auch gar nicht erst die Frage, ob es noch eine weitere bislang unbekannte Menschenart gegeben hat. Allerdings werden die beiden frühen Homo-Vertreter nicht von allen Forschern als eigene Spezies anerkannt. Und auch Fred Spoor und Meave Leakey wollen nicht oder noch nicht die neuen Funde diesen beiden Menschenarten zuordnen. Die Frage können nur weitere gut erhaltene Fossilien aus der Frühzeit der Gattung Homo beantworten.

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